Duma-Abgeordneter weiß Lösung für Hooligan-Problem

Foto: TV-Screenshot
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[von Michael Barth] – Hooliganismus, die Schattenseite des modernen Fußballs, wirft Fragen auf, die im Vorfeld der WM 2018 nicht überhört werden dürfen. Hat Russland als Ausrichter des Turniers überhaupt eine Möglichkeit, das Problem mit der Gewalt in den Griff zu kriegen? Ja, denkt der Duma-Abgeordnete Igor Lebedew.

Er hat seinen Sitz im russischen Parlament und vertritt dort die Interessen der nationalistischen Liberal-Demokratischen Partei Russlands (LDPR). Igor Lebedew hat schon einmal zum Thema Fußball und dessen begleitende Gewaltexzesse von sich Reden gemacht. Bei der Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich fiel er aus der Rolle, in dem er ’seine Jungs‘, gemeint waren die angereisten Schlägertrupps aus Russland, für ihre Schlachten gegen die englischen Hooligans belobigte. Regelrecht Stolz sei er auf sie gewesen. Er sprach in seinen Bekundungen von ‚tapferen Kämpfern‘ und dass sie sich ’nicht unterkriegen lassen‘ sollten. Wie man sich denken kann, war das Medienecho nicht gerade zum Positiven um ihn bestellt.

Nun meldet sich der 44-jährige Parlaments-Vizepräsident, der nebenher auch noch Vorstandsmitglied des russischen Fußball-Verbandes ist, erneut zum Thema Fußball und Hooliganismus zu Wort. Wie er auf der Web-Seite seiner Partei schrieb, könne er sich sehr gut vorstellen, wenn derartige Fan-Kriege künftig legal im geregelten Rahmen organisiert werden würden. Ihm schwebe da eine sogenannte ‚dritte Halbzeit‘ mit sportlichem Rahmen vor. „Russland wäre der Pionier eines neuen Sports“, schwelgt er in seinen Zukunftsvisionen. Tausende Schaulustige würden das Publikum stellen. Deshalb schlägt Lebedew vor, diese ‚Wettkämpfe‘ gleich in einem eigenen Stadion auszutragen.

Hooliganismus als Event

Dort könnten sie dann in aller Ruhe unter sich die „Ehre ihres Landes verteidigen“, wie er es damals in Frankreich öffentlich benannte. Unbewaffnete gewaltbereite Hooligan-Gruppen von je 20 Mann, schweben Igor Lebedew vor, könnten sich in einer Arena sozusagen einen Stellvertreterkampf liefern. Im Grunde genommen ist das sogar ziemlich weit gedacht, von einem, der 2016 gegenüber der Presse über diese russische Truppe sagte: „Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Im Gegenteil, gut gemacht Jungs. Weiter so!“ Während sich die Verantwortlichen über konkrete Sicherheitsmaßnahmen Gedanken machen müssen, schüttet der Sohn des ultrarechten LPDR-Parteivorsitzenden Wladimir Schirinowski, gleich noch ein bisschen Öl ins Feuer.

„Englische Fans, zum Beispiel, kommen an und fangen an, Herausforderungen zum Kampf zu suchen. Und sie bekommen die Antwort: Herausforderung angenommen. Ein Treffen in einem Stadion zu einer vereinbarten Zeit“, so die Vision Lebedews, der englische Fans ohnehin nur als „undisziplinierte Lümmel“ und „armselige Kämpfer“ verunglimpft. Über Eintrittspreise für das Publikum und ob es auch einen Bierstand in diesem Stadion geben wird, schweigt er sich indes noch aus. Aber Spaß beiseite, da ist das Thema dann doch zu ernst, denn eine Kanalisierung der gewaltbereiten ‚Groundhopper‘ klingt auf den ersten Blick eigentlich recht vernünftig. Bei genauerem Hinsehen allerdings löst das nicht den Kern des Problems. Und wer vermag zu garantieren, dass sich die Gewaltspirale nicht doch in öffentliche Schauplätze ausdehnt?

Deshalb irrt der Abgeordnete, wenn er im Brustton der Überzeugung über eine neue Sportart „Draka“, der Kampf, spricht, wenn er den Standpunkt vertritt, solche organisierten Schlägereien „könnten Fan-Aggressionen in eine friedliche Richtung lenken“. Vielmehr bekommt es den faden Beigeschmack, dass Igor Lebedew, der Fußball-Vorstand, die hässlichen Begleiterscheinungen des Spiels um Punkte und Trophäen regelrecht gutheiße und er lediglich eine Bühne suche, auf der sich Hooligans legal und ungehindert austoben dürfen. Im Sinne einer friedlichen Fußball-Party zur WM 2018 in Russland dürfte das kaum sein.

[Michael Barth/russland.RU]

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.