Eisbaden zum Erscheinungsfest [Mit Video-Classic]

In der Nacht des Christi-Taufe-Festes, das nach dem julianischen Kalender am 19. Januar stattfindet, werden alle Gewässer geweiht. Das Fest der Taufe Christi ist auch als „Große Wasserweihe“ bekannt. Nach dem  nächtlichen Gottesdienst und nach der Liturgie am 19. Januar taucht der Priester das Kreuz drei Mal in das Fließgewässer, das an diesem Tag mit seinem Wasser die ganze Schöpfung weiht.

Die Gläubigen strömen in die Kirchen, um geweihtes Wasser nach Hause zu holen. Diesem Wasser wird in der orthodoxen Welt eine besondere Kraft und Bedeutung zugesprochen. Bis zur nächsten Weihe wird das Wasser zu Hause aufgehoben. Die Orthodoxen glauben, dass Christi-Taufe-Wasser eine heilende Wirkung hat. Man trinkt es nicht nur, sondern besprengt damit die Wohnung „Das Wasser, das in dieser Nacht aus einem Eisloch oder aus einem Brunnen geschöpft wird, hat starke Heilkräfte. Es ist ein wundertätiges Wasser, ein heiliges, das Jesus Christus durch seine Taufe geweiht hat. Es kann nicht verderben, auch wenn man es lange stehen lässt“ (Sinjawskij, S. 191)

In dieser Jahreszeit sind die meisten Seen und Flüsse in Russland zugefroren. Da am 19. Januar alle Gewässer als geheiligt gelten, gehen viele Gläubige in Eislöchern baden, um sich einer Reinigung zu unterziehen. Allein in Moskau nehmen an dieser Zeremonie jährlich mehr als 30 Tausend Menschen teil. „Für Orthodoxe ist das eisige Ritual ebenso Pflicht wie für den Katholiken die Sonntagsmesse“, las man in einem Artikel in „Focus“, der den Titel „Kälteschock statt Beichte“ trug. Das ist natürlich ein absoluter Unsinn. Weder ist das Baden am 19. Januar ein Ersatz für die Beichte, noch ist es eine Pflicht. Das Eintauchen im heiligen Wasser ist eine Tradition, ein alter Brauch, der nicht zwingend zum Fest selber gehört und natürlich nicht von allen Sünden befreien kann.

In diesem Jahr hat man allein in Moskau 57 Stellen errichtet, wo Gläubige in eiskaltes Wasser eintauchen konnten. Gott sei Dank gab es in diesem Jahr keine starken Fröste, denn sonst herrscht um diese Zeit klirrende Kälte (im Russischen spricht man sogar von Christi-Taufe-Frösten). Laut offiziellen Angaben haben im ganzen Land insgesamt mehr als 1,3 Millionen Russen in der Nacht von 18. auf den 19. Januar an Eisbaden teilgenommen, viel mehr, als voriges Jahr. Vielleicht, weil es eben nicht so kalt war. [Daria Boll-Palievskaya]

Über den Autor

Dr. Daria Boll-Palievskaya
Selbstständige interkutlurelle Trainerin und Coach mit Schwerpunkt Russland. Berät deutsche Unternehmen bei ihrem Engagement in Russland. Freiberufliche Journalistin und Publizistin