„Current Time“: Mit Propaganda gegen Propaganda

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Ein kürzlich in den USA ins Leben gerufener Fernsehsender soll in Zukunft der Propagandamaschinerie der russischen Auslandsmedien entgegentreten. Gezielt wendet man sich an das Osteuropäische Publikum. Willkommen zurück im Kalten Krieg.

Current Time sendet aus Washington für Osteuropa. Current Time will eigenen Angaben zufolge die unverfälschte Wahrheit für all diejenigen vermitteln, die es leid sind, durch im Ausland verbreitete russische Propaganda gesteuert zu werden. Es ist eine Kampfansage, dem Medienkrieg eine andere Färbung zu verleihen, weg von den inzwischen ebenfalls in Verruf geratenen allmächtigen US-Medien, die zuletzt gleichermaßen angezweifelt wurden. Man gibt sich betont alternativ bei Current Time, das soll die notwendige Glaubwürdigkeit suggerieren.

Das Konzept ist relativ einfach gestrickt. Man entnehme einem staatlichen Budget 22 Millionen US-Dollar, positioniert russische oppositionelle und daher vermeintlich besonders kritische Journalisten und treibt das osteuropäische Zielpublikum in den Glauben, es habe bisher ohnehin keine Alternative zu russischer Propaganda gehabt. Klugerweise lässt man ein derartiges Medienkonzept am US-Senat vorbeilaufen, nicht dass es am Ende noch so aussieht, dass die Regierung etwas damit zu tun haben könnte. Selbst wenn das Projekt vom offiziellen Broadcasting Board of Governors (BGG), der amerikanischen Bundesbehörde für Auslandssender getragen wird.

Es ist offenkundig, dass sich das ambivalente Medium der Vereinigten Staaten damit als Antwort gegen die russischen Auslandsmedien RT und Sputnik stellt. Verbreitung findet die amerikanische Sicht des Weltgeschehens dementsprechend vorerst in den russischen Anrainerstaaten der GUS sowie anderen russischsprachigen Ländern. In der Ukraine, der Türkei, Tschechien, Georgien und den baltischen Staaten ist Current Time zudem über das Kabelnetz zu empfangen. Nach eigenen Angaben sei man wenig pathetisch und völlig unideologisch. Der Fokus läge auf den täglichen Nachrichten, heißt es.

Jeweils täglich um 21.00 Uhr strahlt der Sender „die Stunde des Timur Olewski“ aus. Olewski, der bisher sein journalistisches Handwerk bei Echo Moskau und Doschd ausübte, moderiert angebliche Fakten aus alternativen Quellen – angepriesen als „eine andere Realität“. Wie diese andere Realität auszusehen hat, wird deutlich, wenn man hinter die Kulissen des angeblichen Qualitätsmediums blickt. Unverhohlen stößt man auf alte Bekannte des Kalten Krieges: Radio Free Europe, das sich seit den 70-er Jahren als CIA-gesteuertes Propagandamedium für den mittel- und osteuropäischen Raum hervortat sowie die nicht minder bescholtene Voice of America, die schon seit den 40-er Jahren aktiv mit ihrer Meinungsbildung ins Weltkriegsgeschehen eingriff und sich bevorzugt an der darauffolgenden Sowjetunion und der, provokant so bezeichneten, „Ostzone“ schadlos hielt.

Außerdem, so die offizielle Senderbeschreibung, böte man Reportagen über das „unbekannte Russland“. Eine Sendereihe mit dem plakativen Titel „Menschen auf der Landkarte“ soll das Leben der Bevölkerung in den entlegensten Winkeln Russland porträtieren und ein unvoreingenommenes Bild abliefern. Diese Beiträge, eingekauft bei unabhängigen russischen Journalisten, erinnern nicht von ungefähr an ein weiteres russisches Auslandsmedium: RBTH, vormals Russland heute. Man sieht, neu ist diese Art der propagandistischen Kriegsführung innerhalb der Zivilgesellschaft nicht. Allerdings wurde sie seit den 80-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr so deutlich zur Schau gestellt wie heutzutage. Man muss sich daher fragen, wer in Zeiten der „Fake-News“-Debatten überhaupt noch darauf hereinfällt.

[mb/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.