Dopingskandal weitet sich aus: Sotschi-Siege erschummelt?

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[Von Lothar Deeg] – Die New York Times hat Russland schwerste Doping-Sünden vorgeworfen: Angeblich wären bei der Winter-Olympiade in Sotschi russische Sportler systematisch gedopt und deren Proben ausgetauscht worden. Russland weist die Vorwürfe als absurd zurück.

In der Sportwelt herrscht so etwas wie Kalter Krieg. Schon werden – beispielsweise durch die BILD-Zeitung in Deutschland – Forderungen laut, Russland komplett von der kommenden Sommerspielen in Rio auszuschließen. Das allerdings im zweiten Satz immer unter dem Vorbehalt, dass sich die jüngsten Vorwürfe bestätigen. Die haben es allerdings in sich:

Die New York Times hatte am Donnerstag ein Interview mit dem ehemaligen Leiter des Moskauer Antidoping-Laboratoriums Grigori Rodschenkow veröffentlicht. Der Kronzeuge berichtet darin, dass in Sotschi Dutzende russische Spitzensportler gedopt an den Start gegangen seien – darunter auch 15 spätere Medaillengewinner. Er selbst habe zu diesem Zweck einen alkoholischen Cocktail aus drei verbotenen Steroiden und Anabolika geschaffen, den die Athleten zu sich genommen hätten.

Mit Raffinesse zu Medaillen?

Zusammen mit eigenen engen Mitarbeitern, russischen Sport-Offiziellen und Geheimdienstleute hätte man dann dafür gesorgt, dass die während der Wettbewerbe genommenen Doping-Proben der betreffenden Sportler vor der Analyse durch saubere Proben der gleichen Sportler ersetzt worden wären, die man Wochen und Monate vorher angelegt hätte. Zur Übergabe der sauberen Proben sei ein kleines getarntes Loch in einer Wand des Antidoping-Labors in Sotschi genutzt worden, auch habe man in einer Abstellkammer ein kleines Labor zum Umfüllen eingerichtet. Laut Rodschenkow habe offenbar der russische Geheimdienst im Vorfeld ein Verfahren gefunden, wie man die angeblich betrugssicheren Probenfläschchen öffnen konnte, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen.

Zu den auf diese Weise planmäßig und mit Rückendeckung von oben gedopten Sportlern hätten unter anderem die Goldmedaillengewinner Alexander Legkow (Skilanglauf), Alexander Subkow (Bob) und Alexander Tretjakow (Skeleton) gehört.

Rodschenkow war Ende letzten Jahres zurückgetreten, als ein WADA-Bericht die Vernichtung von über 1400 verdächtigen Doping-Proben durch dessen Moskauer Labor aufdeckte. Er verließ später Russland, weil er sich bedroht fühlte und lebt jetzt in den USA.

Diffamierung als Instrument

Die Welt-Antidoping-Agentur WADA bezeichnete den Bericht der Zeitung als „keine besonders guten Nachrichten für Russland“, betonte aber auch, dass es sich dabei um bisher unbewiesene Behauptungen handele. Man habe weitere Informationen angefordert und werde auf deren Basis eigene Ermittlungen beginnen.

Von russischer Seite werden die Vorwürfe rundheraus zurückgewiesen und in den Bereich der üblen Nachrede geschoben. Sportminister Vitali Mutko bezeichnete sie als absurd, sein Ministerium erwäge eine Klage gegen die US-Zeitung. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sprach von „Verleumdungen eines Überläufers“.

Vizesportminister Juri Nagornych kündigte eine eigene Untersuchung der Vorwürfe an. Er wies den Vorwurf zurück, es habe in Russland ein geplantes Doping-Programm gegeben, mit dem das Land seine Ergebnisse in Sotschi planmäßig habe aufbessern wollen – Gastgeber Russland errang dort die meisten Medaillen .

Allerdings wird gerade Nagornych von Rodschenkow als der Kurator des geschilderten Doping-Betrugs bezeichnet. Auch zwei der beschuldeten Athleten, Legkow und Subkow, traten mit Nagornych vor die Presse und beteuerten die Absurdität der Vorwürfe. Sie könnten anhand ihrer über Jahre vorliegenden Doping-Proben auch rückwirkend beweisen, dass sie sauber seien. Legkow sagte, er habe sich die meiste Zeit im europäischen Ausland aufgehalten, wo auch diese Proben genommen worden seien.

[Lothar Deeg/russland.RU]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.