Confed-Cup 2017: Doch besser Hahnenkämpfe?

Foto: TV-Screenshot
image_pdfimage_print

Die Sbornaja muss gewinnen, Mexiko darf gewinnen. Denen würde ein Unentschieden auch genügen. Zum Henker mit dem Minimalismus, es geht ums Halbfinale. Alles oder nichts, was anderes gibt es im Fußball nicht mehr für Russland. Das sind die Russen den Russen schuldig, schließlich waren zum ersten Mal bei dem Turnier alle Karten vergriffen.

Der Bundes-Jogi wünscht sich die Russen für das Halbfinale. „Ich weiß selber, wie schön es isch, als Heim-Nation ins Halbfinale vorzudringen.“ Das trage zu einer guten Stimmung im Land bei und außerdem „Ein Halbfinale gegen den Gastgeber ischt immer etwas Reizvolles…“ Er weiß das vom Turnier 2005. Was er nicht weiß, dass die Russen auch noch Weltmeister 2018 werden wollen.

Russland reklamiert nach nicht einmal einer halben Stunde seinen zweiten Elfmeter. Kriegt aber keinen einzigen. Das Schiedsgericht will nicht vorschnell entscheiden, darf zum ersten Mal aufs Video gucken. Dem entgeht nichts. Nicht einmal, dass sich Smolow versucht unterzuhaken. Der kleine Lauser. Aber es hebt die Stimmung in der Bude. 41.000 Russen können nicht irren.

Die Russen wollen, die Russen müssen, die Russen machen es einfach! Nach 25 Minuten „Mexiko-nicht-mitspielen-lassen“ klappert es endlich im Karton, und wie gleich – trotz Luftloch, der helle Wahnsinn. Samedowow. Jogitschow, Rossijatschow – ich fass es nichtschow. Der Kommentator auch nicht mehr, die Sanitätertschows haben sich bereits aufgestellt. Das ist Fußball, das ist Russland, das ist – ach egal.

Ein paar Minuten später der Ausgleich aus dem Nichts – die Mexikaner sind doof. Richtige Spielverderber. Da sind sie jetzt selber schuld, wenn sie in Russland keiner mehr leiden kann, wenn es gar zu bilateralen Differenzen kommt. Der kalte Krieger Trump wüsste um die pragmatische Lösung. Kann man nicht einfach einen Zaun entlang der Mittellinie ziehen? Schiri, bitte lass uns Pause machen. Ohne Videobeweis, ohne Freistoßspray, ohne alles – einfach nur Pause.

Viel Feind, wenig Ehr‘

Tee? Wodka? Turbodiesel? Abseits. Nach fünfzig Minuten, das blödeste Gegentor des Jahrhunderts – Spitze, Hacke, eins, zwei. drei. Zwei Lupfer hintereinander, der Doppellupf zum 1:2. Dabei stellt sich der russische Doppeladler heute nicht einmal so dämlich an. Außer Akinfejew eben. Wir können das unter Torwartfehler mit Pech laufen lassen, hört sich noch am Besten an. Nein nein, der Russe, er taumelt nicht. Es wird nur immer schwerer zu gewinnen – und den Chilli Peppers langt ein Unentschieden. Fußball du kannst so grausam sein.

60. Minute 3:1. Wagen wir es schon in den Mund zu nehmen? Schiri wir wissen wo dein Auto steht und fordern den Videobeweis. Unter dem Druck der Massen entscheidet das Video ebenfalls auf Abseits. Das ist erkämpfte Gerechtigkeit. Leichter wird es trotzdem nicht. Der Adler fährt die Krallen aus und die Stollen nicht zurück. Das ist Kampf, das ist Leidenschaft, das ist Russland. Dafür gab’s früher Orden am Band. Schirkow kriegt nur das Band – ohne Orden. Er erlebt die 70. Spielminute nicht, er fliegt vom Platz. Haben wir schon erwähnt, dass es nicht leichter wird?

Beide Teams wechseln aus, die Russen würden gerne zwei für einen bringen, dürfen aber nicht. Fußball kannt ja sowas von grausam sein… Der Reporter überschlägt sich, der Ball überschlägt sich, wir überschlagen uns aus Sympathie gleich mit. Wenn man es genau überschlägt, steht es immer noch 1:2. Wir gehen eine Runde Trauern und überlegen schon, ob wir den Rest des Turniers nicht einfach boykottieren sollten.

Die dritte Halbzeit geht an die Medien. Die Daily Mail on Sunday bringt Extra-Feuer ins Spiel – „Alle gedopt, ohne Ausnahme!“ Was auch sonst, ist schließlich Russland. Das Kampforgan des Kreml schlägt schonungslos zurück, wie schon bei Napoleon anno Zwölf. Briten mit Bengalos habe man erwischt, jawoll. Haben wir in unserer Euphorie ganz einfach übersehen. Noch nicht genug, Portugiesische Hooligans auch noch auf der Suche nach den Russenhools – hei, das bringt Auflage. Hoolahoop ganz ohne Reifen.

Kasan ist geknickt, wir sind geknickt und gehen jetzt in die Kneipe. Vielleicht kann man es noch Schönsaufen. Wenn nicht, dann machen wir halt weiter bis wir alles vergessen haben. Fußball kann einfach nur grausam sein.

[Michael Barth/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.