EURO 2016: Fußball unterm Aluhut

Foto: Aluhut CC BY-SA 2.0 via FlickrFoto: Aluhut CC BY-SA 2.0 via Flickr
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[Von Michael Barth] – Ja, Sie ahnen es, es geht immer noch um die leidigen Ausschreitungen bei der Euro 2016 – ein als Happening der Freude verkauftes Turnier, das mittlerweile den Einzug in die hohen Weihen der Politik gefunden hat. Inzwischen kreisen schon die absurdesten Gedanken durch die weite Welt des Netzes und wir setzen uns vorsichtshalber auch gleich unseren Aluhut auf, um uns vor dem Schlimmsten zu bewahren. Wer weiß, am Ende ist das Alles ja wirklich eine riesengroße Verschwörung auf höchstem Niveau.

Wollen wir einleitend einen Ausschnitt aus einem Facebook-Kommentar zitieren, der die Stimmung auf den Punkt bringt: „Sogar der Fußball wird instrumentalisiert und gewisse Leute sind sich nicht zu blöde, in verabscheuungswürdiger Weise russische Fans zu provozieren um Russland zu schaden. Ist doch klar, dass sich ein Russe nicht provozieren lässt und zurückschlägt wenn er angegriffen wird!“. Soweit so gut. Beziehungsweise eben nicht gut, denn das ist eigentlich nur der Anfang einer wirr in sich verknäulten Angelegenheit, die plötzlich konspirative Züge angenommen hat.

Gut, wir haben uns daran gewöhnt. Wenn etwas gar Schröckliches geschieht, ist Russland daran Schuld. Putin, allem voran, sowieso. Vor etwa 80 Jahren hätte man sicher genauso schnell den Jud‘, vor 60 Jahren den roten Kommunisten aus der Trickkiste gezaubert. Oder aber, stellen Sie sich nur vor, Russland wäre bei dieser EM überhaupt nicht vertreten, Syrien läge in Europa und spiele an seiner statt. Was glauben Sie, welchen potentiellen Schuldigen des Volkes Seele dann aus dem Topf gezogen hätte? Instrumentalisieren, das hört sich derzeit irgendwie gut an. Parallel einher gehend mit der NATO-Osterweiterung, ein gefundenes Fressen für all die Verschwörungstheoretiker, denen sowieso bei jeder Gelegenheit der Himmel auf den Kopf zu fallen droht.

Provokationen und der Hooliganismus an sich

Ja, man spricht von Provokationen seitens der Engländer. Ja, und man sprach auch schon von paramilitärischen Einheiten Putins, die gezielt Jagd auf die Engländer und den Rest Europas machen würden. Ja, und merkt denn eigentlich niemand, was für ein Blödsinn da in die Welt gesetzt wird? Es steht wohl kaum zu befürchten, dass das westliche Wertesystem durch Krawalle bei Fußballspielen aus den Fugen gerät. Da gehört schon eine ordentliche Portion Phantasie dazu, ein grundbanales gesellschaftliches Phänomen in die Weihen der höheren Politik zu heben. Vereinfacht gesagt, eine Prügelei zu einem allumfassenden Weltproblem zu erheben.

Bevor wir jetzt noch Aliens hinzuziehen, sollten wir vielleicht eher dem Hooliganismus an sich einmal etwas gründlicher auf die Finger schauen. Laut Online-Lexikon würden als Hooligans meist junge Männer bezeichnet, „die sich in Gruppen im Umfeld von Fußballspielen oder anderen Großereignissen Schlägereien mit rivalisierenden Gruppen oder auch mit Sicherheitskräften wie der Polizei liefern“. Weiter heißt es da, sie sähen ihr Verhalten als „Wettstreit unter harten Männern“, bei dem sich eine ausgeprägte Gruppendynamik nicht unter den Teppich kehren lässt. Gegenseitige Anerkennung und Machterleben sorgen für den „besonderen“ Kick. Und herrscht auch nach wie vor das landläufige Klischee vom tumben Asozialen, so finden sich in den Reihen durchaus Gesellen, die Ihnen am Montag wieder im Anzug am Bankschalter gegenüberstehen.

Und nun mal Hand aufs Herz: Was wäre das alles für eine lasche Gaudi, würde man sich nicht gegenseitig provozieren? Selbstverständlich haben die Engländer die Russen provoziert. Solch einen Sparringspartner auf Augenhöhe findet man nicht alle Tage. Nein, Provokationen gehören einfach dazu. Jedoch wird der Begriff Provokation in diesen Tagen überstrapaziert. Wer provoziert wen, warum und um was geht es überhaupt? Laut den russischen Medien fühle man sich landesweit vom Verhalten des Westens provoziert, wenn „Fans“ anderer Länder die russische Flagge im Staub zertreten und man tatenlos zusehen müsse, um glaubwürdiger Ausrichter der WM 2018 zu bleiben. Wohingegen sich der westliche Mainstream wie gewohnt schon alleine durch die Anwesenheit der Russen an sich provoziert fühlt.

Aber zugegeben, der Westen war übereifrig schnell, die Russen als Aggressor darzustellen. Einen Bärendienst hat zudem sicherlich auch der russische Blocksturm gegen englische Anhänger im Stadion geleistet. Aber angesichts betrunkener, aggressiver Schläger aus England, Frankreich, Irland, Deutschland und anderen Ländern ist es den Russen auch nicht zu verdenken, wenn sie sich alleine an den Pranger gestellt sehen. Mittlerweile wurde der französische Botschafter in das Außenministerium in Moskau einbestellt. Zur Sprache kam die Diskriminierung russischer Fans. Zudem sehe man in Moskau ein weiteres Schüren der anti-russischer Ressentiments als Belastung der Beziehungen zwischen den beteiligten Ländern.

Fangewalt und die WM 2018 im Besonderen

Fangewalt ist ein Thema, dass die Russen gern vom Tisch hätten, vor allem auch im Hinblick auf die WM 2018. Die FIFA vermeldete dieser Tage, Russland habe ein umfangreiches Sicherheitskonzept für die nächste Weltmeisterschaft vorgelegt. Demzufolge will man eine Wiederholung des Hooliganismus verhindern, „der das Bild der Europameisterschaft beschädigt habe“. Und wieder ist es Russland, dass sich in der moralischen Bringschuld sieht. Sicherlich nicht ganz ohne Grund, den es gibt derzeit viel Gerede um Gewalt, Doping und sonstige Entgleisungen im nationalen Sport. Im Hinblick auf die Teilnahme bei den Olympischen Spielen in Rio in wenigen Wochen und dem Großereignis in zwei Jahren steht für Russland verdammt viel auf dem Spiel.

Aber halt! Sind dieses ganze Theater nicht nur weitere kleine Mosaiksteine, die sich nahtlos zu den Truppenaufmärschen an der NATO-Ostgrenze, zu den unsinnigen Sanktionen, zum Bürgerkriegsszenario in der Ostukraine und auch dem friedvollen, gegenseitig gewollten, Anschluss der Krim an Russland aneinander reihen? Es wird, nennen wir das Kind beim Namen, ein Sch***spiel auf dem Rücken Russlands ausgetragen. Und hier wären wir wieder bei dem Begriff der Provokation. Ja, man darf das derzeitige Verhalten des Westens durchaus als provokant werten, da beißt die Maus keinen Faden ab. Es ist mehr als offensichtlich, wer hier versucht seine Interessen, buchstäblich mit aller Gewalt, durchzusetzen.

Ganz Ehrlich, rechtfertigt dies alles die vehementen Verschwörungstheorien gegen Russland? Selbst die russischen Medien rudern mittlerweile etwas zurück und räumen den eigenen Hooligans eine Mitschuld ein. So erschien heute zum Beispiel im Kreml-Sprachrohr „Sputnik“ eine Auflistung der russischen Hooligan-Vereinigungen und belegt anhand von Fotos, auf denen die „Krieger“ mit ihrer Beute zu sehen sind, wer von ihnen alles maßgeblich an den Ausschreitungen in Marseille an der „Front“ beteiligt war. Es ist wohl wie immer im Leben, dass auch hier immer zwei dazugehören.

Und nicht jeder Kondensstreifen eines Verkehrsflugzeugs ist gleich ein Chemtrail und die Erde birgt wohl auch keine Parallelwelt in ihrem Inneren. In diesem Sinne, wir nehmen unseren Aluhut jetzt wieder ab…

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.