Dribbling, Schuss und Tor – Russland ist Europameister

Foto: TV-Screenshot
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Endlich hört man wieder Positives vom russischen Sport. Kein Dopingskandal trübt den Erfolg, nicht einmal das Publikum sorgt für einen Eklat. Allerdings, da muss man ehrlich sein, handelt es sich um eine nicht gerade geläufige Sportart. Dafür einer, die den allerhöchsten Respekt verdient. Die Rede ist vom Blindenfußball. Und darin ist die russische Auswahl seit Samstagabend Europameister.

Die Tore fallen reichhaltig und das Dribbling ist nahezu perfekt. Das Passspiel ist nicht wirklich ausgeprägt und beschränkt sich allenfalls auf kurze Ballabgaben zum Nebenmann. Der Wille und der Einsatz der fünf Spieler ist vorbildlich, vom Teamgeist ganz zu schweigen. So mancher Verein, der im Haifischbecken Profifußball große Ambitionen hegt, kann davon nur träumen. Die Spieler verstehen sich einfach blind. Und das ist auch wörtlich zu verstehen – es geht um Blindenfußball.

Gespielt wird zweimal 25 Minuten auf einem 40 mal 20 Meter großem Spielfeld. Die Spieler tragen Augenbinden, um eventuelle Unterschiede der Sehleistung auszugleichen. Lediglich die Torhüter dürfen über eine normale Sehstärke verfügen und geben folglich auch die Kommandos an die Spieler, die sich rein auf ihr Gehör verlassen müssen. Dementsprechend ist der Ball im Inneren mit Glöckchen ausgestattet, um den Spielern die notwendigen akustischen Signale zu geben. Selbstverständlich herrscht deshalb während des laufenden Spiels absolute Ruhe seitens des Publikums.

Mucksmäuschenstilles, begeistertes Publikum

Bei der eben zu Ende gegangenen Blindenfußball-Europameisterschaft 2017 in Berlin, es war das erste große internationale Turnier in Deutschland, holte sich die Nationalmannschaft aus Russland den heiß umkämpften Titel. In einem packenden Finale konnte Russland das Turnier mit 4:3 Toren im Sechsmeterschießen gegen starke Spanier für sich entscheiden, nachdem die reguläre Spielzeit mit einem 1:1 Remis endete. Die beiden Finalgegner traten bereits in der Vorrunde aufeinander und trennten sich hierbei leistungsgerecht mit einem torlosen Unentschieden.

Der Rekordeuropameister Spanien musste sich letztlich vor 2.000 Zuschauern in der ausverkauften Arena am Anhalter Bahnhof gegen die starken Russen geschlagen geben. Die Spanier dominierten zwar in der ersten Halbzeit, führten sogar durch einen Treffer von Adolfo Acosta in der elften Spielminute, konnten sich aber gegen die in der zweiten Hälfte aggressiveren Russen nicht behaupten. Die Konsequenz war der Ausgleichstreffer aus spitzem Winkel nach einem beherzten Solo durch Denis Jegorow.

Auch im anschließenden Sechsmeterschießen musste ein Shootout zwischen den beiden Gegnern entscheiden, da nach den regulär vorgesehenen drei Schützen immer noch Gleichstand herrschte. Erst der entscheidende Treffer von Andrei Tichonow, einem der stärksten Spieler des gesamten Turniers, erlöste die Russen und machte Russland zum Europameister. Dritter wurde das Team aus England, dass sich mit 2:0 gegen Frankreich durchsetzen konnte.

Insgesamt sahen rund 10.000 Zuschauer eine gelungene einwöchige Veranstaltung, die neben dem bis dahin amtierenden Europameister Türkei und dem Gastgeber Deutschland noch mit den Nationalmannschaften aus Italien, Belgien, Georgien und Rumänien aufwarten konnte. Laut den Veranstaltern sei das gesamte Turnier trotz seines geringen Bekanntheitsgrades hervorragend beim Publikum angekommen. Das nächste große Ereignis im Blindenfußball ist zweifelsohne die Weltmeisterschaft 2018, die diesmal in Madrid stattfindet.

[mb/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.