Doping in Russland: Aus Ruinen auferstanden – zum Verbleib auserkoren

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Seit November 2015 steht im russischen Sport kein Stein mehr auf dem anderen. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA hatte der russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA für nicht regelkonform erklärt und suspendiert. Die Entscheidung basierte auf einem Bericht der ARD über institutionell gestützte Dopingpraktiken im russischen Sport. Leichtathleten wurden gesperrt und durften nicht an den Olympischen Spielen in Rio teilnehmen, russischen Behindertensportlern wurde die Teilnahme an den Paralympics verwehrt. Ex-Verbandschef Walentin Balachnitschew und Leichtathletik-Cheftrainer Alexei Melnikow wurden lebenslang gesperrt, zudem sitzen 72 Athleten und acht Trainer ihre Sperren ab

Zum Aufräumen bekam der russische Leichtathletikverband RusAF zu Beginn des Jahres 2016 mit Dmitri Schljachtin einen neuen Chef. Nach seiner Amtsübernahme sei „das Ausmaß der Krise“ zunächst schwierig zu überblicken gewesen. Mittlerweile scheint er zu wissen, wie es damals zuging. Wie er mit seinen Erkenntnissen umgeht, demonstrierte er letzte Woche in London beim Kongress des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF. Zuvor hatte das IAAF-Council die Suspendierung von RusAF verlängert. In der britischen Hauptstadt votierten 166 Verbände für eine Verlängerung des wegen des Dopingskandals seit November 2015 bestehenden Ausschlusses, 21 Verbände stimmten dagegen.

Schljachtin zeigte Einsicht: „Ich habe mich eingehend mit der Situation befasst und verstehe, dass die Entscheidung der IAAF gerechtfertigt war. Ehrlich gesagt, als ich mir die Vorkommnisse der letzten Jahren in der russischen Leichtathletik genauer ansah, war ich schockiert über die Verwendung von Dopingmitteln, gefälschten Doping-Tests, Korruption und Erpressung.“ Dafür „entschuldige er sich im Namen der neuen RusAF-Führung bei den Athleten, deren Siege und Medaillen auf unehrliche Weise gestohlen wurden.“ Mit seiner Reue bestätigte er öffentlich, dass bis Ende 2015 in Russland systematisch betrogen wurde – zum Glück habe „die Wahrheit triumphiert“, sagte er der russischen Nachrichtenagentur Tass.

Im Umkehrschluss zu diesem ehrlichen Eingeständnis kann man dann davon ausgehen, dass die nun geplanten Maßnahmen ebenso ehrlich in Angriff genommen werden. Man kann Schljachtin glauben, wenn er versichert, sein neues Team werde „Doping bekämpfen“ und dafür sorgen, dass so etwas „nicht wieder“ geschehen wird. Womit er das Vertrauen in den russischen Sport zurückgewinnen kann, weiß er:Alles tun, um sicher zu sein, dass unsere Athleten sauber sind.“ Dementsprechend gab RusAF die Sperren von sechs eigenen Athleten bekannt – mit einer Dauer von ein, zwei und vier Jahren.

Rune Andersen, Leiter der IAAF-Taskforce, wertete die Aussagen Schljachtins als „wichtigen Schritt auf dem Weg zur Rehabilitation der russischen Leichtathletik. Russland habe verstanden, dass sich „die Doping-Kultur verändern muss.“ IAAF-Präsident Sebastian Coe zeigte sich „erfreut“. Dennoch sei es nicht der richtige Moment „Russland wieder zuzulassen“, so der Brite. Auch der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach, verteidigte Vorgehen und Aufarbeitung im russischen Doping-Skandal. Anlässlich der Leichtathletik-WM in London sagte er nach einem Treffen, das IOK habe diesen Weg von Anfang an unterstützt. Bei der gestern beendeten Leichtathletik-WM in London durften neunzehn Russen als neutrale Athleten starten – nicht im Nationaltrikot und ohne russische Hymne bei einem Sieg.

Soviel zum Stand der Dinge zwischen IAAF und RusAF in der Leichtathletik. Neues Ungemach droht Russland von der WADA, die an die Wiederzulassung der RUSADA zwölf Bedingungen knüpft. Zu einer gehört die öffentliche Anerkennung des McLaren-Reports durch die Verantwortlichen des russischen Sports – dazu gehören laut WADA neben der RUSADA auch das Sport-Ministerium und das Nationale Olympische Komitee. Wada-Sonderermittler Richard McLaren hatte in seinem im Juli 2016 veröffentlichten Bericht umfangreichen Doping-Betrug und Proben-Manipulationen in Russland nachgewiesen. Diesen Generalvorwurf wird Russland so „nicht bedingungslos akzeptieren“, wies Witali Smirnow, Vorsitzender der von Präsident Wladimir Putin eingesetzten Anti-Doping-Kommission, die WADA-Forderung zum McLaren-Report zurück.

Damit ist neuer Streit vorprogrammiert. Was in Russland passiert ist, kann nicht ohne Wissen und Unterstützung aus Kreisen internationaler Verbände geschehen sein. Die WADA ist derart den Einflüssen aus Sportmarketing und Sportpolitik ausgesetzt, dass es nicht gelingen kann, saubere Sportler vor Dopingsündern zu schützen. Die internationale Leichtathletik hat durch die grassierende Korruption unter hochrangigen Funktionären ein riesiges Glaubwürdigkeitsproblem. Mit der neuen unabhängigen Anti-Doping-Organisation, Athletics Integrity Unit, haben die Verantwortlichen in der Leichtathletik einen Schritt nach vorne gewagt. Anti-Doping aus den USA bestätigte dem Weltverband IAAF Blindheit in dieser Hinsicht. Die IAAF war der Fuchs im Hühnerstall. Im sogenannten russischen Dopingskandal sitzt nicht nur Russland auf der Anklagebank. Alle großen und kleinen Sportnationen arbeiten an der pharmakologischen Optimierung der Medaillenausbeute bei den globalen Medienevents.

Gäben sich investigativ arbeitende Sportjournalisten genauso viel Mühe bei der Untersuchung anderer Sportnationen wie sie es bei Russland machen, wüssten wir, dass wir nur die Spitze des Eisberges sehen, wenn wir die Unkultur im Sport unter die Lupe nehmen. Die Isolierung Russlands als einzigen Betrüger im weltweiten Sport wird weitergehen. Sonderermittler McLaren hatte Manipulationen bei Doping-Proben von 28 russischen Wintersportlern während der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi entdeckt. Das muss vom IOK noch sanktioniert werden. Zwei Kommissionen des IOK seien damit befasst und eine Entscheidung solle schnell fallen, sagte Präsident Bach. Ob diese Sabotage mit einer Verbannung Russlands von den nächsten Winterspielen 2018 im südkoreanischen Pyeongchang bestraft werden könnte, ließ das IOK bisher offen. Nichts sei ausgeschlossen, orakelte Thomas Bach in London.

Wie sehr der Sport inzwischen politisiert ist, sieht man an einer kürzlich gestarteten Initiative von acht US-Senatoren, die eine Untersuchung fordern, ob Russland nordkoreanische Arbeiter beim Bau der Fußballstadien für die WM 2018 ausbeutete. In einem Brief an die FIFA fordern sie die Disqualifizierung Russlands zur Austragung der Weltmeisterschaft 2018, falls das der Fall sein sollte. Die Gruppe der acht US-Senatoren, die den Ausschluss Russland die WM wegnehmen will, wird von Senator Bob Menendez angeführt. Er ist Mitglied des Senat-Komitees für ausländische Beziehungen.

Damit es im sportlichen Wettkampf der Weltjugend nicht noch schmutziger zugeht, braucht es eine neue Kultur, in der unsaubere Siege keine echten Siege sind. Dann wird sich hoffentlich auch im kleinsten Gymnasium – ehemals ein Ort der vorwiegend körperlichen aber auch geistigen Ertüchtigung – herumgesprochen haben, dass schmutzig zu gewinnen, einfach keinen Spaß macht.

Bei der gestern zu Ende gegangenen Leichtathletik-WM gewannen die neunzehn neutralen Sportler aus Russland insgesamt sechs Medaillen – einmal Gold und fünf Mal Silber.

[hub/russland.NEWS]