EURO 2016: England spielt noch Krieg, Ukraine hat ihn schon

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[Von Michael Barth] – England und Fußball, das ist in etwa so, als würde man sich über einen alten Piratenfluch unterhalten, der einst eine blühende Insel verwelken ließ. England, das Mutterland des Fußballs, das seit geraumer Zeit regelmäßig artig zusehen muss, wenn andere die Trophäen und höheren Weihen einheimsen.

Mag es auf Vereinsebene durch teure Einkäufe noch einigermaßen passabel laufen, bekommt die englische Nationalmannschaft bei internationalen Turnieren schon seit Jahrzehnten keinen Fuß mehr in die Tür. Ganz anders die englischen Fans. Stets reiselustig, wie das von Inselbewohnern nicht anders zu erwarten ist, und voller Stolz hinter ihren „Three Lions“ stehend, verkörpern sie Fankultur in ihrer archaischsten Form.

Treten, stechen, hauen, alles ist erlaubt, wenn sich die fidelen Engländer, meist sturzbetrunken und stolz auf ihren dementsprechend gestalteten Astralkörper, unter die Leute mischen und gleich einer außer Rand und Band geratenen Büffelherde auf alles eindreschen, was bei Drei nicht auf den Bäumen ist. So auch wieder in der vergangenen Nacht, als sie in Marseille die dortigen Einheimischen sowie Polizeikräfte bei Laune hielten und routiniert in eine turbulente Saalschlacht verwickelten. Am morgigen Samstag werden die Engländer auf die Russen treffen. Man darf gespannt sein.

Ganz anders die Situation in der Ukraine. Zwar nach dem Zerfall der Sowjetunion ebenfalls keine Hausnummer mehr im internationalen Fußball, aber derzeit auch mit ganz anderen Sorgen beschäftigt. Während die Engländer äußerst „Erlebnisorientiert“ zur Sache gehen, haben die meisten Ukrainer vom Erlebten der letzten zwei Jahre gehörig die Schnauze voll. Der Bürgerkrieg im Osten des Landes und die verworrene politische Situation in Kiew bieten nicht wirklich einen Anreiz, Krieg und Frieden auf französischen Straßen nachzuexerzieren. Zuviel Blut ist im eigenen Land während kurzer Zeit geflossen.

Der Fußball in der Ukraine ist binnen kürzester Zeit komplett den Bach hinunter gegangen. So euphorisch die vermeintliche Aufbruchstimmung vor vier Jahren bei der, zusammen mit Polen ausgerichteten, EM 2012 noch war, so düster sieht der hinterlassene Scherbenhaufen heute aus. Der Flughafen von Donezk, genauso wie das dortige Stadion extra für dieses Fußballfest gebaut, zerbombt, ausgebrannt und in seinen Grundfesten zerstört. Zusammenbruch statt Aufbruch verheißt die traurige Realität.

Die ukrainische Premier Liga schrumpft zusehends. Gerade noch 12 Mannschaften kämpfen um den nationalen Titel, die berühmten Traditionsvereine aus dem Osten spielen mittlerweile in Stadien gut 1.000 Kilometer von der Heimat entfernt im Westen des Landes. Auch die Publikumszahlen minimieren sich rapide und sprechen für sich. Zu Spitzenspielen verirrten sich zuletzt noch mäßige 5.000 zahlende Zuschauer in die Arenen. Angesichts des durchschnittlichen Monatslohns von 170 Euro ist dies kaum verwunderlich.

Nichtsdestotrotz ist die Vorfreude auch in der Ukraine groß. Drei TV-Sender übertragen die Fußballspiele und in Großstädten wurden Fanmeilen mit Großleinwänden für das Public Viewing installiert. Wer es sich dennoch leisten konnte, Geld für ein Ticket samt Reisekosten aufzubringen, sieht sich mit einer undurchsichtigen Visapolitik Pjotr Poroschenkos konfrontiert. In Kiew muss sich das französische Konsulat massive Kritik wegen langer Wartezeiten und sogar unbegründeten Absagen anhören. Am Sonntag spielt die Ukraine dann gegen Deutschland. Zumindest zählen die deutschen Fans in dem Fall nicht zu den Gefürchtetsten. Das überlassen sie dann doch gerne ihren Kollegen von der Insel.

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.