„Ein interessant inszeniertes Spektakel“: Wie ich mich mit Sputnik V impfen lies© russland.NEWS

„Ein interessant inszeniertes Spektakel“: Wie ich mich mit Sputnik V impfen lies

Während in der EU die meisten Menschen nicht einmal hoffen können, bis Ende des Jahres geimpft zu werden, müssen in Russland im Gegenteil viele Menschen dazu überredet werden, sich impfen zu lassen. Ob in einer Poliklinik, in einer Privatklinik oder sogar in großen Einkaufszentren wie im berühmten GUM – die Russen haben viele Möglichkeiten, wie und wo sie sich gegen Covid-19 impfen lassen können. Dabei haben sie die Wahl zwischen zwei Vakzinen – Sputnik V und EpiVacCorona. Ein drittes soll demnächst auf den Markt kommen.

Auch ich habe mich entschlossen, die Gelegenheit zu nutzen und mich mit Sputnik V impfen zu lassen. Meine Wahl fiel auf die Helikon-Oper. Ja, eines der besten Opernhäuer in Moskau bietet diesen Service an. Hier braucht man keinen Termin im Voraus zu vereinbaren. Alles, was Sie dabeihaben müssen, ist Ihr Ausweis. Auch eine gesetzliche Krankenversicherung ist nicht erforderlich.

Auf Anraten des Intendanten des Theaters, Dmitri Bertman, komme ich um 16 Uhr an. Normalerweise kommen die meisten Menschen morgens und abends – vor und nach der Arbeit. An manchen Tagen werden hier bis zu 200 Menschen geimpft. Am Eingang werde ich von Assistenten in Empfang genommen, die mir ausführlich erklären, wie ich das Formular ausfüllen muss. Habe ich irgendwelche Allergien, gibt es jetzt Anzeichen einer Infektionskrankheit? Liegt eine Verschlimmerung einer chronischen Erkrankung vor? Habe ich im Laufe des Monats bestimmte Medikamente eingenommen? Diese und zehn weitere Fragen muss ich beantworten. Ich unterschreibe den Aufklärungsbogen und warte, bis ich drankomme.

In der Zwischenzeit genieße ich die Oper „Tosca“, inszeniert von der Helikon-Oper, die auf einem riesigen Fernsehbildschirm übertragen wird. Keine zehn Minuten später werde ich in einen speziellen Raum gerufen, wo ein Aufklärungsgespräch stattfindet. Ich bin allergisch gegen Hausstaub, was ist, wenn ich nach der Impfung einen allergischen Schock bekomme? „Keine Sorge, dafür sind wir ja da“, lese ich das Lächeln in den Augen der jungen Ärztin, deren Gesicht von einer medizinischen Maske verdeckt wird. „Sollte etwas passieren, wir haben sogar einen Krankenwagen. Und überhaupt arbeiten hier erfahrene Spezialisten.“

Noch zwei Minuten, und mein Körper hat die erste Dosis Impfung erhalten. Ich bekomme eine Bescheinigung darüber, dass die erste Komponente des Impfstoffs verabreicht wurde. Die zweite Komponente muss 21 Tage später, also am 10. März, injiziert werden.

„Bleiben Sie noch dreißig Minuten hier sitzen. Wenn es keine Beschwerden gibt, können Sie nach Hause gehen. Machen Sie die Impfstelle drei Tage lang nicht nass, treiben Sie keinen Sport, achten Sie generell auf sich. Es ist besser, weniger Kontakte zu haben, aber nur wenn es geht“, belehrt mich die Ärztin. „Heute Abend oder morgen könnten Sie Fieber bekommen. Und hier, lesen Sie das.“ Sie händigt mir ein „Merkblatt für Geimpfte“ aus. Dort sind alle möglichen individuellen Reaktionen auf den Impfstoff aufgelistet. Zum Beispiel Schwäche, Kopfschmerzen oder hoher Blutdruck. „Wenn Ihre Temperatur über 38 Grad ansteigt, empfehlen wir Ihnen, ein fiebersenkendes Medikament einzunehmen“, lese ich. Nach Erhalt der ersten Komponente des Impfstoffs beginnt sich eine Immunität zu bilden. Sie wird aber erst in zwei bis drei Wochen nach der Einführung der zweiten Komponente voll ausgebildet sein. Ich setze mich hin und schaue „Tosca“. Eine halbe Stunde vergeht, und es treten keine besonderen Nebenwirkungen auf.

Jetzt kann ich Dmitri Bertman interviewen. Ich möchte verstehen, warum er ein Impfzentrum direkt in seinem Theater eingerichtet hat? Schließlich handelt es sich um eine ganze Reihe von Maßnahmen, die ergriffen werden mussten. „Wissen Sie, ich bin Regisseur, und in meinem Beruf muss ich eine Lösung finden, um eine alte Oper im neuen Glanz spielen zu lassen. Unser Vakzin Sputnik V ist wie ein interessant inszeniertes Spektakel. Denn dieser Impfstoff gibt nicht einen Stamm des Coronavirus ab, sondern ist so aufgebaut, dass er das Virus daran hindert, sich anzudocken. Mit anderen Worten: Es ist keine geniale Lösung.  Alles begann damit, dass ich mir große Sorgen um meine Mutter machte, die einen sehr aktiven Lebensstil führt. Ich habe sie zuerst davon überzeugt, sich impfen zu lassen, das war im letzten Herbst. Als sie den Antikörpertest machte, hatte sie 17.000 Antikörper. Das ist ein unglaublich gutes Ergebnis. Dann bekam ich den Impfstoff. Dabei wurden mehrere meiner Kollegen, mit denen ich jeden Tag arbeite, krank, aber ich habe mich nicht angesteckt. Also traf ich die Entscheidung, das gesamte Theater zu impfen. Jeder spricht über die Verluste, die Unternehmen durch die Pandemie erlitten haben, aber niemand spricht darüber, wie schwer es für die Theater, für die Künstler ist. Die Schließung von Theatern greift sozusagen in die DNA der Kunst ein. Sänger, Balletttänzer, die nicht auf der Bühne auftreten, verlieren ihre Qualifikation. Deshalb habe ich einen Brief an den Bürgermeister von Moskau Sergei Sobjanin geschrieben und ihm vorgeschlagen, hier eine Impfstelle einzurichten. Innerhalb einer Woche hatten wir den speziellen Raum eingerichtet, ein Navigationssystem ausgearbeitet, Reparaturen durchgeführt und zusammen mit dem Gesundheitsministerium der Stadt unser Zentrum eröffnet. In nur einer halben Stunde werden die Menschen geimpft, und das in einer schönen Atmosphäre, mit klassischer Musik“.

„Manche Leute kommen, um sich tatsächlich vor der Aufführung impfen zu lassen. Viele sogar während der Pause, dafür haben wir sie sogar von 20 auf 35 Minuten verlängert“, erzählt Dmitri Bertman nicht ohne Stolz.

Viele meiner Freunde sind inzwischen geimpft, einige haben sogar schon die zweite Komponente bekommen. Wir tauschen Eindrücke aus. Einige haben am nächsten Tag hohes Fieber, andere eine Entzündung an der Stelle, an der der Impfstoff verabreicht wurde.  Andere haben die erste Impfung gut vertragen, fühlten sich aber sehr schwach nach der zweiten Dosis oder hatten eine laufende Nase.

„Na, wie geht’s Dir? Hattest du Fieber?“, fragt mich Ekaterina, eine gute Freundin. Sie und ihr Mann vertrauen der städtischen Klinik nicht und hatten sich in einer Privatklinik impfen lassen. „Dafür bekamen wir aber einen Schnelltest für Covid und auf Antikörper.“ Auf mein Angebot, sich zu treffen, reagiert Ekaterina skeptisch. „Wir haben doch noch keine Immunität! Nach der zweiten Impfung müssen wir einen Test machen, um zu sehen, wie viele Antikörper sich gebildet haben.“ Im Moment arbeitet sie weiterhin im Homeoffice und macht nur abends lange Spaziergänge mit ihrem Hund. „Und weißt Du, was mir aufgefallen ist?“, teilt Ekaterina ihre Eindrücke mit. „Wir haben hier eine sehr große Gruppe von Hundebesitzern, und man kann direkt sehen, wer für und wer gegen die Impfung ist. Prinzipiell wächst das Vertrauen in sie. Menschen mit höherer Bildung sind bereits geimpft worden oder werden es tun. Aber die einfachen Leute glauben immer noch einigen Gerüchten und Klatsch“.

[Daria Boll-Palievskaya/russland.NEWS]

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