Ein Hektar kostenloses Land in Sibirien – macht das eigentlich Sinn?

Foto: cocoparisienne CC0 Public Domain via Pixabay
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Seit dem 1. Februar läuft die Verteilung des kostenlosen „Fernost-Hektars“. Da kommen Fragen auf: Gibt es eine Nachfrage? Was ist da zu holen? Woran zweifeln Experten? Ein Beitrag der „Nowaja Gaseta“ geht diesen Fragen auf den Grund.

Nach dem Gesetz, das in diesem Jahr in Kraft getreten ist, hat jeder Bürger unseres Landes das Recht auf ein Stück Land im Staats- oder Gemeindebesitz in den Gebieten Amur, Magadan und Sachalin, in Jakutien, Primorje, Tschukotka u.a. Kurz gesagt: In jedem beliebigen der neun Subjekte des Föderationskreises Fernost. Nach Einschätzung der Verfasser des Programms sind bis zu 30 Millionen Menschen bereit, daran teilzunehmen. Die offizielle Webseite des Ministeriums für die Entwicklung des Ostens hat bisher etwa 49.000 Anträge registriert. Führend unter den Jägern nach der eigenen Scholle sind Primorje, das Gebiet Chabarowak, Moskau und St. Petersburg.

Die Übersiedler werden das Land fünf Jahre in Besitz haben — auf Grundlage eines Vertrages über unentgeltliche Nutzung. Danach nehmen sie es entweder in Pacht oder bekommen es als Besitz überschrieben.

Den Beamten scheint, ihre Initiative werde dazu beitragen, das Kleinunternehmertum, die Landwirtschaft und den Finanzsektor in Fernost zu entwickeln, mehr Steuergelder in den Haushalt fließen zu lassen und „eine positive demografische Dynamik zu schaffen“.

Anwohner diskutieren das Programm und posten in den sozialen Netzwerken witzige Bilder mit einem in der leeren Hügellandschaft schreienden Murmeltier und der Aufschrift: „Als du kamst, um dir den Hektar für umsonst zu holen.“

Vertreter der Behörden vergleichen die neue Umsiedlung mit der Reform von Pjotr Stolypin in den Jahren 1906 bis 1911. Damals bekamen Bauern in Sibirien und im Fernen Osten 50 Desjatinen (etwa 50 Hektar) Land pro Familie.

Landwirte aus Primorje und dem Gebiet Chabarowsk erzählen eine näher datierte Geschichte — von russischen Bolivianern, die vor gerade mal acht Jahren im Rahmen eines Programms zur freiwilligen Umsiedlung von Auslandsrussen zu ihnen gekommen waren.

Das war das bisher letzte grandiose Projekt der russischen Regierung. Altgläubige aus Südamerika eilten in den Fernen Osten, um ihren Traum von der Erde der Ahnen zu verwirklichen. Lebten eine Zeitlang im Wohnheim und in den verlassenen Häusern der Dörfer Korfowka und Derssu. Keine Straßen, Bäumefällen verboten – nebenan war ein Nationalpark. Für das Vermessen der Parzellen sollten sie gleich im ersten Jahr mehr als drei Millionen Rubel zahlen. Anstellung fanden sie keine, weil es bei der Aushändigung der russischen Pässe hakte. Die Schule stürzte ein, und die Kinder wurden weiter im Raum der ehemaligen Taiga-Expedition unterrichtet.

Die Familie von Terenti Muratschow roch den Braten und flüchtete in das Gebiet Kaluga, aber da lief ein Kampf zwischen Farmern, außerdem mussten sie sich mit den Kontrollbehörden und den Beamten herumschlagen. Jetzt schickt Muratschow den „höchsten Rängen der Föderation“ bizarre Briefe.

Ich zitiere: „Es gibt in Russland keine Ländereien, die frei wären. Alle sind in privater Hand. Einen großen Fehler haben wir gemacht mit der Übersiedlung. Aber wir wissen nicht wohin. Wenn der Fisch ins Netz gerät, kommst du da nicht wieder raus.“

Die Teilnehmer an dem Staatsprojekt, die ihre Anträge auf den „Fernost-Hektar“ aus der Ferne stellen, können sich nicht vorstellen, was sie da erwerben.

Im Herbst letzten Jahres brachte die „Nowaja Gaseta“ die Geschichten von kinderreichen Familien, denen kostenlos Land zum Hausbau und zur Anlage eines Gemüsegartens auf Friedhöfen, Müllhalden und in Sümpfen überlassen worden war.

Die „Fernost-Hektare“ sind genau solche Schluchten und Sümpfe. Wenn bei Pressekonferenzen nach der Infrastruktur und Straßen zwischen den Grundstücken gefragt wird, sagen die Beamten, entsprechende Gesetzesakte seien in Arbeit und in Abstimmung.

Die kinderreichen Landbesitzer schlagen sich seit sechs Jahren mit den Papieren und den Ungereimtheiten in den föderalen und regionalen Gesetzen herum. Und dabei zahlen sie Steuern.

Das Programm des Ministeriums für die Entwicklung des Ostens ist etwas für Romantiker und Extremsportler, die das Risiko lieben“, meint Anna Kowalewskaja, die in Birobidschan lebt und die Bürgerbewegung „Der Fernost-Hektar“ vertritt. „Aber einer allein steht auf verlorenem Posten; es ist besser, sich zu Gruppen von bis zu zehn Leuten zusammenzuschließen und zusammen Land zu nehmen. Zum Gebiet Primorje gab es negative Bewertungen, dort sind die Behörden selbst nicht begeistert von der Idee. In unserer Region sind etwa 1500 Anträge eingegangen. Meist sind es Bauern, die bereits einen Hof haben. Leute von außerhalb wissen nicht immer, was sie mit dem Land anfangen sollen. Für sie bedeutet Primorje, Fernost die Nähe zum Meer. Sie stellen Anträge aus unterschiedlichen Gründen: Sie wollen Wildpflanzen sammeln oder Feriendörfer bauen. Nur eine Frau teilte mir mit, sie wolle Kühe züchten.

Also wozu brauchen die Leute den „Fernost-Hektar“? Was halten Experten von dem Umsiedlungsprojekt?

„Je dümmer die Obrigkeit ist, desto mehr Initiative zeigt sie“

Pawel Grudnin, Direktor der Lenin-Sowchose im Moskauer Gebiet, sagt: „Mich riefen heute Journalisten an und fragten, was ich davon halte, dass die Moskauer tausend Anträge auf den kostenlosen Hektar gestellt haben. Und was nun? Wenn sich in Moskau unter mehreren Millionen Menschen tausend Idioten finden – ist das nichts Schlimmes.

Was zieht Übersiedler an? Arbeit, guter Lohn und gute Infrastruktur. Was wird dort angeboten? Gibt es Straßen zu den Grundstücken? Versorgungslinien? Ein normaler Mensch braucht zum Leben Wasser, Kanalisation, Strom, einen Kindergarten, eine Schule… Um zu arbeiten, muss ein normaler Mensch verstehen, wozu ihm ein Hektar Land überlassen wird und warum ein Hektar für den Hausbau und einer für die Landwirtschaft zwei große Unterschiede sind.

Ich habe gelesen, dass einer auf seinem Grundstück Häuschen hinstellen und den Tourismus ankurbeln will. Was für ein Tourismus, wenn du nicht mal hinkommst zu deinem Hektar?

Je dümmer die Obrigkeit ist, desto mehr Initiative zeigt sie. Lasst uns Olympische Spiele ausrichten, gleich danach die Fußball-Weltmeisterschaft, und verteilen wir Land hektarweise. Für welches Geld, ist unwichtig. Die Hauptsache – ins Fettnäpfchen treten. Für Landwirtschaft ist ein Hektar viel zu wenig — ein Traktor kann dort nicht wenden. Gibt es in Russland zum Bauen etwa kein Land, das näher liegt? Das alles nimmt wahrscheinlich ein trauriges Ende. Vielleicht reißt sich irgendwer von der Lokalverwaltung ein paar Grundstücke unter den Nagel, registriert sie auf irgendeinen Namen und baut eine Datschensiedlung. Die wohnen da, die kriegen das hin. Aber alle anderen? Das stirbt alles, bevor es angefangen hat.“

„Schafft in den Regionen Sonderbedingungen“

Iwan Starikow, Professor am Wirtschaftsinstitut der Akademie der Wissenschaften: „Mich kann man schwerlich der besonderen Loyalität gegenüber den Behörden und der Servilität beschuldigen, aber als Juri Trutnew (Bevollmächtigter des russischen Präsidenten im Föderationskreis Fernost – Anm. d Ü.) im November 2015 erstmals mit dieser Initiative auftrat, war ich erstaunt über das untypische Verhalten der russischen Beamten. Sie ziehen es doch heutzutage vor, sich nicht sonderlich aus dem Fenster zu lehnen, aber Trutnew riskiert es.

Das Programm ist wichtig, der Ferne Osten besitzt fast 40 Prozent der Agrarressourcen des Landes. Die meisten Übersiedler werden Landwirtschaft betreiben. Es gibt keinerlei Beschränkungen, für fünf Jahre sind die Parzellen von Steuern und Abgaben befreit. Aber es muss Garantien geben.

Das Bauministerium hat verkündet, dass es das Programm zur Unterstützung von Hypotheken schließt. Dann schafft eben Sonderbedingungen für die Regionen des Fernen Ostens. Macht es zum Beispiel so, wie Gouverneur Jewgeni Sawtschenko im Gebiet Belgorod. Dort werden Kredite für den Hausbau gewährt, sagen wir drei Millionen Rubel.

Es werden zwölf Musterhäuser angeboten, damit die Leute keine Zeit mit der Genehmigung verlieren. Du hast das Recht zum Bauen. Bekommst du das erste Kind – kriegst du eine Million Schulden erlassen, wird das zweite geboren – zwei Millionen. Dann laufen die Leute nicht wieder weg.

Die Frage mit der Konsumgenossenschaft muss geklärt werden, die Schaffung von Aufkaufstützpunkten muss maximal gefördert werden, ebenso die Versorgung der Übersiedler mit Saatgut. Viele Menschen, die den Hektar haben wollen, sind keine Landwirte; das heißt, sie brauchen Berater wie Agronomen und Zootechniker.

Das Gesetz über das Handelsgewerbe in der Russischen Föderation muss novelliert werden. Der föderale und regionale Lebensmittelhandel muss durch Kooperativen erweitert werden.

Es muss ein Gesetz über organische Landwirtschaft her, denn diese Produktion wird ihre Nische finden. Und es ist an der Zeit, den Bau eines neuen Transportkorridors anzugehen, denn ohne Infrastruktur bleibt das Programm stecken.

Eine vernünftige Idee, will es scheinen — riesige Territorien zu erschließen, die keinen Besitzer haben. Der Süden des Fernen Osten ist tatsächlich eine segensreiche Zone: das Gebiet Amur und die Jüdische Autonomie. Land gibt es genug. Aber was wollen wir zurückgeben? Die heutigen kostenlosen Hektare sind eine Farce zum Thema Stolypinsche Reformen. Unter Stolypin wurde mehr Land zugeteilt, wurde Wald gewährt, das Vieh wurde mitgebracht, und die Leute kamen familienweise. Und es kamen Bauern – Menschen, die auf und mit der Scholle lebten. Der gesamte Süden des Fernen Osten wurde von Übersiedlern erschlossen. Heute erleben wir ein trauriges Deja Vu. Alle sind bereit, den kostenlosen Hektar zu nehmen, aber wer wird ihn bestellen? Zeigt mir diese Bauern. Der zentrale Teil Russland steht leer und ist mit Unkraut überwuchert. Die Menschen gehen in die Stadt, wo es sich leichter überleben lässt. Wer fährt in den Fernen Osten, was werden sie hier erschließen? Das Prinzip ist das Alte: Hau rein – es ist billiger geworden!

Vielleicht ist das ein Versuch, den Chinesen entgegenzuwirken, die ein Auge auf unsere Ländereien werfen?

Aber das Land liegt ja ungünstig – weit weg von der Stadt, dort, wo es keine Infrastruktur gibt. Wie sollen die Leute dort hinkommen? Was werden sie da bauen? Im Sinne: Großmutter, fahr´ in den Fernen Osten, nimm´ deinen Hektar. Sollen sie herkommen und sich umsehen. Der Sommer hier ist schwer — 33 bis 36 Grad Hitze bei 80 bis 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Das erinnert an die Erzählungen von Jack London. Erinnern Sie sich: „Sacramento ist eine reiche Gegend. Das Gold wird nur so geschaufelt.“ Nein, bei uns ist nicht Kuban und nicht mal die Türkei. Obwohl auch Tomaten wachsen, alles wächst, aber man muss sich darum kümmern.

Mal Hochwasser, mal Dürre, mal noch irgendwas… Überlegen Sie es sich gut.“