Ende der Eiszeit? Erdoğan entschuldigt sich bei Putin

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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat sich bei Wladimir Putin mit einem Brief für den Abschuss des russischen Kampfflugzeugs entschuldigt- sagt zumindest die Pressestelle des Kremls. Damit scheint der Weg frei für eine Entspannung im Konflikt zwischen Ankara und Moskau.

Erdogan schreibt in dem Brief, die Türkei habe „nie den Wunsch und die Absicht gehabt, ein Flugzeug der Russischen Föderation abzuschießen“, so der Kreml. Der türkische Präsident drückt in dem Schreiben der Familie des getöteten Piloten sein Mitgefühl und Bedauern aus und bittet um Entschuldigung. Man sei „zu jeder beliebigen Initiative bereit“, um den Schmerz und das Leid der Angehörigen zu lindern.

Der türkische Staatschef sagt in seinem Brief, Russland sei für die Türkei „Freund und strategischer Partner“, mit dem man die Beziehungen nicht verderben wolle. Deshalb hätte die türkische Seite sich auch die Leiche des russischen Piloten von syrischen Oppositionellen übergeben lassen und den Leichnam gemäß aller militärischer und religiöser Regeln behandelt. Laut Erdoğan liefen in der Türkei auch Ermittlungen gegen jenen türkischen Staatsbürger, der für den Tod des Kampfpiloten verantwortlich gemacht wird.

Bedauern – aber keine Details zum Abschuss

Die mit zwei Mann besetzte russische Maschine vom Typ SU-24 war am 24. November 2015 im syrisch-türkischen Grenzgebiet von einem türkischen Kampfjet abgeschossen worden. Die beiden Besatzungsmitglieder konnten sich mit Fallschirmen retten, doch wurde der russische Pilot Oleg Peschkow von syrischen Rebellen noch in der Luft erschossen.

Erdoğan geht in seinem Schreiben offenbar nicht weiter auf die Umstände und Verantwortlichkeiten des Abschusses ein – jedenfalls veröffentlichte der Kreml keine diesbezüglichen Passagen. Während die Türkei von einer Verletzung ihres Luftraums sprach, stritt die russische Seite dies strikt ab.

Antitürkische Sanktionen nun obsolet?

Damit scheint der Weg frei zu sein für einen Kursumschwung in den seither eiskalt gewordenen russisch-türkischen Beziehungen: Ungeachtet aller Differenzen um den Konflikt in Syrien hatte der Kreml eigentlich immer nur eine Kernforderung an Ankara – die nach einer formvollendeten Entschuldigung. Als diese nach dem Abschuss nicht erfolgte, verhängte Russland scharfe Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei: Es schränkte die Tätigkeit türkischer Unternehmen in Russland stark ein, sperrte den Import zahlreicher Agrarprodukte nach Russland und verbot russischen Reisebüros, weiterhin Türkei-Urlaube anzubieten. Auch die Charterflugverbindungen wurden gekappt.

Erdoğan schreibt nun jedenfalls, dass er bereit sei, alles Mögliche für eine Wiederherstellung der „traditionell freundschaftlichen Beziehungen zwischen der Türkei und Russland“ zu tun. Laut Hurriyet Daily News bestätigte ein Sprecher von Erdogan, dass ein Entschuldigungsbrief nach Moskau abgegangen sei.

Seit Ende Mai hatte es mehrfach vorsichtige Anzeichen gegeben, dass beide Seiten an einer Beilegung des Konflikts interessiert seien. So erfolgte von russischer Seite auch eine Einladung an den türkischen Außenminister, am 1. Juli an einer Sitzung des Wirtschaftsrates des Schwarzmeer-Staaten teilzunehmen.

Dieser Termin könnte nun bereits die Gelegenheit bieten, das Kriegsbeil zu begraben und konkret über eine Aufhebung der Sanktionen zu sprechen.

[ld/russland.NEWS]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.