Die (nicht) mit den Wölfen heulen

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Moskau/Berlin – Am vergangenen Wochenende sind sie auf ihre Böcke gestiegen und einfach losgefahren. Die „Nachtwölfe“, von den diesseitigen Medien plakativ als „Putins Rocker“ tituliert, starteten ihre Sternfahrt nach Berlin, um pünktlich zum Tag des Sieges am 9. Mai die deutsche Hauptstadt mit ihrer Anwesenheit zu beglücken.

Ansich, so müsste man denken, ist das doch eine prima Angelegenheit. Der unselige Krieg ist nun seit 70 Jahren Geschichte und die Gelegenheit scheint günstig, um ein gemeinsames Fass auf bessere Zeiten und ein beschauliches Miteinander aufzumachen. Wäre eigentlich schön gewesen, ist dem aber leider nicht so. Denn, und das muss man vorher wissen, bei den „Nachtwölfen“ handelt es sich nicht nur um eine muntere Motorradclique, die mal eben an einem Feiertag ausreitet, sondern um eine knallharte Männertruppe, die ihresgleichen nur in den westlichen „Hell’s Angels“ findet.

„Lasst ihnen doch ihren Spass, die wollen sicher nur spielen“, könnte man jetzt noch sagen, verbietet sich allerdings angesichts der derzeitigen angespannten politischen Situation zwischen dem Westen und der Russischen Föderation. Und da beginnt ein kleines Problem, dass sich innerhalb kürzester Zeit zu einem riesengroßen hausgemachten Krach entwickelte. Denn der Ausritt der „Wölfe“ wurde mittlerweile zum handfesten Politikum hochstilisiert. Obwohl sich die schweren Jungs zwar nach eigenem Bekunden nicht in die Politik einmischen, pflegen sie dennoch den regen Kontakt zu Präsident Putin und dessen Partei „Einiges Russland“.

Auch das wäre vermutlich nur halb so wild, wären da nicht der offen ausgetragene Konflikt in der Ostukraine und der schwelende Zankapfel Krim. Denn da sind sie seinerzeit nämlich hingefahren, die „Nachtwölfe“, um Straßensperren zu errichten und man munkelt, einige von denen seien auch aktiv im Kampfgetümmel des Donbass zu finden. Tja, und nun der Weltkriegs-Korso quer durch halb Europa. Warschau, Wien, Prag und München stünden vor ihrer Ankunft in Berlin auf dem Programm der rund 6.000 Kilometer weiten Fahrt, hieß es. Da dies zufällig auch der Weg der Roten Armee vor 70 Jahren war, macht die ganze Angelegenheit nicht unbedingt einfacher.

Steine in den Weg gelegt

Polen hat bereits sein Veto gegen den Korso eingelegt und Ewa Kopacz, die dortige Ministerpräsidentin, spricht von einer „einzigen Provokation“. Die offizielle Begründung dagegen hört sich nicht ganz so markig an. Da ließ man lediglich verlauten, es mangele an geeigneten Unterkünften für die Biker und es würden genaue Angaben zum Programm der Truppe fehlen. Nun beginnt in Berlin die fieberhafte Suche nach Gründen für ein Einreiseverbot für die „Nachtwölfe“, von hiesigen Medien charmant als ultranationalistisch bezeichnet. Angeblich seien bereits gut einhundert Schengen-Visa annuliert worden. Die führenden Köpfe der „Notschnyje Wolki“ dürfen eh schon längst nicht mehr nach Deutschland kommen.

Man glaube in Berlin auch nicht, dass diese Tour einen Beitrag zur Stärkung der deutsch-russischen Beziehungen leiste. Außerdem müsse so ein historischer Jahrestag „in Würde“ begangen werden und solle nicht „instrumentalisiert“ werden. Und wenn alles nichts hilft, dann schiebt man halt eben wieder die möglichen Gefahren für Sicherheit und Ordnung ins Feld. Russland, klar, zeigt sich empört und spricht von einer „politischen Diskriminierung“. Und, als wäre das nicht schon genug Säbelrasseln, blasen nun auch russische Motorrad-Kollegen den „Nachtwölfen“ starken Gegenwind vor die Maschinen. Wie auf dem St. Petersburger Stadtportal „Fontanka“ zu lesen war, moniere sich der Biker-Club „MotoSowjet Peterburg“ über die Sternfahrt der „Wölfe“.

Hierbei scheint es sich zwar in erster Linie um historische Nicklichkeiten zwischen der russischen Hauptstadt und der nordwestlich gelegenen Kulturhauptstadt zu handeln, da die „Wolki“ gefälligst nicht mehr die Motorrad-Saison in der Newametropole eröffnen und beenden sollen, und die Petersburger fürchten zuviel Einfluss der Moskauer an der Newa. Aber es gibt auch deutliche Kritik an deren „Rote Armee-Tour“. Es sei besonders zynisch, solche Aktionen mit dem heiligen Gedächtnis des Krieges zu bedecken, hieß es in einer Verlautbarung. Und dementsprechend haben die Petersburger Biker auch vor, sich während der „heiligen Losungen des großn Sieges“ betont bedeckt zu halten.

Westliche Biker-Solidarität

Das wiederum kann den „Nachtwölfen“ aber auch ziemlich egal sein, da laut der Facebook-Seite Alexander Saldostanows, dem legendären „Chirurgen“ und Anführer der Gang, der ersteTrupp seiner Kohorte, 200 Mann, bzw. Maschinen stark, bereits an dem sowjetischen Soldatenfriedhof im polnischen Braniewo angekommen sei. Zusammen mit Unterstützung polnischer Gruppen veranstalteten sie eine Gedenkfeier zum Ende des Zweiten Weltkrieges.

Auch die Weiterfahrt nach Deutschland scheint bestens organisiert und unterstützt zu werden, wie ein Leserkommentar auf Saldostanows Seite zeigt: „…Solltet ihr durch Oberbayern fahren, ein Fetzen Fleisch und’n Kasten Bier ist schnell organisiert!“ Die russischen Wölfe werden diese wohlwollenden Gesten sicherlich gerne zum Anlass zu tieferen deutsch-russischen Freundschaften unter Biker-Kollegen nehmen. Denn wie der „Chirurg“ nachdrücklich betont: „Wir kommen unbewaffnet und weltoffen“, und er zeigt sich bestüzt über die Feindseligkeit, die ihnen bereits im Vorfeld um die Ohren weht.

Dabei sind derlei Ausfahrten nicht einmal unüblich in Russland. Erst vor kurzem gab es eine Autokolonne zu Ehren der Opfer und Veteranen von Moskau an die Elbe nach Torgau. Und auch der aus Deutschland stammende ehemalige Pastor der St. Petersburger Petri-Gemeinde, Matthias Zierold, veranstaltete schon vor einigen Jahren Fahrten mit russischen und deutschen Bikern zu deutsch-russischen Kriegsgräbern in der Petersburger Umgebung. Warum ausgerechnet jetzt die Tour der „Nachtwölfe“ den Europäern soviel Kopfzerbrechen bereitet, das wissen vermutlich nur die Kalten Krieger in den Politetagen.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.