„Der Zuckerkreml“ – Russlands düstere Zukunft

[Von Michael Barth] Moskau/Köln – Vladimir Sorokins „Der Zuckerkreml“ darf getrost im Science Fiction Genre angesiedelt werden. Es geht darin zwar keineswegs um Raketen und die Besiedelung ferner Planeten, doch der Roman kreiert sein eigenes futuristisches Szenario. Eine gesellschaftskritische Ermahnung für das 21. Jahrhundert.

Sehr schnell wird beim Lesen des „Zuckerkreml“ deutlich, dass sich Russland im Jahr 2028 laut Sorokin in einem Widerspruch der Zeit befinden wird. Die Gegenwart bedient sich der Verhaltensmuster der Zaren- und der Sowjetzeit und diese folgen wiederum den schleichenden Einflüssen des 21. Jahrhunderts. Was Anfangs noch ein wenig verwirrend und zusammenhangslos wirkt, entwickelt sich alsbald zu einer Methodik, die einen roten Faden durch das Buch erkennen lässt.

Als einer der bekanntesten zeitgenössischen Literaten Russlands entwirft Vladimir Sorokin ein Szenario der Widersprüche. Anhand von 15 Kurzgeschichten, die allesamt für sich selber stehen, aber dennoch merkwürdig miteinander verflochten sind, formt sich eine komplexe Welt. Eine Welt in der scheinbar nur mehr Gut und Böse herrscht. Die Guten sind die Geknechteten, die Bösen die Unterdrücker. Das hört sich soweit recht simpel an. Jedoch, Vladimir Sorokin geht tiefer. Er bewegt sich im „Zuckerkreml“ tief in der Verödung der Zwischenmenschlichkeit. Dem unabdingbaren Element zwischen Ohnmacht und Stolz, das der Staat an sich gerissen hat.

Ein kritisch beobachteter Kritiker mit kritischen Prognosen

Er wird in Russland kritisch betrachtet, dieser Vladimir Sorokin, mitunter geradezu angefeindet.  Geboren 1955 in Bykowo bei Moskau. Mit 17 Jahren unternahm er als studierter Ingenieur seine ersten Gehversuche in der Literatur, ab den Achtzigern wurde er in den Adelsstand des Moskauer Untergrunds erhoben und galt fortan als „Konzeptualist“. Mittlerweile wird er neben Wiktor Jerofejew, dem Sohn des Kultautors Wenedikt Jerofejew („Moskau – Petuschki“) und dem Surrealisten Wiktor Pelewin als Galleonsfigur der russischen Postmoderne geführt.

Herzstück und Leitmotiv des aktuellen Sorokin-Werkes ist, wie der Titel bereits sagt, der „Zuckerkreml“. Eine vom Staat ausgegebene Süßigkeit, von der bei allen Jubelgelegenheiten und anderen kleinen Glücksmomenten ganz vorsichtig und andächtig ein Stück abgebrochen wird. Der „Zuckerkreml“ birgt eine gewisse Magie in sich, ein stillschweigendes und verpflichtendes Bündnis zwischen Bürger und Staat. Ein weiteres Band zieht sich in Form der „großen russischen Mauer“ um das russische Volk. Emsig wird an ihr gebaut, um liederliches Wirken des dekadenten Westens vom Land fernzuhalten.

Das Leben in Russland scheint im Jahr 2028 aber auch um ein Vielfaches erleichtert. Da gibt es die „schlauen Maschinen“, die uns den rechten Weg weisen, „Faustkeile“ lassen uns kommunizieren. Reinstes Kokain ist in der Apotheke erhältlich und solange der Mensch spurt, lässt es sich in Sorokins Russland gut aushalten. Opium für das Volk eben. Und wer nicht spurt? Nun, der kommt einfach an das andere Ende des riesigen Landes und darf zum Schutz von Mütterchen Russland dort an der großen Mauer mitbauen.

Mittlerweile verbreiten sich auch mehr und mehr chinesische Einflüsse in Russland. Schon längst haben sich chinesische Ausdrücke in die russische Umgangssprache eingeschlichen und haben die vormals anglizistische Coolness abgelöst. Dass allerdings im Jahr 2028 die Beziehungen zu China zum Besten stehen werden, darf durchaus als Gegenwartszynismus angesichts der derzeitigen außenpolitischen Situation Russlands gewertet werden. Sorokin zeigt in seinem Szenario deutlich auf, was globalpolitisch passieren könnte, wenn das Blatt sich nach der anderen Seite wenden sollte.

Das seltsam Realistische an Vladimir Sorokins dystopischen Erzählweise im „Zuckerkreml“ jedoch ist, dass man sich durch die Lektüre merkwürdig berührt seiner eigenen Gegenwart besinnt und feststellt, dass sich im Grunde genommen kaum etwas zu ändern scheint, wenn man Veränderungen nicht rechtzeitig wahrzunehmen vermag…

Vladimir Sorokin: „Der Zuckerkreml“.
Übersetzt aus dem Russischen von Andreas Tretner.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010.
238 Seiten, 18,95 EUR.
ISBN-13: 9783462042269

(Michael Barth/russland.RU)

Foto: M. Barth

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.