Drei Jahre nach Krim-Beitritt – die Euphorie ist verflogen

Foto: NASA

Die Zeitung „Kommersant“ sinnt darüber nach, wie die Stimmung in Russland drei Jahre nach der Angliederung der Halbinsel Krim aussieht. Fazit: Immer noch große Befürwortung, aber keine Euphorie mehr.

Heute ist die Krim für die meisten Einwohner Russlands ein Landesteil wie alle anderen. Und dabei bleibt der „Krim-Konsens“ zwischen Staatsmacht und Gesellschaft stabil und kann nur durch eine tiefe Krise am Rande einer Katastrophe zerstört werden. Dieser Ansicht sind die führenden soziologischen Dienste des Landes.

Das Meinungsforschungsinstitut WZIOM hat bei Umfragen herausgefunden, dass die überwiegende Mehrheit, nämlich 97 Prozent der Bürger, heute meinen: „Die Krim ist Russland.“ Vor drei Jahren waren 89 Prozent dieser Ansicht. Davon, dass die Bürger der Krim vom Beitritt profitieren konnten, sind aktuell 89 Prozent der Russen überzeugt (früher waren es 80 Prozent). Die Pessimisten, die glauben, den Einwohnern der Krim hätte dies mehr geschadet als genützt, machen sechs Prozent aus.

Der Anteil der Optimisten, die meinen, Russland hätte die Eingliederung der Halbinsel richtig abgepasst, wechselt ständig. Im Sommer 2014 hatten 75 Prozent der Russen keinen Zweifel daran, dass das Land mehr Nutzen als Schaden daraus gezogen hat. Im letzten Jahr waren es nur 60 Prozent, Anfang März des laufenden Jahres dagegen 78. Entsprechend änderte sich der Anteil der Pessimisten. Gleich nach der Angliederung sahen neun Prozent darin mehr Schaden als Nutzen. Vor einem Jahr waren es schon 22 Prozent – und jetzt sind es 13.

Die Bewohner der Halbinsel bewahren ihren Optimismus. Der nimmt in den letzten drei Jahren stetig zu. Waren 25 Prozent der Krim-Bewohner 2014 „völlig zufrieden“ mit ihrem Leben und weitere 57 Prozent „eher zufrieden“, so sind heute 46 Prozent „eher zufrieden und 40 Prozent „völlig zufrieden“.

Im Ganzen meinen heute weniger Russen (von 23 Prozent auf zehn), dass der föderale Haushalt der Krim und Sewastopol mehr Finanzhilfen geben soll als anderen Regionen. Und immer mehr (von 63 Prozent auf 84) sind der Ansicht, die beiden neuen Föderationssubjekte sollten die gleiche Unterstützung genießen wie alle anderen.

„Die Euphorie, die in den ersten Monaten nach der Angliederung unter den Russen herrschte, ist völlig verflogen“, erklärt Valeri Fjodorow, Generaldirektor von WZIOM. „Die meisten meinen, dass die Bewohner der Krim und von Sewastopol, nachdem sie vor den Gefahren gerettet wurden, genug Finanzhilfe bekommen haben. Sie seien jetzt gewöhnliche russische Regionen und sollten sich abrackern wie alle anderen.“

Zugleich verstehen laut Fjodorow die Russen, die in den drei Jahren auf der Krim waren und gesehen haben, „wie erbärmlich und degradiert dort alles ist“: „Wenn du da Urlaub machen willst, musst du die Region unterstützen.“ Im Zusammenhang damit hat praktisch kein Bewohner Russlands etwas gegen den Bau der Kertsch-Brücke, der föderalen Trasse „Tawrida“, der Energiebrücke, von Wärmekraftwerken, usw.

Doch die abgeflaute Euphorie hat sich praktisch überhaupt nicht auf die Beliebtheit der Machtinstitutionen ausgewirkt. Das Rating der Zustimmung für den Präsidenten hält sich die ganzen drei Jahre hindurch bei 85 bis 86 Prozent. Seine Popularität hat auch die Ratings der Regierung und des Parlaments mitgezogen. Der „Krim-Konsens“ zwischen der Staatsmacht und der Gesellschaft ist nicht „konjunkturbedingt“, betont der Generaldirektor von WZIOM, „obwohl 2014 alle erwartet haben, dass das Rating kurzfristig steigt und bald wieder fällt“.

Den Grund sieht Fjodorow darin, dass „die Gesellschaft das unbewältigte Trauma der 1990er Jahre hatte, als man das Beste tun wollte und genau das Gegenteil geschah“. Das Trauma lag nicht nur darin, dass „viele verarmten, es gab eine ungeheure soziale Zersplitterung, die früheren hohen Ideale verschwanden“. Das Massenbewusstsein war auch traumatisiert, weil das Land „den Status einer Großmacht verloren hatte“. Und der „war immer Teil der Identität“, meint Fjodorow. Deshalb habe „der ganze Wirtschaftsboom der 2000er Jahre dieses Trauma nicht verjagen können“.

Die Menschen „waren stolz auf den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg, darauf, dass das Land als erstes in den Weltraum flog“, moderne Anlässe für Stolz auf das Land hatten sie nicht. Soll heißen: „Der Bedarf war deutlich ausgeprägt, die Angliederung der Krim verschob jäh die Schichten des Massenbewusstseins.“ An diesem Beispiel, sagt Fjodorow, hat die Gesellschaft gelernt, dass das Land wieder „selbständig in der äußeren Welt sein kann. Uns diktiert keiner etwas, wir entscheiden alles selbst – und wie wir entscheiden, so wird es auch sein.“

Mit anderen Worten: Im Massenbewusstsein „stellte sich jene Identität wieder her, die früher als imperial, mächtig bezeichnet wurde“, sagt der Soziologe. „Der russische Mensch ist nicht einverstanden mit einem stillen, komfortablen Leben in einem von der Welt vergessenen Winkel der Erde; der russische Mensch ist bisher nicht einverstanden damit, in der planetaren Menschheit aufzugehen“, nimmt Valeri Fjodorow an. „Er will ein starkes Land, ein starkes Reich, auf das man stolz sein kann.“ Die Krim habe dieses Bedürfnis zufriedengestellt, und der „Krim-Konsens“ sei zu einer „fundamentalen“ Erscheinung geworden.

In den vergangenen drei Jahren „sind der Rubelkurs und die Ölpreise gefallen, der Staat hat sich von einem guten Geldverteiler in einen bösen Geldeintreiber verwandelt, aber all das hat die Meinung der Menschen über Wladimir Putin nicht verändert“, merkt Fjodorow an. „Der Präsident bekommt „Pluspunkte“ dafür, dass er den russischen Menschen das Gefühl der Selbstachtung wiedergegeben hat, und er wird sie solange bekommen, bis irgendetwas dieses Gefühl der Selbstachtung untergräbt“ prognostiziert der Generaldirektor von WZIOM.

Untergraben „können diesen Konsens nur jähe, katastrophale Veränderungen in der Wirtschaft, ein jäher Abfall des Lebensstandards“, erklärt Alexej Graschdankin, Vizedirektor des Lewada-Zentrums für Analyse. Denn der Konsens zwischen Gesellschaft und Staatsmacht hängt seiner Ansicht nach „nicht mit der Angliederung der Krim als solcher“ zusammen, sondern mit jenen Prozessen, die „der Angliederung vorausgingen und ihr folgten“.

Bis zur Angliederung habe das Massenbewusstsein der Russen, das Protestaktionen stets mit Ungläubigkeit gegenüberstand, „diese endgültig zurückgewiesen, nachdem sie auf dem Kiewer Maidan in Gewalt endeten“. Die Angliederung der Krim selbst hat laut Graschdankin andere Prozesse in Gang gesetzt, die dem Konflikt zwischen Russland und Europa und den USA entspringen. “Russland fand sich in feindlicher Umkreisung wieder, was fundamental für das Massenbewusstsein wurde“, nimmt der Soziologe an: „Zur Konsolidierung des Volkes, der Eliten ist ein äußerer Gegner vonnöten.“

Die Angliederung der Krim habe diese Möglichkeit geboten, weil sie zur „fälligen Etappe der Umformatierung des politischen Raumes“ wurde. Im Endeffekt verbinde die Gesellschaft jetzt in ihrer Mehrheit den Bereich der Verantwortung des Präsidenten „mit Problemen der Außenpolitik, mit der Festigung der Verteidigungsstärke des Landes und der Aufrechterhaltung der Ordnung“. „Die Verantwortung für ökonomische Probleme wird anderen Machtorganen auferlegt“, erklärt der Vizedirektor des Lewada-Zentrums.

Deshalb wird dieser „Krim-Konsens“ seiner Meinung nach in absehbarer Perspektive halten. Auf der Tagesordnung verblieben „in der Wahrnehmung der Massen hauptsächlich außenpolitische Fragen“, das Interesse daran werde „durchaus effektiv genährt“. Zum Beispiel „versucht Russland, dem Westen seine Variante der Lösung des Syrien-Konfliktes aufzdrängen“.

„Wenn das Interesse an Syrien abnimmt, schaltet die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf den Dopingskandal um; ist das vorbei, taucht Trump auf; ist der weg, steigt wieder das Interesse an den Kämpfen im Donbass; im Mai wird sicher das skandalöse Interesse für die „Eurovision“ angeheizt, die in Kiew stattfindet“, meint Alexej Graschdankin.

Im Wirtschaftsbereich gebe es aber „keine katastrophalen Veränderungen, und an die stetige Abnahme des Lebensstandards haben sich die Menschen schon gewöhnt, das ruft keine Proteste hervor“. Der Rückgang des Lebensstandards „ändert jenen Lebenswandel, den die Mehrheit pflegt, bisher nicht grundsätzlich“. Deshalb „sind die Leute bereit, die schweren Wirtschaftsprobleme im Lande damit in Zusammenhang zu bringen, was außerhalb des Landes geschieht“, betont der Vizedirektor des Lewada-Zentrums.