Das Russlandbild in westlichen Medien – Klischees und Stereotype

Moskau. Wer heute in Westeuropa und auch in Deutschland eine Zeitung aufschlägt, oder die Nachrichten im Fernsehen anschaut, ist davon überzeugt, eine objektive Berichterstattung zu erhalten, die Gegebenheiten so wiedergibt, wie sie sich tatsächlich verhalten. Die Wahrheit sieht aber so aus: Klischees und Stereotype nehmen einen großen Teil der westlichen Russland-Berichterstattung ein. Dazu gehören auch die westlichen Berichte, Artikel und Kommentare über die Olympischen Winterspiele in Sotschi.

Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts stand Russland im Mittelpunkt der preußischen und später deutschen Außenpolitik. Die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Russland und Preußen im 18. Jahrhundert, die Teilnahme der Deutschen am Feldzug Napoleons gegen das russische Reich zu Beginn des 19. Jahrhunderts sowie die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert haben in den Köpfen der Deutschen ein widersprüchliches Russlandbild entstehen lassen.

Vor allem während den Wirtschaftskrisen wurde in der Presse ein düsteres Russland-Bild propagiert, hauptsächlich um nach vorherigen Absprachen von Missständen im eigenen Land abzulenken.

Ängste vor Russland

Die Etablierung Russlands hat, mit wenigen Ausnahmen, der westlichen Gesellschaft neue Argumente für die Gefahr aus dem Osten geliefert. Die Furcht vor der „roten Bedrohung“ hat den alten Russland-Vorurteilen neue Nahrung gegeben. Die Außenpolitik Russlands wurde von vielen Medien als die Fortsetzung der imperialen Politik russischer Zaren dargestellt.

Mit der Politik der Perestroika von Michail Gorbatschow und auch in der Zeit von Oktober 1998 bis November 2005, als Gerhard Schröder der siebte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland war, verschwanden in Deutschland allmählich die Ängste vor einer Bedrohung durch Russland. Mit Amtsantritt Wladimir Putins war das Bild eines „armen“ und „unberechenbaren“ Russland aus der Presse-Berichterstattung verschwunden. Dank hoher Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft hat sich Russland wirtschaftlich erholt. Die hohe Nachfrage nach diesen Rohstoffen hat jedoch Ängste um die Abhängigkeit von „Putins Energie-Imperium“ entstehen lassen.

Die unter Putin erfolgte Stärkung Russlands haben bei den westlichen Journalisten Unbehagen ausgelöst. Mehr als 80 Prozent der Pressevertreter äußerten im Jahr 2007 die Ansicht, dass Russland in den Amtsjahren Putins Rückschritte bei der Demokratie, Rechtsstaatlichkeit sowie Medienfreiheit gemacht habe. Dementsprechend kritisch waren die Kommentare der westlichen Russland-Korrespondenten. Sie haben ihre Idealvorstellungen von einem sich nach dem westlichen Vorbild entwickelndem Russland aufgeben müssen. Hinzu kam der Umstand, dass Moskau nun seine Interessen wieder konsequent durchsetzt und damit alte Ressentiments gegen seine Politik weckt.

Negative Berichterstattung bringt mehr Leser und Zuschauer

Trotz der absoluten und wahren wirtschaftlichen Erholung, innenpolitischer Stabilisierung und des erstmaligen Aufkommens einer Mittelschicht in Russland standen in den vergangenen Jahren negative Ereignisse mehr im Mittelpunkt der Presseberichterstattung als positive Nachrichten. Generell beschäftigen sich die Journalisten in ihren Beiträgen häufig mit dem Zustand der russischen Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit, mit der Situation der Medien, dem Einfluss Russlands auf seine unmittelbaren Nachbarn und die europäische Energieversorgung und auf Verheizung der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi.

Kategorisierung von Präsident Wladimir Putin

Wladimir Putin wurde in den vergangenen zehn Jahren zum Synonym Russlands. Seine Stabilisierungspolitik wurde von der Presse wahrgenommen. Doch Putins Geheimdienstvergangenheit, die unter ihm erfolgte Zentralisierung der Machtverhältnisse und die ihm unterstellte Unterdrückung der Medienfreiheit haben seine Wahrnehmung und zugleich das Russlandbild der westlichen Presse negativ beeinflusst.

Eine Untersuchung ergab, dass 36 Prozent der westlichen Journalisten in ihren Russland-Beiträgen auf Stereotype setzen. Diese sollen den Lesern helfen, Ereignisse besser zu verstehen. Meistens führen aber Stereotype zu einer negativen Darstellung der Situation.

Beispiele für wirklich sehr schlechte Presse

Anlässlich der von Michail Gorbatschow kurz vor seinem 80. Geburtstag geäußerten Kritik an der gegenwärtigen Regierungspolitik schrieb der Focus: „Dass der Kommunismus völlig abgewirtschaftet hatte[…] – das wird bis heute […] allen voran von Ex-KGB-Oberst Putin und der Clique aus Geheimdienstlern, die mit ihm an die Macht kamen, [verdrängt]“ – wie realistisch ist das? Die westliche Presse berichtete ausführlich von der Kritik Gorbatschows an der Regierungspolitik Putins und Medwedews und wies auf ein „kühles Nichtverhältnis“ der beiden zum ehemaligen sowjetischen Präsidenten hin.

Die am darauf folgenden Tag stattgefundene Verleihung des höchsten russischen Ordens an Gorbatschow durch Präsident Medwedew fand dagegen weitaus weniger Aufmerksamkeit der Medien. Die dpa titelte nach der Gratulation Gorbatschows durch Putin: „Sogar Putin gratuliert Gorbatschow zähneknirschend“. Dieses Beispiel veranschaulicht, dass die vom Publikum als logisch empfundene Ereignisse – Kritik Gorbatschows an Putin – sehr große Resonanz der Medien finden. Die nicht in dieses Schema passende Nachrichten – Verleihung des höchsten Ordens an Gorbatschow nach dessen Kritik – finden kaum oder nur bedingte Erwähnung. Hier wird auch deutlich, dass Gorbatschow, der in Deutschland immer noch sehr populär ist, als Reformer und Gegenpol zu Putin dargestellt wird.

Um komplizierte Themen lesbar und attraktiv darzustellen, werden Inhalte verkürzt dargestellt. Beschreibungen wie „liberal“ oder „autoritär“ liefern beispielsweise fertige Urteile über „schlechte“ oder „gute“ Kräfte. Vor den Präsidentschaftswahlen im vorigen Jahr sah das „Handelsblatt“ einen möglichen Machtkampf zwischen „dem liberalen Medwedew“ und dem „autoritären Kontrollfanatiker“ Putin.

Der Verlust an Differenziertheit der politischen Situation in Russland führt zuweilen zu einer Realitätsverzerrung. Während für das Handelsblatt Medwedew liberal ist, steht er für Spiegel Online in einer Reihe mit den Despoten dieser Welt. Im Zusammenhang mit den Unruhen in Nordafrika titelte das Medium „Despoten fürchten Gaddafis Schicksal“. Zu den „Despoten“ wurden neben den Regierungen in Kuba, Iran, Weißrussland, Nordkorea oder Simbabwe auch die russische Führung gezählt. Welt Online rechnet in einem Kommentar zu dem Aufstand in Ägypten damit, dass auch in Russland das „Regime mit einer Revolution aus der Mitte des Volkes konfrontiert sein könnte“.

Kein Geld – kein realer Journalismus in Westeuropa

Seit Jahren stagniert der westliche Zeitungsmarkt. In den Redaktionen wird Personal abgebaut, wohingegen die Zulieferungen von freien Journalisten steigen. Die Nachrichtenagenturen sind vor allem bei Regionalzeitungen als Zulieferer besonders angesehen. Die Journalisten vertrauen auf die Recherchen der Agenturen und nehmen deren Artikel auf, ohne eigene Recherche durchzuführen. Es gilt als sicher, dass die Informationen von den Nachrichtenagenturen stimmen, auch weil deren Korrespondenten am Ort des Geschehens waren.

Als die mit Abstand wichtigste Informationsquelle innerhalb Deutschlands sehen 61 Prozent der Journalisten in ihrem direkten beruflichen Umfeld, also bei den Medien und eigenen Kollegen. Da Redakteure oder die Leiter der außenpolitischen Ressorts regelmäßig Ereignisse aus Russland kommentieren, ist diese Tatsache nicht unwesentlich. Sie erklärt zum Teil den Umstand, dass Kommentare von sogenannten „Russland-Experten“ von westlichen Journalisten, die Russland vor allem nur aus der Ferne kennen beobachten, oft nicht übereinstimmen. Bei wichtigen Ereignissen in oder um Russland können die Verfasser solcher Artikel bzw. Herausgeber mit ihren Kommentaren oder dem festgelegten Kurs gar entscheidenden Einfluss auf die Berichterstattung nehmen. Die Einschätzungen eines vor Ort berichtenden Russland-Korrespondenten kann dann unter Umständen deutlich an Gewicht verlieren.

Deutsche Wirtschaft als Mahner und Motor

Seit der Kanzlerschaft von Gerhard Schröder und dem Wirtschaftsaufschwung in Russland unter Wladimir Putin sind die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen so intensiv wie noch nie im bilateralen Verhältnis beider Länder.

Der Ostausschuss der deutschen Wirtschaft nimmt als Interessenvertretung der deutschen Wirtschaft in Russland Einfluss auf die Russlandpolitik der Bundesregierung. Vertreter des Ostausschusses sind beispielsweise maßgeblich an der deutsch-russischen Strategischen Arbeitsgruppe für Wirtschaft und Finanzen beteiligt, in der Spitzenvertreter der Politik und Wirtschaft Großprojekte anstoßen und vorhandene Probleme klären. In den deutschen Medien gilt die deutsche Wirtschaft oftmals als die „Russland-Lobby“, deren Wirken auf den eigenen wirtschaftlichen Nutzen ausgerichtet ist, die demokratischen Defizite Russlands aber ignoriert. Dessen ungeachtet ist dem Ostausschuss die Aufmerksamkeit der Medien sicher, wenn sich der Verband zum Beispiel mit einer Umfrage zum Visaregime mit Russland zu Wort meldet, die deutsche Visa-Praxis kritisiert und von der Bundesregierung mehr Engagement bei der Liberalisierung der Visa-Regelung auf der EU-Russland-Ebene fordert. Die in diesem Zusammenhang vom Ostausschuss ebenfalls geäußerte Kritik an der verschärften Visa-Regelung in Russland demonstriert die herausgehobene Stellung der deutschen Wirtschaft als des Mahners und Motors im deutsch-russischen Verhältnis.

Die russische Wirtschaft wurde in den deutschen Medien in den vergangenen Jahren sehr kritisch wahrgenommen. Die Wirtschaftsjournalisten haben in ihren Berichten immer wieder darauf hingewiesen, dass die Vermögen russischer Oligarchen auf eine dubiose Art und Weise angehäuft wurden. Wenn es um die russischen Investitionen in Deutschland ging, wurde von den Medien auf die Verbindungen des jeweiligen Unternehmens mit dem „Kreml“ hingewiesen. Auf diese Weise entstand der Eindruck, dass die russische Wirtschaft von der Regierung gesteuert wird und Deutschland bei Übernahmen deutscher Firmen durch die russischen Investoren Nachteile entstehen könnten. In den letzten Jahren hat sich die Wahrnehmung der russischen Wirtschaft verbessert. Zum einen bemühen sich die russischen Wirtschaftsbosse zunehmend um die Transparenz und westliche Standards bei der Unternehmensführung. Zum anderen spielen die Oligarchen der ersten Stunde wie Viktor Vekselberg oder Aleksej Mordaschow zunehmend eine bedeutende Rolle bei den internationalen Projekten bzw. bei der Koordinierung von deutsch-russischen Wirtschaftsprojekten. Inzwischen ist in den deutschen Medien die Angst vor dem wichtigsten russischen Investor Gazprom der Erkenntnis gewichen, dass „es besser ist, miteinander Geschäfte zu machen, als sich mit Bekundungen von Misstrauen zu verletzen“.

Aussichten

Die westliche journalistische Tendenz zur Vereinfachung und Verzerrung komplexer Sachverhalte wie der russischen Politik entspricht nicht dem Wunsch der Leser, die sich mehr Details von den Geschehnissen in Russland wünschen. Eine repräsentative Umfrage von dimap communications hat ergeben, dass 59 Prozent der jungen Menschen zwischen 18 und 35 sowie 48 Prozent der Menschen mit überdurchschnittlicher Bildung, überdurchschnittlichem Einkommen und überdurchschnittlicher beruflichen Position vielfältigere Informationen über das Land beziehen möchten.

Obwohl die Tendenz steigt, haben im Januar 2011 nur 35 Prozent der Deutschen Russland als Partnerland Deutschlands vertraut. Trotz intensivster Wirtschaftsbeziehungen und einem bedeutenden Austausch zwischen den Zivilgesellschaften spielen die Medien eine entscheidende Rolle bei der Wahrnehmung Russlands. Eine einseitige und gesteuerte Berichterstattung über Russland in der westlichen Presse könnte auch in der Politik zu mehr Distanz gegenüber Russland führen. Nur wirklich realistische und gut recherchierte Kommentare von westlichen Journalisten könnte die Wirtschaftskooperation zwischen der EU und Russland positiv beeinflussen.

Quelle: Juri Galperin, Berater für Public Affairs bei dimap communications