Der Fluch der Gazprom-Arena

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St. Petersburg hat ein neues Stadion. Nach fast zehnjähriger Bauzeit ist es nun endlich fertig oder vielleicht auch nicht. Während die FIFA die neue Spielstätte an der Newa in den höchsten Tönen lobt, weigert sich der örtliche Fußballklub ‚Zenit‘ beharrlich seine Ligaspiele darin auszutragen. Ärgerlich, denn der Confed-Cup steht unmittelbar vor der Tür.

In rund drei Wochen soll die erste Gala auf der Krestowski-Insel in St. Petersburg über die Bühne gehen. Am 17. Juni pünktlich um 17:00 Uhr wird das Spiel des Gastgebers Russland gegen Neuseeland den Konföderationen-Pokal 2017 eröffnen. Indes, die Generalprobe ging schon mal schief. Die Qualität des Rasens sei schlechter als bei Outsider-Clubs der ukrainischen Meisterschaft, haderte Mircea Lucescu, der Trainer des Lokalmatadoren FK Zenit St. Petersburg mit der neuen Arena bereits nach einer dort ausgetragenen Begegnung. Wenn nur die Verletzungsgefahr der Spieler der einige Makel wäre. Sogar Hausherr Alexei Miller, quasi der Spielführer des Klubsponsors ‚Gazprom‘, muss sich das Malheur eingestehen, dass sein Prestigeobjekt ein Fiasko ist.

Zehn Jahre sind ins Land gezogen, bis das Stadion endlich der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Kein einziges verging ohne Meldungen über Missstände, Korruption und nahezu kriminellen Arbeitsbedingungen. Dabei waren die Pläne hoch gesteckt. Auf einer Fläche von fast 300.000 Quadratmetern sollte auf der Krestowski-Insel anstelle des dafür abgerissenen Kirowski-Stadions einer der modernsten Fußballtempel der Welt entstehen. 68.000 Zuschauer würden auf den Rängen, die sich um den Kunstrasen türmen, internationale Fußballspiele zu sehen bekommen, ansonsten sollte hier der örtliche Verein seine Ligaspiele austragen. Um das ehrgeizige Projekt in die Tat umzusetzen wurde es in die Hände des japanischen Stararchitekten Kisho Kurokawa gelegt. 2007, zu Baubeginn, wurde die Bauzeit noch auf lediglich zwei Jahre festgesetzt.

Betrugsskandal, Kostenexplosion und Sklavenarbeit

Dann begannen sich die Ereignisse zu überschlagen. Zunächst explodierten die Kosten für den Stadionneubau und aus den vorgesehenen 165 Millionen Euro wurden inzwischen offizielle 930. Insider jedoch munkeln von einem Betrag weit über der Einmilliarden-Grenze, ohne dass die dazugehörige Infrastruktur mit eingeschlossen wäre. Nicht nur deshalb kam der Bau immer wieder ins stocken und nährte immer neue Gerüchte um Pleiten, Pech und Pannen. Korruptionsskandale und Betrugsaffären standen auf der Tagesordnung, die Baufirma wurde gewechselt. Am Ende wurde sogar noch eine Schweizer Bauunternehmen warm gehalten, die sich auf die Errichtung von Sportanlagen in kürzester Zeit spezialisiert hat. Die Firma wäre offensichtlich in der Lage gewesen, durch Modulbauweise in acht Monaten eine provisorische Behelfsarena für 25.000 Zuschauer im Norden St. Petersburgs zu installieren.

Gearbeitet wurde in 16-Stundenschichten, die Arbeiter waren Billiglohnkräfte aus Zentralasien und Nordkorea. Menschenrechts-Kommissionen traten auf den Plan. Untergebracht in stacheldrahtbewehrten Containersiedlungen würden die Arbeiter wie Sklaven gehalten, klagte das norwegischen Magazin Josimar die Verantwortlichen an. Insgesamt würden derzeit noch rund 10.000 Arbeiter auf ihren noch ausstehenden Lohn warten, heißt es. Über ein auf der Baustelle beschäftigtes Subunternehmen sei den nordkoreanischen Leiharbeitern ein Tageslohn von umgerechnet neun Euro versichert worden, berichtet das Magazin. Dem unter Sanktionen stehenden Land sollen diese Arbeitskräfte Devisen bringen. Ihr Gehalt werde zu großen Teilen einfach einbehalten.

Schöngeredete Missstände

Noch im Februar diesen Jahres sagte der Direktor des Wettkampf- und Event-Managements beim Weltverband FIFA, Colin Smith: „Insgesamt sind wir mit den durchgeführten Arbeiten zufrieden.“ Er vertraute auf die Versicherungen der Verantwortlichen, dass das Bauvorhaben strikt nach dem gesteckten Zeitplan verlaufe. „Im Juni wird das Stadion für den Konföderationscup fertig sein“, so Smiths mutige vollmundige Ansage. Kleine „Vibrationsprobleme“ habe es zu dem Zeitpunkt noch gegeben, locker zu beheben bis zur endgültigen Übergabe.

„Perfekte Arbeit und perfektes Stadion“, befand auch Carles Puyol als Spieler des amtierenden Fußball-Weltmeisters Spanien nach einem Ortstermin. „Ich war auf dem Rasen – er ist in gutem Zustand. Ich habe mir die Fan-Tribünen angeschaut, habe mir vorgestellt, wie sie sich füllen. Da wollte ich sofort nach dem Ball greifen und eine Runde in diesem Stadion spielen“, wurde er von der Zeitung Nesawissimaja Gaseta zitiert. Ob Puvol eine Prämie für seine Aussage bekommen hat ist nicht überliefert. Vielleicht war er auch ganz woanders. Die 33 Imbissstände, die rings um das Stadion entstanden können jedenfalls nicht darüber hinwegtrösten, dass der Verein, der kurzfristig sogar in die Infrastruktur investieren musste, und seine treuen Anhänger gelinde gesagt stinksauer sind.

Natürlich könnte man jetzt sagen, es sei sowieso „nur“ der ungeliebte Kontinental-Pokal, der, ginge es nach dem Willen der Funktionäre an der Sportlerfront, ohnehin abgeschafft werden könne. Laut Karl-Heinz Rummenigge, dem Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern München und Vorsitzenden der ‚European Club Assiciation‘ sei der Confed-Cup inzwischen gar „ein Wettbewerb ohne Wert“. Womöglich könnte es sogar die letzte Veranstaltung dieser Art sein. Rummenigge scheint bereits mehr zu wissen: „Meiner Kenntnis nach wird der Confederations Cup 2017 in Russland letztmals veranstaltet.“ Wie dem auch sei, im kommenden Jahr konzentriert sich auf der Krestowski-Insel ohnehin alles auf die insgesamt sieben Spiele bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Und da werden es dann 33 Gastro-Stände garantiert nicht richten.

[mb/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.