Denn sie wissen nicht was sie tun…

Nur jeder zweite Russe weiß, was am 12. Juni gefeiert wird

Foto: Comfreak CC0 Public Domain via Pixabay

Am 12. Juni wird in Russland der Nationalfeiertag gefeiert – der Tag Russlands. So heißt offiziell der Feiertag, der daran erinnern soll, dass am 12. Juni 1990 der erste Kongress der Volksdeputierten der Russischen Föderation die Deklaration der staatlichen Unabhängigkeit Russlands verabschiedete. Doch obwohl dieses Datum schon seit 1992 als offizieller Feiertag gefeiert wird, können oder wollen sich viele Russen damit nicht so ganz richtig anfreunden.

Liegt es vielleicht daran, dass man den Feiertag zuerst (und fälschlicherweise oft bis heute) „Tag der Unabhängigkeit Russlands“ nannte? Russische Bürger fragten sich zurecht, wovon oder von wem ist Russland überhaupt unabhängig geworden? Man hatte überhaupt nicht verstanden, warum so ein Datum zu einem Nationalfeiertag werden soll. Wie der Leiter des Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zenturm Lew Gudkow in einem Interview von 2012 sagte: „Aus dem Tag der Gründung des neuen Russlands ist kein richtiger Feiertag geworden. Dieses Ereignis erschien für viele als wenig bedeutsam. Denn wovon ist Russland unabhängig geworden? Von der Sowjetunion? Das klingt paradox, denn Russland hat sich als Rechtsnachfolger der Sowjetunion erklärt. Also versteht man den Sinn des Feiertages nicht ganz. Außerdem wird der Zerfall der Sowjetunion doch eher negativ empfunden und ruft mehr negative als positive Assoziationen hervor“.

Seit 2002 heißt der 12. Juni einfach Tag Russlands. Doch viel mehr an Beliebtheit hat er dadurch nicht gewonnen. Der aktuellen Umfrage des Allrussisches Zentrums der Erforschung der öffentlichen Meinung VZIOM zufolge weiß nur jeder zweite Russe, was eigentlich an diesem Tag gefeiert wird. Aber schon mit diesen Ergebnissen sollten die Politiker zufrieden sein, denn 2006 waren es lediglich 23 Prozent. Auch die Frage, ob die Unabhängigkeit Russlands guttat oder schadete, sind die meisten Russen unschlüssig. 44 Prozent sind der Meinung, dass es „eher guttat“, aber nur 16 Prozent sind wirklich davon überzeugt. Interessant, dass 2014, also im Jahr, als die Sanktionen gegen Russland in Kraft traten, ganze 53 Prozent der Russen die Unabhängigkeit für eher positiv hielten.

Open-Air-Konzerte, Flashmobs, Sport-und Kinderveranstaltungen, aber auch Demonstrationen gegen Korruption finden heute in ganz Russland statt. Man versucht den Tag Russlands mit Leben zu füllen. Doch für viele Russen bleibt dieser Tag nur ein freier Tag, an den man am liebsten auf die Datscha fährt und ganz privat feiert.

[Daria Boll-Palievskaya/russland.NEWS]

Über den Autor

Dr. Daria Boll-Palievskaya
Selbstständige interkutlurelle Trainerin und Coach mit Schwerpunkt Russland. Berät deutsche Unternehmen bei ihrem Engagement in Russland. Freiberufliche Journalistin und Publizistin