Doping im Biathlon – Russland-Bashing auf andere Art

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[Von Susanne Brammerloh] – Nach Veröffentlichung der zweiten MC-Laren-Dopingliste drohten 31 russischen Biathleten Sperren. Am Donnerstag entschied der Weltverband IBU jedoch, zunächst nur zwei Sportler zu suspendieren. Nach Boykott-Drohungen aus Tschechien und Norwegen verzichtet Russland „freiwillig“ auf den Weltcup in Tjumen und die Junioren-WM 2017 in Ostrow. Hinter all dem Theater steckt weniger die internationale Sorge um die Sauberkeit der Athleten als faustdickes politisches Interesse.

Im Vorfeld der eiligst anberaumten Sitzung (so kurz vor Weihnachten, da musste Epochales dahinterstecken!) brodelte die Gerüchteküche und gebar gar die Angst, der russische Biathlonverband würde aus der IBU gejagt werden. Die involvierten Sportfunktionäre versprachen „handfeste Beweise“ – jetzt sollten aber mal so richtig Köpfe rollen!

„Mit Frühstücken gefüttert“

Und was kam dabei heraus? Zwei Sportler wurden suspendiert – wer, kann nur geraten werden, denn wieder einmal wurden keine Namen genannt. Bis zur WM in Hochfilzen im Februar sollen die Untersuchungen zu allen 31, ebenfalls bisher ungenannten, Sündern abgeschlossen werden. „Man wird mit Frühstücken gefüttert“, heißt es in diesem Fall im Russischen, soll heißen: vertröstet. Wer garantiert denn, dass wirklich endlich Tacheles geredet wird und das Geeier nicht doch weitergeht?

Der russische Verband ruderte indes zurück und verkündete, auf die Weltcup-Etappe im westsibirischen Tjumen und auf die Austragung der Junioren-WM in Ostrow zu verzichten. Anlass war unter anderem ein Schwall von Boykottdrohungen – zuerst riefen die Tschechen auf, alle Biathlon-Wettbewerbe in Russland zu ignorieren; Unterstützung fanden sie unter anderem bei den Norwegern. Weltstar Martin Fourcade aus Frankreich machte sich ebenfalls stark gegen Russland.

Im Laufe des Dezembers war Russland bereits die Austragung der Bob- und Skeleton-WM in Sotschi entzogen worden. Und heute wurde bekannt, dass auch das Eisschnelllauf-Weltcup-Finale im März in Tscheljabinsk gestrichen wird.

Alle gegen einen!

Dass in Russland etwas oberfaul ist mit verbotenen Präparaten im Sport, unterliegt keiner Diskussion und ist nicht zu verzeihen. Was allerdings zu denken gibt, ist die internationale Frontmacherei, die immer größere Ausmaße annimmt. Es sieht aus, als hätten die „Hüter der demokratischen Werte in der Welt“ sich so richtig eingeschossen auf den deklarierten Feind Nr. 1. Und nun, da die Sache in Gange ist und so gut flutscht, mag man nicht mehr auf die Bremse treten – es fährt sich ja gerade so schön flott, und alle sitzen endlich mal wieder in einem Boot. Ein längst vergessenes Solidaritätsgefühl hat sich ausgebreitet, und das ist so wohlig schön angesichts der schaurigen Ereignisse in der Welt.

Spaß (oder Sarkasmus) beiseite: Die sportlichen Sanktionen erweisen sich als verlängerter Arm der im Zusammenhang mit der Krim und der Ukraine gegen Russland erlassenen Restriktionen. Manchmal möchte man meinen: Da das eine nicht den gewünschten Erfolg bringt, wird das andere zum Ersatzmechanismus – und je größer der Frust beim einen, desto härter die Gangart beim anderen.

Ist die WM 2018 das wahre Ziel?

Wo soll das bloß hinführen, fragt sich der aufmerksame Betrachter Das ist nicht schwer zu erraten – einflussreiche Kreise wollen als Endziel womöglich die Aberkennung der Fußball-Weltmeisterschaft 2018. Die ist einigen Beteiligten schon seit 2010 ein Dorn im Auge, nämlich von dem Augenblick an, als der inzwischen geschasste FIFA-Präsident Joseph Blatter aus dem Kuvert das Kärtchen mit der Aufschrift „Russland“ gezogen hatte.

Jedes Mal, wenn Russland sich nicht so verhält, wie die „aufgeklärte Weltgemeinschaft“ dies erwartet, wird mit der WM-Keule geschwungen – neben den bereits erwähnten Konfliktthemen Krim und Ukraine hat sich in letzter Zeit Syrien dazugesellt. Die immer größer werdende Flut von Doping-Vorwürfen ist lediglich eine weitere Facette des momentan so beliebten Russland-Bashings.

[Susanne Brammerloh/russland.NEWS]