Das Öl bedroht den Rubel

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In diesem Artikel auf Gazeta.ru geht es um die Aussichten der Ölpreise. Wie wird sich die erhöhte Förderung von Schieferöl in den USA auf den Weltmarkt auswirken?

Die Senkung der Ölförderung, auf die sich die OPEC und unabhängige Produzenten im vergangenen Jahr geeinigt hatten, könnte bei einem Anstieg der Nachfrage zu einem Defizit auf dem Ölmarkt führen. Aber die Bemühungen der OPEC und anderer Ölstaaten könnten auch von der wachsenden Förderung in den USA zunichte gemacht werden. Zählt man dazu die mit Libyen und China verbundenen Risiken, könnten die Ölpreise unter 50 Dollar pro Barrel gedrückt werden.

Im ersten Quartal 2017 könnte auf dem Ölweltmarkt ein Defizit entstehen. So lautet die Prognose der (russischen – Anm. d. Ü.) Analytischen Kreditrating-Agentur (AKRA). Nach Ansicht der Experten wird der Anstieg der Ölförderung in den Ländern, die sich nicht der Vereinbarung über die Senkung der Fördermenge angeschlossen haben, sich minimal auf die Marktbalance auswirken. Dabei wird die wachsende Nachfrage eine für die Hersteller günstige Konjunktur aufrechterhalten.

Ende letzten Jahres hatten sich die OPEC und elf nicht zum Kartell gehörende Länder (darunter Russland) auf eine Senkung der täglichen Fördermenge im ersten Halbjahr 2017 verständigt. Das ermöglichte die Stabilisierung des Preises für ein Barrel bei 54 bis 56 Euro. „Wenn die Vereinbarung bis Jahresende verlängert wird (das Abkommen sieht dieses Szenario vor – Gazeta.ru), ergebe das ein noch spürbareres Resultat“, heißt es in dem Bericht von AKRA.

Die Experten der Agentur weisen darauf hin, dass als größtes Risiko für den Markt der explosionsartige Anstieg der Förderung in den USA gilt. Aber ihrer Meinung nach wird das nicht geschehen, solange der Preis für die amerikanische Sorte WTI nicht 65 Dollar pro Barrel erreicht.

Außerdem, merkt AKRA an, müsse für die Stabilisierung der Förderung die Produktion auf dem Festland der USA um das 1,6-Fache angehoben werden.

Zugleich ist der Optimismus der Investoren vor dem Hintergrund der Drosselung seitens der OPEC und anderer Produzenten auf ein Maximum im Laufe der letzten zehn Jahre angewachsen, schreibt Bloomberg.

Nach Angaben des Unternehmens ist die reine lange Position für Öl der Marke WTI innerhalb von sieben Tagen bis einschließlich 24. Januar um 6,1 Prozent gewachsen – ungefähr bis auf 371.000 Termingeschäfte und Optionen – Höchstwert seit 2006. Das zog im betreffenden Abrechnungszeitraum einen Preisanstieg für WTI um 1,3 Prozent auf 53,18 Dollar pro Barrel nach sich.

„Auf dem Ölmarkt gibt es einen Hemmfaktor – der Anstieg der Schieferöl-Förderung in den USA“, zitiert Bloomberg Jay Hatfield von InfraCAP MLP. „2017 wird die Förderung in den USA um eine Million Barrel im Vergleich zum Vorjahr ansteigen.“

Michael Wittner, Leiter der Abteilung für Untersuchung der Rohstoffmärkte im New Yorker Büro von Société Générale, schließt nicht aus, dass der Effekt der OPEC-Vereinbarung in nächster Zeit wegen der steigenden amerikanischen Schieferölförderung nivelliert werden könnte. Sollte das passieren, würde sich die Stimmung der Investoren „stark verändern“.

Die Erwartungen, die sich auf die Förderdrosselung stützen, sind überhaupt solange realistisch, wie sich die großen Weltstaaten an diesen Kurs halten und die Senkung der Produktion und die Erhöhung der Ölpreise nicht die Entwicklung anderer Wirtschaftssektoren behindern, nimmt der Leiter der Analyseabteilung von „Golden Hills — Kapital AM“, Michail Krylow, an.

„Es gibt in der Welt zum Beispiel mehrere tausend Öltanker und doppelt so viele, die Ölprodukte transportieren. Natürlich werden sie versuchen, sich über Wasser zu halten, und keine wesentliche Ölteuerung zulassen, die die Lust nehmen, es zu erwerben“, sagte Krylow und präzisiert, dass es um eine künstliche Preiserhöhung für das Barrel geht, hervorgerufen eben durch die Drosselung der Produktion ohne steigende Nachfrage.

Zurzeit fördern die USA täglich etwa neun Millionen Barrel Öl, der maximale Umfang seit April 2016. Nach Angaben von Baker Hughes, einem der weltweit führenden Ölfeld-Serviceunternehmen, ist die Zahl der Ölbohrtürme in den Vereinigten Staaten in der am 27. Januar zu Ende gegangenen Woche um 15 auf 566 gestiegen. Noch Anfang Januar waren es 529. Bis zum historischen Maximum, das im Oktober 2014 fixiert wurde, ist es allerdings noch weit. Zu dem Zeitpunkt gab es mehr als 1.600 Bohrvorrichtungen.

Alexej Kokin, Analytiker der Bank Uralsib, merkt an, dass die USA die Zahl der Bohrtürme nicht mehr auf 1.600 erhöhen müssen, um das Maximum an Fördermengen zu erreichen, denn die Effektivität der Produktion sei bedeutend gewachsen. „Dafür reichen etwa 700 bis 800 Bohrvorrichtungen“, schätzt der Experte. Dabei wächst die Zahl der Bohrtürme bereits mehr als zehn Wochen lang stetig an.

Kokin ist der Ansicht, der Optimismus der Investoren hänge aktuell mit der Einschätzung der Geschwindigkeit zusammen, mit der die in den Ländern des Westens sowie in China und Indien angehäuften Vorräte sich erschöpfen. „Es wird angenommen, dass sich die Vorräte schnell erschöpfen, was das Angebot senkt; eben diese Erwartungen stützen noch die Ölpreise“, so Kokin.

Montag wurden die März-Termingeschäfte für Öl der Marke Brent an der Interkontinental-Börse ICE in London für 55,52 Dollar gehandelt (minus 1,28 Prozent, Angaben zu 18.30 Uhr Moskauer Zeit), WTI für 52,79 (minus 0,71 Prozent)pro Barrel.

„Doch die amerikanische Förderung bleibt tatsächlich die größte Bedrohung für den Ölmarkt“, warnt Kokin. „Das ist eine riesige Industrie, die in der Lage ist, sich schnell zu entfalten und den Markt zu erdrücken.“

In Perspektive werden sich außerdem der Rückgang der Nachfrage in China (auch in den USA selbst wächst die Nachfrage fast im Nulltempo) und die Pläne Libyens zur Erhöhung der Förderung auswirken. Der Nachfragerückgang in China hängt mit Prognosen zusammen, die eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums versprechen – 2017 wird es sechs bis 6,5 Prozent betragen, was niedriger ist als 2016. Und Libyen, das aus der Vereinbarung der OPEC ausgeschlossen wurde, weil es an den Kriegsfolgen leidet, hat die Absicht, die Produktion bis Jahresende von 0,7 auf 1,25 Millionen Barrel täglich anzuheben.

Laut Kokins Prognosen sind alle diese Faktoren insgesamt dazu fähig, Druck auf die Ölnotierungen auszuüben und sie auf ein Niveau von 50 Dollar und weniger zu senken.

Sberbank CIB merkt im Report „Währungsmarkt, Öl und Prozentsätze“ ebenfalls an, dass die Anzeichen dafür, dass die Teilnehmer an der OPEC-Vereinbarung die übernommenen Verpflichtungen streng einhalten, durch die wachsende Zahl aktiver Bohrvorrichtungen in den USA nivelliert werden. Die Experten von Sberbank CIB haben Zweifel daran, dass die OPEC und andere Produzenten ihre Vereinbarung über die Förderbegrenzung auf die zweite Jahreshälfte 2017 ausweiten. Laut Prognosen von Sberbank CIB wird der Preis für ein Barrel bis Jahresende die Marke 56 Dollar nicht überschreiten.