Russlands Wirtschaft steht nicht vor dem unmittelbaren Zusammenbruch. In zwei fast zeitgleich erschienenen Interviews beschreibt der in den USA lebende russische Ökonom und frühere Kremlberater Wladislaw Inosemzew kein dramatisches Crash-Szenario, sondern etwas für Moskau womöglich Gefährlicheres: den schleichenden Verlust der eigenen Anpassungsfähigkeit.
Inosemzew widerspricht damit zwei verbreiteten Erzählungen zugleich. Die eine lautet, Russland werde unter Krieg und Sanktionen bald wirtschaftlich zusammenbrechen. Die andere, die der Kreml gern verbreitet, behauptet, Russland habe sich endgültig an den Krieg angepasst und könne ihn nahezu unbegrenzt finanzieren. Inosemzews Diagnose liegt dazwischen: Der russische Staat hat noch Geld, die Banken funktionieren, die Rohstoffexporte bringen Einnahmen. Aber das Wirtschaftsmodell, das den Krieg seit 2022 getragen hat, ist verbraucht.
Der entscheidende Punkt: Nach Beginn der als Blitzkrieg versuchten Machtübernahme in Kiew reagierte Moskau zunächst erstaunlich pragmatisch. Vorschriften wurden gelockert, Unternehmer erhielten Spielräume, Lieferketten wurden umgebaut, Importwege neu organisiert. Nicht der Staat allein rettete die Wirtschaft, sondern die Anpassungsleistung der Unternehmen. Inosemzew nennt diese erste Phase rückblickend fast bewundernd eine „meisterhafte Politik“. Der Kreml ließ die Wirtschaft atmen – und genau deshalb konnte sie den Krieg finanzieren.
Nun aber schlägt Putin nach Inosemzews Einschätzung in die entgegengesetzte Richtung um. Statt der Privatwirtschaft weiter Spielräume zu lassen, überzieht der Staat sie mit neuen Steuern, Gebühren, Kontrollen und Enteignungsrisiken. Der Präsident, so die Kernthese, beginnt sich wirtschaftlich selbst ins Bein zu schießen. Nicht weil Russland kein Geld mehr hätte, sondern weil Putin dem liberaleren Wirtschaftsmechanismus misstraut, der ihm bisher die Mittel für seinen Krieg geliefert hat.
Inosemzew sieht darin den Rückfall in ein altes sowjetisches Weltbild: Der Staat will nicht nur den Krieg, sondern auch die Wirtschaft, die Informationen, das Internet und letztlich den Alltag kontrollieren. Genau hier wird aus einer wirtschaftlichen eine politische Diagnose. Denn solange Preise langsam steigen und Realeinkommen schleichend sinken, können viele Russen das hinnehmen. Doch wenn plötzlich mobiles Internet ausfällt, Apps nicht funktionieren, Taxibestellungen, Parktickets oder Kartenzahlungen gestört werden, wird der Verlust unmittelbar spürbar. Dann wird Demodernisierung nicht abstrakt, sondern Alltag.
Dieser Begriff ist vielleicht der stärkste in beiden Interviews: Demodernisierung. Russland, so Inosemzew, verliert nicht nur Wachstum, sondern Zukunftsfähigkeit. Importsubstitution bleibt vielfach Fiktion, technologische Eigenständigkeit eine Propagandafolie. Flugzeugbau wird verschoben, Chips müssen aus China kommen, künstliche Intelligenz bleibt in vielen Bereichen Ankündigung. Während Putin in Peking Rohstoffe anbietet, zeigt sich laut Inosemzew, dass Russland technologisch immer weniger zu bieten hat.
Das ist auch militärisch relevant. Inosemzew formuliert eine für Moskau bittere Pointe: Die russische Wirtschaft könne dem Krieg vielleicht weiter 13 oder 15 Billionen Rubel pro Jahr zur Verfügung stellen. Aber daraus folge nicht, dass die Militärmaschine damit wirksamer werde. Russland habe nicht nur ein Geldproblem, sondern ein Fähigkeitsproblem. Es könne den Krieg auf eigenem Territorium immer schlechter kontrollieren: Drohnenangriffe, Raffineriebrände, Flughafenschließungen, Störungen der Infrastruktur. Die Wirtschaft finanziert den Krieg, aber sie kann die technologischen und organisatorischen Defizite der Kriegsführung nicht ausgleichen.
Auch beim Thema Mobilisierung widerspricht Inosemzew einfachen Erwartungen. Eine neue Massenmobilisierung hält er weiterhin nicht für wahrscheinlich. Nicht aus Humanität, sondern aus Kalkül. Die Mobilmachung von 2022 habe gezeigt, dass „kostenloses Kanonenfutter“ politisch und finanziell am Ende gar nicht kostenlos sei. Wer mobilisiert wird, müsse heute ähnlich bezahlt werden wie Vertragssoldaten. Der wirtschaftliche Vorteil einer Zwangsmobilisierung wäre gering, das politische Risiko dagegen enorm. Eine massive Mobilisierung, sagt Inosemzew sinngemäß, könnte der einzige Schritt sein, der das Regime wirklich gefährdet.
Gerade deshalb erwartet er eher eine Fortsetzung der teuren Rekrutierung über Prämien, hohe Zahlungen und Sterbegelder – das, was er früher als „Smertonomik“ beschrieben hat: eine Ökonomie, in der Tod, Verwundung und Frontdienst zu Einkommensmodellen für arme Regionen werden. Doch auch dieses Modell stößt an Grenzen. Es bindet Geld, Menschen und Verwaltungskraft, ohne eine strategische Wende zu garantieren.
Die eigentliche Grenze sieht Inosemzew für 2027. Nicht als Datum eines sicheren Zusammenbruchs, sondern als Punkt, an dem das Modell von 2022 endgültig erschöpft sein könnte. Der Kreml kann den Krieg weiterführen, aber immer weniger erklären, wie daraus noch ein Erfolg werden soll. Er kann die Wirtschaft stärker militarisieren, aber das würde die strukturellen Schwächen kaum beheben. Er kann Unternehmer stärker kontrollieren, aber gerade damit zerstört er jene Anpassungsfähigkeit, die ihn bisher getragen hat.
So entsteht ein paradoxes Bild: Russland ist nicht schwach genug, um zusammenzubrechen, aber auch nicht stark genug, um den Krieg erfolgreich zu beenden. Es kann weiter Geld ausgeben, aber nicht mehr sicher sein, dass Geld noch Wirkung erzeugt. Es kann die Wirtschaft unter Druck setzen, aber verliert dadurch Produktivität und Initiative. Es kann die Gesellschaft an langsam sinkende Lebensstandards gewöhnen, aber nicht an den abrupten Verlust moderner Alltagsfunktionen.
Inosemzews Analyse ist deshalb keine Crash-Prognose, sondern eine Warnung vor einer Sackgasse. Putin hat die russische Wirtschaft lange als Ressource behandelt, die seinen Krieg trägt. Nun beginnt er, diese Ressource aus Misstrauen und Kontrollzwang selbst zu beschädigen. Der Kreml bekämpft nicht nur die Ukraine und den Westen, sondern zunehmend auch die Voraussetzungen seiner eigenen wirtschaftlichen Stabilität.
Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft dieser beiden im russischen Portal Republic und im deutschen SPIEGEL erschienenen Interviews: Russlands Problem ist nicht, dass dem Staat morgen das Geld ausgeht. Russlands Problem ist, dass Putin immer weniger versteht, warum er bisher überhaupt noch Geld hatte.

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