EM 2016: Russland ist Europameister

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Bergdorf Morzine – Russland ist Europameister! Der Jubel kennt keine Grenzen, Russland ist wieder wer. Dank ihrer guten Technik sowie den überragenden taktischen Kompetenzen setzte die „Sbornaja“ deutliche Akzente und hinterließ einen nachhaltigen Eindruck bei diesem Turnier. Russland darf zu recht stolz auf „seine“ Mannschaft sein, denn soviel Souveränität in einem Team sucht man vielerorts vergeblich.

Der Weg der Russen ins Finale erfolgte quasi im gestreckten Galopp. Von Anfang an gab es nichts, was Zweifel an ihrer Favoritenrolle hätte aufkommen lassen können, nur allzu deutlich waren die Siege gegen die vermeintlichen Mitkonkurrenten. Spätestens nach dem 10:0 Kantersieg gegen die Engländer stand fest, mit dieser „Sbornaja“ ist zu rechnen. Der Finalsieg, ein packend heraus gespieltes 4:1 gegen die Ukraine, war letztendlich nur noch Formsache.

So, und bevor uns nun glühende Anhänger des Fußballsports ans Leder wollen und uns der dreisten Lüge bezichtigen, sollten wir dieses Verwirrspiel lieber beenden und uns um Aufklärung bemühen. Natürlich handelt es sich in vorliegendem Text nicht, die pfiffigen unter unseren Lesern haben es bestimmt längst bemerkt, um die Endrunde der von der UEFA ausgerichteten diesjährigen Fußball-Europameisterschaft, obwohl diese auch in Frankreich stattfindet.

Die Bergdorf-EM – mehr als nur ein Spaß-Spektakel

Vielmehr haben wir Ihnen hier an dieser Stelle den Endstand der, regional mehr als gerühmten und hochgelobten, Bergdorf-EM vermeldet. Die Bergdorf-EM, ein mit vollem Ernst betriebenes Spaßprojekt, wurde im Jahr 2008 im bergigen Kanton Wallis in der Schweiz gegründet und erfreut sich alle vier Jahre, als Pendant zur „großen“ EM, überdurchschnittlicher Beliebtheit.

Eigentlicher Urheber des Turniers ist der FC Gspon. Der malerische Weiler Gspon, 1.893 Meter über dem Meer gelegen, hat gerade eine Handvoll permanente Einwohner aber dafür auf fast 2.000 Metern Seehöhe den höchstgelegenen Fußballplatz Europas. Das, exponiert an einem steilen Abhang gelegene, Spielfeld macht es zwingend notwendig, dass der ansässige FC über mehr als nur einen Ball verfügen muss, da erfahrungsgemäß im Lauf einer Spielzeit immer mehr der Spielgeräte zum Opfer der Schwerkraft werden.

Dort oben wo kein Gras mehr wächst

Leisten sollten es sich die Gsponser mittlerweile können. Da in solch schwindelerregenden Höhen sowieso schon kein natürliches Gras mehr wächst, musste der Platz, dessen „Bewuchs“ aus Steinen und Geröll bestand, aufwendig präpariert werden. Die anfänglichen Versuche mit tonnenweise angekarrtem Rindenmulch konnten keine dauerhafte Lösung sein. Dank der vorbildlichen Vermarktung des Winter- und Sommersportgebiets spielt man in Gspon heute auf Kunstrasen in der „Ottmar Hitzfeld GsponArena“.

Das Teilnehmerfeld einer solchen Bergdorf-EM umfasst 12 Teams und selbstverständlich nehmen bei diesem Turnier nur Mannschaften aus den Nationen teil, die auch bei der UEFA-EURO vertreten sind. Der Spielmodus ist den, durch das Terrain eingeschränkten, Umständen angepasst. Gespielt wird 8 gegen 8, natürlich auf etwas kleineren Feldern und mit angepassten Regeln. Jeweils ein Verein der teilnehmenden Ländern stellt die komplette Turniermannschaft. Im Falle Russlands gebührt diese Aufgabe dem LFL Krasnaja Poljana. Das Bergdorf, gerade 39 Kilometer vom Schwarzen Meer entfernt, war bereits Ausrichter bei den Olympischen Winterspielen 2014.

Das, ursprünglich als Eidgenössisch-Österreichische Angelegenheit ins Leben gerufene Turnier hat nun das dem Wallis angrenzende Frankreich erreicht. Die Veranstalter in Morzine, zwar „nur“ 1.500 über den Meer gelegen, hatten mit den selben Widrigkeiten zu kämpfen, wie alle anderen Bergdörfer auch. Starkregen und die bange Frage, wo sich ausreichend Rindenmulch beziehen lässt. Am Ende hat sich der ganze Aufwand dann aber mehr als gelohnt. Das mediale Interesse wurde weiter entfacht und die Bergdorf-EM ist auf dem besten Weg, über die Berge hinaus bekannt zu werden.

Und bevor es in Vergessenheit gerät, auch im Vorfeld der „großen“ EM gibt es Kleines zu berichten. So konnte Russland, von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, in seinen beiden letzten Testspielen vor dem Turnier nicht gerade mit Klasse glänzen. Einer 1:2 Niederlage gegen Tschechien folgte ein mehr als mageres 1:1 gegen die Serben. Da besteht offenbar noch Handlungsbedarf. Handlungsbedarf besteht auch im Fall Igor Denissow. Nach einer Verletzung im Spiel gegen Serbien fällt der Mittelfeldregisseur für das Turnier aus und wird durch Artur Jussupow ersetzt.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.