Donbass: Biogas von der Front

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Ein Berliner Ingenieur brachte etwas fertig, was nur Wenige überhaupt beginnen würden. Lars Klinkmüller, der Chef des Unternehmens CarboCycle produziert unmittelbar hinter der Frontlinie der heftig umkämpften Gebiete in der Ostukraine Biogas. Vom Husarenstreich einer zunächst ganz normalen Investition.

Als Lars Klinkmüller, ein Mann dem man sofort ansieht, dass er auch einmal mit anpacken kann, seine Investition in der Ukraine in Millionenhöhe durchkalkulierte, konnte noch niemand ahnen, dass sich das Projekt schon bald als Tollkühnheit erweisen würde. Gerade als das Fundament der Anlage in Wolnowacha im äußersten Südosten der Ukraine fertiggestellt war, begann dort der Krieg zwischen prorussischen Separatisten und der ukrainischen Armee. Erst kam es zu einem Artilleriebeschuss im Januar 2015, bei dem zwölf Zivilisten ihr Leben lassen mussten, dann beschossen Separatisten im darauffolgenden Mai ein ukrainisches Truppenlager, was das Leben von weiteren 16 Menschen, diesmal Soldaten, forderte.

Klinkmüller kann den Krieg unmittelbar vor seiner Haustür inzwischen ausblenden, muss ihn ausblenden. Selbst als der Agrarbetrieb Ecoprod, für den das Berliner Ingenieurbüro tätig ist, unter Artilleriebeschuss lag und ein Wachmann dabei getötet wurde. Das Projekt stand daraufhin zunächst für zweieinhalb Jahre still. Eine Zeit, in der viel Geld verloren ging, und die an den Nerven zehrte – niemand wusste wie es weitergehen würde. Inzwischen ist wieder so etwas wie eine Normalität in Wolnowacha eingekehrt, die Frontlinie hat sich um etwa zehn Kilometer weiter weg verschoben. Heute bezeichnet man die ehemalige Frontlinie sogar als „Waffenstillstandslinie“. Das Grollen der Geschütze ist jedoch immer noch nahezu täglich deutlich zu vernehmen. Man hat gelernt, die in Reichweite operierenden Raketenwerfer zu ignorieren.

Ukrainische Bauern seien hartnäckig, weiß Bogdan Rogatschenko, der stellvertretende Generaldirektor der Aktiengesellschaft Ecoprod, dem größten landwirtschaftlichen Betrieb der Region. Ohnehin sichern sich Millionen Ukrainer ihre Nahrungsmittel aus dem Vorgarten und der Datscha. Zusätzlich bewirtschaftet Ecoprod 22.000 Hektar Agrarfläche und hält 6.000 Milchkühe. An diesem Punkt nahm Lars Klinkmüller mit seinem Unternehmen CarboCycle den Faden auf und konnte den Generaldirektor bei Ecoprod, Iwan Melnik, von dem Projekt überzeugen, die Hinterlassenschaften des Agrarbetriebs sinnvoll zu nutzen. Obwohl Melnik zufolge Biogas nicht zu den Präferenzen des Betriebes gehören, fing der Generaldirektor an, sich für die Technik dieser Art der Energiegewinnung zu interessieren.

Allen Widrigkeiten zum Trotz

Eigentlich habe die Geschichte des Biogases aus Wolnowacha einen ganz normalen Verlauf genommen, wie Projektleiter Klinkmüller gegenüber der Berliner Morgenpost erklärte. CarboCykle habe von vier deutschen Bewerbern den Zuschlag zum Bau einer Drei-Megawatt-Großanlage für 5,4 Millionen Euro erhalten. Wie Lars Klinkmüller vermutet, weil er es den Zuständigen vor Ort in ihrer Sprache verdeutlichen konnte – auf Russisch. Hier kam ihm zugute, dass er sein Studium im damals noch sowjetischen Moskau am Institut für chemischen Maschinenbau absolvierte. Nach einer, wie ihm es erschien, langen Zeit des Wartens auf die staatliche Förderung war der Weg endlich frei für den Grundstein zur Baustelle des Projekts.

Just als der Plan in die Tat umgesetzt werden konnte, begannen die Wirren im Donbass. Westeuropäische Partnerfirmen weigerten sich schlichtweg die Arbeit vor Ort aufzunehmen, erinnert sich Klinkmüller an die Zeit, in der der Krieg begann. Von drei Zulieferern aus Deutschland und Österreich habe letztendlich nur einer seine Techniker nach Wolnowacha entsandt. Klinkmüller lässt offen, ob es die Deutschen oder die Österreicher waren, die den Mut aufbrachten. Bei der zweiten montierten die Ecoprod-Mitarbeiter selbst, nachdem sich die Firma geweigert hatte Monteure zu schicken. Die Anweisungen wurden schließlich via Skype nach Wolnowacha weitergegeben. Von dem dritten Zulieferer habe man nie mehr etwas gehört.

Jetzt, nachdem die Anlage endlich in Betrieb ist, vergären Mikroben eine Organische Masse aus 40 Tonnen Kuhmist, 65 Tonnen Mais- und Hirsesilage, eine Tonne Futtermittelreste sowie Sonnenblumenschalen und Getreidestaub zu Biogas, das von einem Generator in elektrischen Strom umgewandelt wird. Wenn der nun ab Ende Juni wie geplant in das städtische Kabelnetz eingespeist wird, lassen sich künftig 3.500 Haushalte, das entspricht der Hälfte Wolnowachas, mit Elektrizität versorgen. Lars Klinkmüller denkt indes schon weiter. Ihm zufolge gäbe es in der gesamten Ukraine gerade einmal zehn Biogasanlagen, lediglich ein geschätztes Prozent der ukrainischen Energie stamme dabei aus regenerativen Quellen. Ein ungeheuerliches Potential, das hier noch brachliege, findet er. Seiner Meinung nach sollten in Wolnowacha auch Windkraftanlagen stehen.

5.000 Drei-Megawatt-Anlagen, rechnet der Visionär vor, entsprächen rund 30 Milliarden Kubikmetern Biogas im Jahr. Dafür bedürfe es sechs Millionen Hektar Ackerland und die Ukraine wäre unabhängig von russischen Gasimporten. Bis zu acht Millionen Hektar lägen im ganzen Land bislang brach, so Klinkmüllers einfache Rechnung. Die Investitionskosten von 25 Milliarden Euro verrechnet er kurzerhand mit dem, was die Ukraine derzeit für das russische Gas bezahlt. Im letzten Jahr fuhr die ukrainische Landwirtschaft trotz des Reformstaus des mehr und mehr umstrittenen Präsidenten Pjotro Poroschenko die Rekordernte von 66 Millionen Tonnen Getreide ein.

Durch einen Zuwachs von 6,1 Prozent macht die Agrarwirtschaft inzwischen zwölf Prozent der ukrainischen Wirtschaftsleistung aus. Für Bogdan Rogatschenko von Ecoprod sei die Landwirtschaft deshalb „die Wirtschaftslokomotive der Ukraine“ geworden. Das Vorstandsmitglied kann seinen Stolz über die erwirtschaftete Leistung gar nicht verbergen.

[mb/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.