Der Mann mit den drei Stimmen

Der Mann mit den drei Stimmen

Dmitri Medwedew erklärt die russische Wirtschaft für angepasst, den Krieg für nur zu russischen Bedingungen beendbar und junge Kriegsgegner für geistig minderbemittelt. Drei Äußerungen aus einer einzigen Sitzung ergeben das Psychogramm einer politischen Selbstinszenierung.

Manchmal braucht es keine lange Rede, um einen Politiker zu besichtigen. Drei kurze Meldungen können genügen – zumal dann, wenn sie aus ein und derselben Veranstaltung stammen.

Dmitri Medwedew nahm am Mittwoch an einer Sitzung des Expertenrats von „Einiges Russland“ teil. Eigentlich ging es um das neue „Volksprogramm“ der Regierungspartei. Doch nebenbei präsentierte deren Vorsitzender drei verschiedene Fassungen seiner selbst: den nüchternen Technokraten, den unbeugsamen Kriegsherrn und den autoritären Volkserzieher.

Zunächst sprach der frühere Präsident und Ministerpräsident über die Wirtschaft. Die russischen Unternehmen hätten sich im Großen und Ganzen an die Sanktionen angepasst. In manchen Fällen sei dies mit Qualitätsverlusten verbunden gewesen, in anderen vielleicht nicht. Fast klingt hier noch jener alte Medwedew an, der Statistiken lesen, Einschränkungen einräumen und einen wirtschaftspolitischen Gedanken bis zum Ende führen konnte. Sanktionen seien inzwischen kaum noch ein Gesprächsthema. Nun müsse unter anderem die Nachfrage stimuliert werden.

Das ist die Stimme des Verwalters: Schwierigkeiten werden nicht geleugnet, sondern in „Anpassung“ umbenannt. Selbst der Qualitätsverlust erscheint damit weniger als Schaden denn als Begleiterscheinung einer grundsätzlich gelungenen Operation. Wo die Wirklichkeit nicht vollständig gehorcht, wird die Wortwahl nachjustiert.

Dann tritt der zweite Medwedew hervor. Die „militärische Spezialoperation“ werde irgendwann beendet oder „in der einen oder anderen Form“ ausgesetzt – selbstverständlich ausschließlich zu den Bedingungen Russlands.

Der Satz verbindet maximale Gewissheit mit größtmöglicher Unbestimmtheit. Wann der Krieg endet, bleibt offen. Ob er tatsächlich beendet oder lediglich unterbrochen wird, ebenfalls. Was die russischen Bedingungen konkret sein sollen, wird nicht ausgeführt. Sicher ist allein, wer sie bestimmt.

Medwedew beherrscht diese Konstruktion inzwischen meisterhaft: Der Ausgang bleibt unscharf, der Anspruch auf den Sieg dagegen gestochen scharf. So lässt sich nahezu jedes spätere Ergebnis als Durchsetzung des eigenen Willens präsentieren. Die politische Bewegungsfreiheit bleibt erhalten, während dem Publikum Unbeugsamkeit vorgeführt wird.

Am deutlichsten wird das dahinterstehende Menschenbild, als Medwedew über junge Russen spricht, die den Krieg ablehnen. Unter ihnen gebe es zwar einige „überzeugte Schurken“, die meisten handelten jedoch aus Dummheit und mangelndem Bewusstsein. Er bezeichnete sie als „Idioten“, die sich für schäbiges Geld oder aus jugendlicher Geltungssucht verführen ließen. Bei einem Teil gebe es offenbar „Probleme mit dem Gehirn“, die Gehirne seien „völlig verdreht“.

Politischer Widerspruch kommt in diesem Weltbild nicht vor. Wer anderer Meinung ist, kann nicht aufgrund eigener Erfahrungen, moralischer Überzeugungen oder politischer Erwägungen zu seinem Urteil gelangt sein. Er ist entweder gekauft, dumm, krank oder bösartig.

Damit schafft Medwedew zugleich die Legitimation für die von ihm geforderte patriotische Erziehung. Wer nicht selbstständig denken kann, muss angeleitet werden. Wer ein „verdrehtes Gehirn“ besitzt, bedarf der Korrektur. Und wer als „überzeugter Schurke“ gilt, steht ohnehin außerhalb des zulässigen Gesprächs. Die Partei übernimmt in dieser Ordnung nicht die Aufgabe, unterschiedliche gesellschaftliche Interessen zu vertreten. Ihre „Mission“ besteht darin, das richtige Bewusstsein herzustellen.

Der Ton mag grob sein, die Konstruktion ist fein abgestimmt. Medwedew bietet der Führung, der Partei und dem Publikum jeweils eine passende Figur an. Als Technokrat erklärt er wirtschaftliche Verluste zur erfolgreichen Anpassung. Als Kriegspolitiker verwandelt er einen offenen Ausgang in russische Siegesgewissheit. Als Volkserzieher macht er aus politischem Widerspruch einen geistigen Defekt.

Die drei Medwedews widersprechen einander deshalb nicht. Sie teilen sich lediglich die Arbeit.

Ihr gemeinsamer Kern ist der Anspruch auf Deutungshoheit: Der Staat bestimmt, was wirtschaftlicher Erfolg ist. Russland bestimmt, was als Kriegsende gilt. Und die Partei bestimmt, welche Gedanken in den Köpfen der Jugend als gesund gelten dürfen.

Medwedew zeigt damit weniger drei Persönlichkeiten als drei Tonlagen desselben Kontrollbedürfnisses. Wo die Wirklichkeit widerspricht, wird sie sprachlich umgeordnet. Wo Menschen widersprechen, werden sie abgewertet. Und wo die Zukunft offenbleibt, erklärt man vorsorglich, sie werde den eigenen Bedingungen

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