Confed-Cup 2017: Der bunte Anfang vom tristen Ende

Foto: TV-Screenshot
image_pdfimage_print

Die wichtigste Frage vorweg: Sind wir schon Weltmeister?

Willkommen allerseits zum Eröffnungsspiel des ungeliebten Confed-Cups anno 2017 – Sternstunde Null. Ein denkwürdiger Abend liegt vor uns. Wir fassen uns alle noch einmal an den Händen und verabschieden ihn in Würden, den Cup den niemand will, den niemand richtig ernst nimmt, den die Welt nicht braucht. Es ruft die Pflicht. Wir sind hochmotiviert, stellen bereits seit heute Morgen Bier in den Kühlschrank und wundern uns, warum das Ding nicht voll werden will.

Es wird noch einmal angepfiffen zur Nabelschau der funkelnden Arenen, zur Eitelkeit einer ganzen Nation. Russland – du Mysterium mit tiefer Seele, du Inbegriff… Wir weichen ab, es geht um Fußball. Russischer Fußball gegen neuseeländischen Fußball, na was tippen Sie? Von den russischen Fußballern weiß man, dass sie sich in letzter Zeit nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben und eine Sprache sprechen, in der es viel zu wenig Vokale gibt. Und von Neuseeland weiß man schlichtweg nichts. Außer dass es dort Kiwis gibt. Aber die gibt es in Russland mittlerweile auch. Zumindest in jedem gut sortierten Lebensmittelgeschäft. Und sie sprechen Englisch – nein nicht die Kiwis.

Blicken wir doch, bevor es losgeht, noch kurz ins neue Stadionrund zu St. Petersburg. Fans vor Ort meinten, dass Dach wäre undicht. Macht aber nichts, es scheint ohnehin die Sonne. Und was will man überhaupt von einem Bauwerk, das nordkoreanische Sklavenarbeitern unter miserablen Arbeitsbedingungen gebaut haben, auch erwarten. Allerdings, die Pyramiden wurden auch von Sklaven erbaut und die stehen heute noch. Andererseits, kann man in einer Pyramide überhaupt Fußball spielen? Dafür erinnert das nigelnagelneue Stadion gewaltig an „Battlestar Galactica“. Auch der Fußball ist in der Zukunft angekommen.

Der Anstoßpunkt hält was er verspricht, das durften die Neuseeländer gerade ausprobieren. Hat man ganz gut gelöst, denn wäre es ein Stein des Anstoßes stünde er ja doch nur im Weg. Im Weg stand zwei Minuten später dafür der Torwart Neuseelands. Man kann ein Fußballspiel von vielen Warten aus sehen. Der Kassenwart wird weiterhin auf Zuschauer warten und der Torwart wartet auf den Ball. Die 50.000 Zuschauer indes warten darauf, dass ihre Sbornaja endlich eine ihrer gefühlten hundert Chancen nutzt. So steht Powerplay im Lehrbuch.

Manchmal ist Tierisches einfach nur menschlich. Loskater Achilles hatte erst mal keinen Bock auf das ganze Theater und wollte sich wieder vom Acker machen. Gerade dass man das Vieh nach einer endlosen Viertelstunde nicht noch in das Russenschüsselchen getunkt hat. Bedeutet das jetzt Unentschieden? Die Buchmacher waren vor dem Spiel weit realistischer. Da standen die Quoten bei 1:10 für den Platzhirsch.

Wie „echte Krieger” sollen sie Auftreten, der Chef hat gesprochen. Und Wladimir Putin meint was er sagt jawoll! Wie echte Krieger stürmen sie. Sie kriegen nur den vermaledeiten Ball nicht unter. Eine alte Fußballweisheit besagt: Alle im Strafraum stehen sich meist gegenseitig im Weg. Nach einer halben Stunde versucht es Gluschakow alleine und schon rappelt’s im Karton. Na also. Wir könnten in der Pause unseren treuen Lessern natürlich etwas über die neue, verjüngte Mannschaft der Russen erzählen, über den neuen Trainer und über all den Kram. Tun wir aber nicht, nö. Wir versuchen lieber dem schwarzen Loch in unserem Kühlschrank auf den Grund zu gehen.

Die zweite Hälfte beginnt wie die erste aufgehört hat. Nicht ganz, die Sbornaja wirkt ein bisschen organisierter wenn man so will. In der 65. schafft es eine zuckersüße Ballstafette geschlossen vor das neuseeländische Tor und nun darf Smolow sein Tor machen. Wir müssen zugeben, das sah richtig schön nach Fußball aus. Die Mutter aller Fragen drängt sich auf: Sind sie nun alle gedopt oder nicht? Marinovic im Tor bei Downunder jedenfalls hält alles, was auf ihn zufliegt. Die beste Figur jedoch gibt Stanislav Tschertschesow. Souverän wie der Trainer im feinen Zwirn seine Wohlstandswanne an der Seitenlinie spazieren trägt. Der ginge als weißrussischen Oligarch verkauft, sofort vom Ladentisch. Dürfen wir das Wort Korruption schon in den Mund nehmen?

Wir erlauben uns zehn Minuten vor Schluss das Fazit zu verkünden. Anfangs rollten die Russen wie eine geölte Maschine nach vorne und die Kollegen aus Neuseeland haben sich derweil den „Held der Arbeit-Orden“ verdient. Für den zweiten Durchgang hat sich die Walze daran erinnert, dass das Stürmen mit System um ein Vielfaches effizienter sein kann. Der Sieg verdient, die Russen stolz – es war ein munteres Treiben. Jede Mannschaft durfte den Ball ein mal von der Torlinie kratzen, das erhöht den Unterhaltungswert, das macht Spaß. Auch das Spiel hat nun genug gesehen und macht Feierabend.

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.