Ein Paradebeispiel deutscher Berichterstattung: Moskaus Antwort auf die amerikanischen Sanktionen ist „unangemessen“

[Kommentar von Julian Müller] Nachdem über die von Vladimir Putin angekündigte Reaktion auf die Verschärfung der Sanktionen bereits hinlänglich berichtet wurde, bringt die WELT nun ein wahres Meisterstück der Suggestion mit einer prägnanten Überschrift: „Putins Strafaktion hat deutliche Parallelen zum Kalten Krieg“.

Die zentrale These im Rahmen einer Zusammenfassung der jüngsten Ereignisse lautet, dass die russische Reaktion auf die amerikanischen Beschlüsse die schwerwiegendste diplomatische Eskalation seit dem Ende des Kalten Krieges darstelle. In den folgenden Absätzen wird über Begebenheiten aus den 80er Jahren berichtet, wo seitens beider Supermächte ebenfalls Diplomaten ausgewiesen wurden.

Nachdem der Leser schließlich von diesen Dingen ein wenig gelangweilt ist, welche mit der aktuellen Situation überhaupt nichts zu tun haben, schlägt der Autor der WELT gnadenlos zu: Es sei unklar, was Putins Reaktion für die Zukunft der russisch-amerikanischen Beziehungen bedeutet. Russland habe sich vehement in den amerikanischen Wahlkampf eingemischt, um die Falkin Hillary Clinton zu verhindern und den Russlandfreund Donald Trump ins Amt zu befördern. Trump seinerseits habe es im Wahlkampf und auch als Präsident tunlichst vermieden, Kritik an Putin zu üben. Wenn Trump in der Russlandpolitik nicht noch mehr Glaubwürdigkeit verlieren wolle, könne er die heftige Reaktion der Russen nicht einfach auf sich beruhen lassen. Sollte Trump untätig bleiben, könne dies den Verdacht erhärten, dass der Kreml etwas gegen ihn in der Hand habe.

Nun kann man sich erst einmal die Frage stellen, warum sich vor diesem reißerischen Gerede zig Absätze über irgendwelche längst vergessene Kamellen aus dem Kalten Krieg befinden. Ganz einfach: Hört man das Wort „Kalter Krieg“, so dürften viele sofort an die Kubakrise, den Bau der Berliner Mauer und die damals allgegenwärtige Bedrohung durch den nuklearen Overkill denken. Kurzum, die damit verbundenen Gefühle sind negativer Natur. Dieses als Framing bezeichnete Instrument gehört zum Handwerkszeug eines jeden Menschen, welcher an politischen Auseinandersetzungen beteiligt ist. Dabei werden unterbewusst gewisse (negative) Assoziationen hervorgerufen, welche der Konsument mit einem Thema (Russland) verbinden soll.

Wo nun das Fundament gelegt ist, folgt der Teil, welcher am meisten Platz einnimmt. Fast jeder, der sich ein wenig mit der Zeitgeschichte befasst, kennt die Geschichten der gegenseitigen Ausweisungen von Diplomaten während des Kalten Krieges. Nachdem der Text nun gemächlich dahin dümpelt, folgt der oben geschilderte Teil. Diesen hätte man sich auch sparen können, hätte man nur die Geschichte mit den Diplomaten an den Mann bringen wollen. Räumlich nimmt er am wenigsten Platz ein, von der Botschaft her bildet er jedoch den Kern der Ausführungen. Die angeblichen „russischen Einmischungen“ in den US-Wahlkampf 2016 werden einfach als Tatsache hingenommen – wohl in der Hoffnung, dass die Leser das irgendwann einfach glauben, wenn sie es nur oft genug lesen. Höhepunkt ist schließlich die Aussage, dass die russische Reaktion „unangemessen“ sei. Abgerundet wird die Tirade von dem Wunsch, dass Trump weiter an der Sanktionsschraube drehen soll – warum sollte man sonst schreiben, dass dieser ob seiner Glaubwürdigkeit die heftige Reaktion der Russen nicht auf sich beruhen lassen könne?

Anstatt diese Aussage zu begründen, wird in dem Text lieber der 30 Jahre alte Mist aufgewärmt. Schaut man sich die augenscheinlichen (wirtschaftlichen) Beweggründe hinter den amerikanischen Sanktionen an, so muss man den Text der WELT für das halten, was er ist: billige Propaganda. Die Reaktionen im Kommentarbereich unter dem Artikel zeigen, dass sich eine Vielzahl von Lesern dieses Umstandes bewusst ist.

Psychologisch ist der Text zunächst mit Blick auf die suggestive Gestaltung interessant. Wer so schreibt, der kann sich damit nur an ein kaum bis unterdurchschnittlich politikaffines Publikum wenden. Derlei Leute geben das Gelesene am Wochenende nach dem siebten Bier in der Stammkneipe voller Stolz wieder, ohne sich darüber irgendwelche Gedanken zu machen. In Bezug auf interessierte Zeitgenossen scheint es aber zu den Entwicklungen der Gegenwart zu gehören, den etablierten Medien zunehmend weniger zu vertrauen.

Auf der anderen Seite sagt der Text einiges über die etablierten Medien an sich aus. Es gehört schon eine nicht zu verachtende Überheblichkeit dazu, seinen Lesern so etwas Plumpes wie den hier geschilderten Beitrag vorzusetzen und sich gleichzeitig als Qualitätspresse aufzuspielen. Viele Journalisten scheinen bei gewissen Themen ein nicht zu verachtendes Schwarmverhalten an den Tag zu legen – Russland ist eines dieser Themen. Dies soll nicht heißen, dass die Gegenseite sich großartig anders verhält, auch wenn sie im deutschsprachigen Raum zahlenmäßig geringfügiger vertreten ist: Einseitig und dogmatisch die russische Perspektive vertretende Medien und User in den sozialen Netzwerken legen nicht selten eine Form von Meinungsmache an den Tag, welche so schlecht und lausig ist, dass sie im Gegensatz zu den mehr oder (in diesem Fall) weniger suggestiven Erzeugnissen der Mainstreammedien umgehend für jedermann als solche zu erkennen ist.

Die bewusste und unterbewusste Schaffung und Aufrechterhaltung von Feindbildern dürfte bei den Prozessen beider Seiten eine gewichtige Rolle spielen. Ein Grund genug, in den nächsten Tagen dem Thema Feindbilder einen gesonderten Artikel zu widmen.

Wer sich den Artikel der WELT in voller Länge durchlesen möchte, kann dies unter folgendem Link tun: https://www.welt.de/politik/ausland/article167227306/Putins-Strafaktion-hat-deutliche-Parallelen-zum-Kalten-Krieg.html

 [Julian Müller/russland.NEWS]