Confed-Cup 2017: Das finale Finale

Foto: TV-Screenshot

Zum voraussichtlich allerletzten Mal spielen zwei Mannschaften das Endspiel um die unbegehrte Trophäe. Deutschland gegen Chile, Vidal gegen Rüdiger, Weltklasse gegen Azubi – das ist hier der Unterschied. Willkommen im vermutlich teuersten Stadion der Welt.

Die Russen verteilen ihre Sympathien pragmatisch auf beide Teams. Russen eben. Der Eremitage-Kater ist auch Russe, aber der tippt auf Deutschland. Die Ermitage sieht sicher auch mehr Deutsche über das Jahr verteilt als Chilenen. Wir schweifen ab…

Während die halbe Welt die geringen Zuschauerzahlen moniert, schwelgt die FIFA im Taumel der Selbstherrlichkeit. Von einem hochkarätigen, erfolgreichen Turnier ist da die Rede. Von wegen, nicht einmal Putin ist da, dafür darf nun der Sportminister Mutko einmal ganz vorne stehen. Wo ist eigentlich die Bundes-Mutti aus Berlin, wenn man sie mal braucht?

Schon die Hymne der Chilenen ist ein Schmaus. Ein Lied wie ein Vulkan – auch ohne Melodie hat das Feuer unterm Hintern. Wenn der Spielführer schon Bravo heißt. Die Deutschen wie gewohnt treu, einig und Mustafi, Auf geht’s – „Es ich au ein Finale“. Finale Stimmung unter den Freikarten. Doppelpass, Abseits, ganz schön viel für den Anfang vom Ende.

Es ist ein 4-3-3, meint Bela Rethy, das gerungene Wort am Mikrofon – wir finden es ist ein Fußballspiel. Löw könnte sich heute ein Denkmal schaffen – gut gebrüllt Löwe. Zugegeben, erwartet hätte man den Final-Abend so nicht vom Jogi und seinen Buben. Vargas ballert sich derweil den Wolf. Und wieder einmal zeigt sich, wie ungerecht der Fußball ist – Stindel schiebt nach zehn Minuten einfach ein.

Der kleine, dicke Maradonna, der gerne die Sbornaja trainieren möchte, schläft auf der Tribüne ein. Eine gute Bewerbung für den Job ist das ja nicht gerade. Ein Treffen mit Vidal tut immer weh plaudert dagegen Rethy scheinbar aus dem Nähkästchen. Keiner vermisst Merkel. „Die Mannschaft“, wie sie sich neuerdings nennt, präsentiert sich nun technisch versiert wie ein Leica-Werk in Bitterfeld. Plötzlich ist Schluss.

Jogis Buben stellen sich zum Panoramafoto entlang der 16-er Linie auf. Der Freistoß muss wiederholt werden. Vermutlich hat irgendein Lausbub gewackelt. Wow, Kimmich gegen fünf Chilenen, darunter Berserker Vidal. Nein, nicht Fußball, Boxen! Kimmich sollte daran denken, sich auswechseln zu lassen. Die wollen ihn jetzt fressen – den Russen auf den Rängen gefällt das.

Jetzt kommen die Ellbogen zum Einsatz, der Videobeweis ist heute zum ersten Mal gefragt. Rethy hätte gleich alle vom Platz gestellt – Weichei. Das Spiel verkommt zum Eisenfuß-Höttges-Gedächtnisspiel. Wie fühlt man sich mit einem 1:0 Vorsprung? Dritte gelbe Karte für Chile. 57.000 Leute sehen das, sagt man in St. Petersburg.

Nicht mal ins leere Tor treffen sie jetzt noch die Chilenen. Dafür haben sie sich jetzt auf Can eingeschossen, der Bundes-Jogi muss schlichten – danke Papa. Schland hat einen Rüdiger und einen Rudy. Und noch einen Marvin Plattenhardt auf der Bank – Hand aufs Herz, wer kennt noch Platte außer mir?

Fünf Minuten haben die Chilenen noch Zeit um alle Deutschen zu verprügeln. Zwei versemmelte Freistöße machen wütend, der dritte unberechenbar. Im Spielertunnel möchte ich jetzt keinem von denen begegnen. Aus – das Triple ist perfekt. Die anfangs unmotivierten Deutschen haben nun tatsächlich auch noch den Pokal den niemand braucht gewonnen.

Der Draxler darf ans Mikrophon, denn er „isch einer der Beschten, die es überhaupt gibt“, sagt der Bundes-Jogi und der muss es schließlich wissen. „Wir haben immer an uns geglaubt … Titel geil … sind die Besten…“, was will man schon sagen, statt der branchenüblichen Floskeln.

Dafür kommen jetzt lauter Stewardessen von Aeroflot auf den Platz, zumindest sehen sie so aus, und haben Medaillen statt Kaffee auf dem Tablett. Maradonna, die Hand Gottes, hat bei dem bewegenden Moment alle beide in den Taschen – Schnösel. Er sieht aus, als hätte man ihn eben erst geweckt. Knappe Draxler wird zum besten Spieler des Turniers gekürt.

Jubel, Konfetti, da ist das Ding. Diego Maradonna kriegt glasige Augen, vielleicht sollte man ihm gar nicht sagen, dass dies noch nicht der Weltmeistertitel war. Wir lassen die Gewinner jubeln und die Verlierer trauern und wir haben endlich den letzten Konföderationen-Pokal der Geschichte hinter uns gebracht. Den Cup den niemand braucht.

[Michael Barth/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.