Die wahren Folgen von Tschernobyl

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In den verstrahlten Gebieten in der Ukraine und Weißrussland gewinnt die eigentliche Katastrophe erst jetzt zunehmend an Fahrt – immer mehr Menschen leiden an der Strahlung. Besonders dramatisch entwickelt sich die Lage für die Kinder. Nur noch rund 20 Prozent der Kinder sind überhaupt gesund, so dass Gesundheitsministerium in Weißrussland.

In manchen Dörfern ist gewöhnlicher Schulsport kaum noch möglich, viele SchülerInnen sind einfach zu geschwächt. Sie leben auf strahlenbelastetem Boden. Hauptursache der Erkrankungen ist die schleichende Anreicherung des radioaktiven Cäsiums, durch das verstrahlte Essen. Unbelastete Nahrung ist für die meisten unerschwinglich.

Kinder im Alter von zwölf Jahren leiden unter Bluthochdruck und Magenschleimhautentzündungen. Die Radioaktivität schädigt aber auch die Nieren und greift das Nervensystem an. Patologien der Organe treten auf. Eine hohe Cäsiumbelastung kann bei Kindern zum Grauen Star und zur Skleroese der Blutadern im Auge führen.

Es kommt zu Störungen des Immunsystem und des Hormongleichgewichts. Alleine in Weißrussland sind 600 000 Kinder betroffen.

»Tschernobyl-Aids«

Die Folgen der Strahlung haben für die Kinder und Jugendlichen noch viele Gesichter: So verzögert sie das Wachstum einerseits und lässt die Menschen andererseits schneller altern. Sie genesen langsamer nach Krankheiten – schuld ist die Immunschwäche, auch »Tschernobyl-Aids« genannt.

Wie weit der Tschernobylunfall Krebserkrankungen verursacht, lässt sich bisher nur erahnen.

Bisher sind 1800 Kinder und Jugendliche in Weißrussland an Schilddrüsenkrebs erkrankt Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass 25 Prozent der Menschen, die während des Tschernobyl–Fallouts jünger als vier Jahre alt waren, Schilddrüsenkrebs bekommen werden. Mit möglicherweise 100.000 Schilddrüsenkrebskranken aus allen Altersschichten rechnet der Strahlenmediziner Edmund Lengfelder.

Stark radioaktiv belastet ist das Gebiet Gomel, rund 80 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Dort hat die Häufigkeit aller Krebserkrankungen in nur zehn Jahren nach dem Super–Gau zwischen 1989 und 1999 bereits um mehr als ein Drittel zugenommen. Den stärksten Anstieg an Erkrankungen gab es in den am höchsten belasteten Gebieten – Leukämie tritt 50 Prozent häufiger auf.

Brust- und Lungenkrebs aber zeigen sich erst nach rund 20 Jahren, Magen-, Haut- und Mastdarmkrebs schätzungsweise nach 30 Jahren.

Genetische Störungen

In den hoch belasteten Regionen der Ukraine zeigten sich schon in den ersten vier Jahren nach dem Unfall krankhafte Veränderungen im Bereich der menschlichen Fortpflanzung. Genetische Störungen vervielfachten sich um den Faktor 15, Fehlbildung treten dreimal so häufig auf. Die Zahl der zeugungsunfähigen Männer stieg um 300 Prozent.

Die ukrainische Regierung berichtete im März 2002, dass von den drei Millionen Menschen in der Ukraine, die Radioaktivität aufgenommen haben, 84 Prozent als krank registriert sind. Darunter befinden sich eine Millionen Kinder.

Retter in Not

Fast vergessen sind die 600.000 zumeist jungen Männer, die damals aus der ganzen Sowjetunion zum Reaktor und in die Region um Tschernobyl geschickt wurden. Sie sollten den Reaktorbrand löschen und die Welt vor noch grösseren Auswirkungen der Katastrophe bewahren. Sie waren es auch, die den Betonschutzmantel bauten und große Gebiete von der Strahlenbelastung zu »säubern« versuchten. 94 Prozent der in der Ukraine noch lebenden Liquidatoren sind krank. Professor Alexej Yablokov berichtete 2005 auf einem Kongress des IPPNW , dass 50 Prozent der Männer heute Invaliden sind. Wissenschaftler befürchten eine wahre Krebsepidemie unter den Liquidatoren in den nächsten 10 bis 20 Jahren. Erste Anzeichen für überdurchschnittlich steigende Krebsraten zeichnen sich bereits ab. Laut IPPNW sind schätzungsweise 50.000 von ihnen bisher an Strahlenschäden gestorben oder haben Selbstmord begangen.

Die Folgen des GAU in Deutschland

1.800 Kilometer von Tschernobyl entfernt, richtete die Wolke auch hier bei uns Schaden an.

Im Januar 1987, neun Monate nach dem Unglück, kamen in West-Berlin zwölf Kinder mit einer Down Syndrom-Behinderung zur Welt, normal wären im Januar 87 zwei bis drei gewesen.[1]

Erhöhte Cäsiumbelastungen im Boden führten zu Fehlbildungen bei Säuglingen. Totgeborene hatten häufig drei oder vier Hände und Füsse.

In Hamburg gab es im Tschernobyl-Jahr 1986 den seit 30 Jahren zweithöchsten Anstieg in der Zahl der mangel und frühgeborenen Säuglinge unter 2500 Gramm Geburtsgewicht.[2]

Auch in Ostdeutschland – damals DDR – kam es nach Tschernobyl zu Anstiegen strahlentypischer Fehlbildungen. In der DDR wurden gesetzlich verordnet alle Aborte und bis zum Alter von 16 Jahren verstorbene Kinder autopsiert. Das Fehlbildungsregister in Jena stellte 1986-87 einen 4-fachen Anstieg isolierter Fehlbildungen fest, der in den folgenden Jahren wieder abklang. Eine Analyse des DDR-Zentralregisters für Fehlbildungen ergab einen Anstieg der Lippen- und Gaumenspalten, der am ausgeprägtesten in den drei nördlichen Gebieten auftrat, die am meisten vom Fallout betroffen waren.[3]

[1]Strahlentelex, 5/1987, 19. März 1987, S. 1f.,
[2]Strahlentelex, 47/1988, S. 6,
[3]Hoffmann, W.: Fallout from the Chernobyl nuclear disaster and congenital malformations in Europe. Archives of Environmental Health 56 (2001) 478-484. Strahlentelex, 374-375/2002, S. 9 f. Inge Schmitz-Feuerhake, Fehlbildungen in Europa und der Türkei.

unter Verwendung von Informationen u.a. von Edmund Lengfelder (Otto Hug Strahleninstitut), Dr. Ute Watermann (Sprecherin IPPNW) Prof. Nesterenko (Institut BELRAD)