Das Wichtigste beim Whisky ist die Marke

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[Hartmut Hübner] In Russland könnte bald der Import-Schnaps knapp werden. Das hat ausnahmsweise mal nichts mit den Sanktionen zu tun, sondern mit einem anderen Wirtschaftshindernis – der Bürokratie. Gestern ist nämlich der Geltungszeitraum für die bisher verwendeten Akzise-Aufklebemarken abgelaufen, so dass bei einer Reihe von Artikeln die Auslieferung bereits gestoppt werden musste, schreibt der »Kommersant«, weil es im zentralen Akzise-Zolllager keine Marken-Reserven mehr gab. Es gibt aber auch noch keine neuen Aufkleber. Die Föderale Zollbehörde, die für die Ausgabe der Akzise-Marken für Import-Alkohol zuständig ist, weiß sich nicht anders zu helfen, als überhaupt nichts zu sagen.

Nach Angaben des Verbandes der russischen Alkohol-Importeure SIAP haben die Probleme mit den Akzise-Marken schon zur Einstellung oder radikalen Verringerung der Einfuhr von Alkohol durch verschiedene Unternehmen geführt. Spötter meinen, die Zollbehörde wolle auf diese Weise ihren Beitrag zur Importablösung leisten.

Bei der SIAP ist man in heller Aufregung und will einen Brief an den 1.Vizepremier Igor Schuwalow schreiben. Der Vorstandsvorsitzende der Organisation, Walerij Filatow, erklärte, dass nach der Reorganisation des staatlichen Unitarbetriebes Gosznak in eine Aktiengesellschaft, die im Mai dieses Jahres abgeschlossen war, wie auch im Zusammenhang mit veränderten Anforderungen für die Markierung von Alkoholerzeugnissen, die Zollbehörde gemäß dem Gesetz über die Vergabe staatlicher Aufträge die Herstellung der neuen Marken hätte ausschreiben müssen. Aber die Ausschreibung ist bis zum heutigen Tag noch nicht einmal angekündigt. „Der Bieterwettbewerb, die Entwicklung, Herstellung und Lieferung der Marken können gut und gerne schon einige Monate dauern“, fürchtet Filatow, aber eigentlich hätten heute die Aufkleber beim Kunden sein sollen.

Die Einzelhändler baten nun den Übergang zu den neuen Marken und damit zur neuen Kassentechnik um drei Jahre zu verschieben. Schwierigkeiten, Akzise Aufkleber zu bekommen, sogar noch die alten, hatte beispielsweise das Unternehmen Bacardi. Das Problem ist auch dem Präsidenten der Simple Group, Maxim Kaschirin, bekannt, aber sein Unternehmen hat sich rechtzeitig einen großen Posten Marken gesichert und deshalb erst einmal keine Schwierigkeiten. Aber wenn die neuen Marken bis zum September nicht eintreffen, wird es eng, befürchtet der Manager.

Ein Teil der gängigen Import-Alkoholerzeugnisse könnten schon zu Ende Juli aus den Regalen verschwinden, vermuten die Experten, und wenn das Problem nicht bis Beginn nächsten Monats gelöst ist, riskieren die Importeure die Hochsaison von Oktober bis Dezember zu verpassen, weil zwischen dem Erhalt der Marken und der Ankunft der Ware im Land etwa drei Monate liegen, die für die Bestellung, der Produktion und der Lieferung der Getränke benötigt werden. Das bedeutet, dass den Importeuren die Hälfte des Jahresumsatzes flöten geht. Um wenigstens noch im November verkaufen zu können, müssen die Marken spätestens Anfang August verfügbar sein.

Das Problem ist nicht neu. Bereits im vergangenen Jahr verlängerte die Regierung die Gültigkeitsdauer der alten Akzise-Marken bis zum September 2016.

Auch diesmal hat das Finanzministerium Mitte Juni angekündigt, dass man das Gesetz der Realität anpassen und die Gültigkeit der bisherigen Aufkleber bis zum September 2017 verlängern werde. Für den Staatshaushalt bedeutet das allerdings deutlich weniger Einnahmen aus Steuern und Zoll für die importierten und verkauften Fröhlich-Macher.

Bei der SIAP meint man, dass die Regierung eigentlich nur den bisherigen Lieferanten Gosznak ohne Ausschreibung mit der Weiterführung der Produktion beauftragen brauchte, denn es ist ohnehin der einzige Hersteller

Die Discount- Einzelhändler merken bislang noch nichts von diesen Problemen, die Lager sind voll mit alkoholischen Getränken und so hoffen sie, über die Runden zu kommen, bis die Lieferungen mit den neuen Akzise-Marken eintreffen.

Kritisch könnte es jedoch im mittleren Preissegment werden, wo der Importanteil recht hoch ist – bei Whisky, Rum, Gin und Absinth sind es fast 100%, bei Wermut 35%, bei Wein 20%, bei Cognac 15%. Wegen der Rubel-Abwertung und der sinkenden Kaufkraft waren bereits im vergangenen die Importe für Wein & Co. zwischen 22% und 35% zurückgegangen. Und nun die hausgemachte Verkaufsbremse mit den fehlenden Akzise-Marken.

Ein alkoholfreies Neujahrsfest droht den Russen trotzdem nicht. Schließlich haben sie noch ihren milden Landwein – den Wodka.
(Hartmut Hübner/russland.news)

Über den Autor

Hartmut Hübner
Gelernter und sogar diplomierter Journalist. Nachdem ich im Ergebnis einer Fahrt auf einem Riesenrad von meinem ursprünglichen Wunsch, Pilot zu werden, endgültig Abschied genommen hatte, beschloss ich als, „rasender Reporter“ aus der ganzen Welt zu berichten. Als „Mittagspausen-Notenkoch“ im Schulfunk und Volontär bei der Berliner Zeitung „Junge Welt“ begann meine journalistische Karriere, die sich nach dem Studium als Verantwortlicher für eine Zeitung im sächsischen Gesundheitswesen, Pressesprecher an der Leipziger Sporthochschule DHfK und Redakteur an der Leipziger Volkszeitung fortsetzte, bis ich mir einen Kindheitstraum erfüllte und ein freies Korrespondentenbüro in Moskau übernahm. Das war 1995 – und seither lässt mich Russland nicht mehr los.