Die Medien und der Ukrainekonflikt

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[Von Dr. Christian Wipperfürth] Die Berichterstattung der deutschen Medien wird von Teilen der Öffentlichkeit seit einigen Jahren zunehmend kritisiert. Dies betrifft insbesondere Beiträge zu Russland und dem Ukrainekonflikt.

Die Zeitschrift „Internationale Politik“ (IP), die von der „Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“ herausgegeben wird, hat hierzu durch „Forsa“ eine Umfrage durchführen lassen.

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(Quelle: „Internationale Politik“, Mai/Juni 2015, S. 4)

Die Jüngeren sehen die Berichterstattung besonders kritisch:

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(Quelle: „Internationale Politik“, Mai/Juni 2015, S. 4)

Bei allen Altersgruppen und den Anhängern aller Parteien (CDU/CSU, SPD, Linke, Grüne, AfD) sind jeweils über 50% der Befragten der Ansicht, die Berichterstattung sei nicht ausgewogen.

Diejenigen, die sich nicht ausgewogen informiert fühlen, nannten für ihren Eindruck folgende Gründe:

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(Quelle: „Internationale Politik“, Mai/Juni 2015, S. 5)

Dies bedeutet: 25,5% der aller in der Studie Befragten haben den Eindruck, die Berichterstattung nehme zu einseitig die ukrainische Position ein, 8,1% sind der Ansicht, die Medien berichten zu sehr aus dem russischen Blickwinkel. 45,8% haben den Eindruck, unvollständig und nicht umfassend informiert zu werden.

Eine Umfrage, die von der „Zeit“ in Auftrag gegeben wurde, kam zu folgenden Ergebnissen:

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(Quelle: http://www.zeit.de/2015/26/journalismus-medienkritik-luegenpresse-vertrauen-ukraine-krise/komplettansicht)

Ich selbst orientiere mich an folgenden Kriterien, um festzustellen, ob ein Beitrag informieren, oder etwa zu einer bestimmten Sichtweise bekehren will:

  1. Weckt der Bericht (die Sendung, die Argumentation bei mir starke Gefühle? Falls dies der Fall ist, dann wird der Autor sie auch beim Verfassen und darum einen einseitigen Blick gehabt haben.
  2. Werden Fakten und Entwicklungen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet? Oder lediglich aus einer Perspektive?
  3. Wird lediglich eine Seite als aktiv dargestellt, während die andere nur reagieren könne? (Täter-Opfer-Schema) Werden die Vertreter einer Seite moralisch abgewertet?

Die Beachtung der drei aufgeführten Kriterien sind häufig hinreichend, um den Charakter eines Berichts beurteilen zu können. Dies gilt selbst für Themen, von denen man nicht viel versteht.

Aber die Sache ist leider nicht ganz so einfach: Natürlich gibt es Themen, bei denen es angebracht oder gar notwendig ist, deutlich Stellung zu beziehen. Und was besonders knifflig ist: Auch ich habe meine Vorurteile und Scheuklappen. Dieser allgemein menschlichen Unvollkommenheit möchte ich mir immer wieder bewusst sein. Was mir manchmal besser, manchmal schlechter gelingt. Ich frage mich darum immer wieder selbst: Informiere ich mit meinem Text? Will ich mit abgewogenen Fakten überzeugen, oder – überspitzt formuliert – suche ich nach Argumenten, um die Richtigkeit meiner Vorurteile bestätigen zu können. Wehre ich, wenn ich etwas lese, das meinen Unwillen erregt, selbst möglicherweise Informationen oder Argumente ab, die mir nicht genehm sind?

Über den Autor

Dr. Christian Wipperfürth
Arbeitet als Freier Publizist, Er hat zuvor für das Europäische Parlament bzw. den Deutschen Bundestag gearbeitet und Internationale Beziehungen an der Universität in St. Petersburg gelehrt.