Confed-Cup 2017: Das DFB-Fähnchen im Wind

Foto: TV-Screenshot
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[von Michael Barth] Es hat ein bisschen was von Kindergarten. Keiner kann dich leiden, dann will ich auch nicht dein Freund sein. Alle finden dich prima, ich hab ja schon immer gesagt wie toll du bist. Ein derartiges Wechselspiel von Antipathie und Sympathie vollzieht sich gerade beim Deutschen Fußballbund, der sein Fähnchen wieder einmal in den Wind reckt, um dem allgemeinen Stimmungsbarometer gerecht zu werden.

Ein offener Brief aus dem Hause Grindel und Co, vom Mannschaftskapitän gezeichnet, ist der jüngste Coup des DFB während des aktuellen Confed-Cups in Russland. Artig, schon fast etwas pathetisch aufgetragen spricht der jüngst zum Pariser PSG gewechselte Julian Draxler im Namen der deutschen Nationalequipe und deren Arbeitgeber. „Wir sagen Dankeschön. Wir sagen Spasiba und Doswidanja. Und freuen uns schon heute auf unsere Rückkehr im Sommer 2018“, heißt es in dem Schreiben, das umsichtigerweise auch gleich auf Russisch mitveröffentlicht wurde. Dabei sah es kurz vor Beginn des Turniers noch ganz anders aus.

Die angeblich katastrophale Menschenrechtslage wurde genauso wiedergekäut wie zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi im Jahr 2014. Aus „Putins Spielen“ wurde kurzerhand „Putins Turnier“, viel Erfindungsreichtum bewiesen die Kritiker dabei nicht. Und jetzt, gerade eben in diesem Sotschi mit Blick auf die Austragungsstätten von einst, habe sich der Gastgeber plötzlich gewandelt wie ein Saulus zum Paulus? „Man sagt, der Confed Cup sei ein Testlauf für die WM. Nach drei Wochen können wir sagen: Russland hat den Test mit Bravour bestanden.“ Wo sind plötzlich alle Bedenken bezüglich der mangelnden Sicherheit, der Hooligans im Land?

Arenen, die vor lauter Korruption bei den Auftragsvergaben nie fertig wurden. Gebaut von nordkoreanischen Arbeitern, weil es laut irgendeinem Abkommen unter den Regierungen so abgemacht war. Wo die Arbeiterarmeen in Containern wie Sklaven gehalten worden seien. Mit nichts anderem als einem Schälchen Reis am Tag, weil der Rest des kümmerlichen Lohns für die Familie gespart werden sollte und der auch noch von der nordkoreanischen Regierung einbehalten worden sein soll. „Wir haben architektonisch beeindruckende Stadien bespielt“, liest es sich später aus der Feder des deutschen Mannschaftskapitäns.

Fußball und die Politik

Noch kurz vor dem Turnier hat die Welt über eine vorgegaukelte heile Welt für die Öffentlichkeit gezürnt, auch dass die Demokratie in Russland mit den Füßen getreten werde. Der DFB wollte es zwar nicht gar so harsch formulieren, benannte aber vorsichtshalber Team-Manager Oliver Bierhoff als den Mann, der ganz genau hinter die Kulissen dieses Turniers und der WM blicken sollte. „Wir werden sicher nicht die Augen verschließen vor Missständen“, sagte er in einem Interview mit dem Kölner Express und verwies auf den Deutschen Fußball-Bund: „Der DFB mit Präsident Reinhard Grindel hat ja bereits betont, dass wir beim WM-OK und russischen Verband auch in Menschenrechtsfragen unsere Position deutlich hinterlegen werden.“

Russlands Präsident Wladimir Putin wurde indirekt eine forcierte Aufwertung unterstellt, nur weil er zu einem offiziellen Besuch einer DFB-Delegation in den Moskauer Kreml geladen hatte. Von den Spielern forderte Bierhoff den Mut zur Meinung und betonte, dass bei politisch relevanten Fragen kein Maulkorb verhängt würde. „Die Nationalmannschaft hat in der Gesellschaft eine wichtige Stimme, die können wir hie und da schon einmal erheben“, ermunterte er die Truppe. Man will es ihm nicht richtig glauben, wenn er vor überhöhten Erwartungen an den Sport in politischen Spannungsfeldern warnt: „Der Sport kann Brücken bauen, und durch die Medienpräsenz wird der Scheinwerfer sicher auch auf Themen gelenkt, die es zu hinterfragen und zu lösen gilt.“

Da steckte man beim DFB als Teilnehmer in der Zwickmühle, wäre aber vermutlich am liebsten, genauso wie die Bundesregierung, konform mit der Meinung des US-Senats gegangen, der in einem Schreiben dazu aufrief, die Fußball-WM in Russland komplett zu boykottieren: „Russland zu erlauben, die Weltmeisterschaft auszurichten, verbessert das Prestige des Putin-Regimes auf unangemessene Weise, wenn es geächtet werden sollte, und bietet wirtschaftliche Erleichterung, während ein Großteil der internationalen Gemeinschaft ökonomische Sanktionen verhängt.“ Solange der Kreml-Chef, so hieß es, mit der Unterstützung der Separatisten in der Ukraine internationales Recht breche, solle man ihm „das Privileg“ entziehen, das Ereignis auszurichten.

Bei der DFB-Entourage sieht man das am Tag vor dem erreichten Finale mittlerweile weit entspannter, wie der offene Brief bekundet. Auch aus Berlin werden die Töne moderater. „Meine Eindrücke vom Ausrichter Russland waren sehr gut“, sagt André Hahn, der sportpolitische Sprecher der Linken im Bundestag. „Die Sicherheitsvorkehrungen waren hochprofessionell.“ Auch habe er mit örtlichen Politikern gesprochen, die sich natürlich alle auf die Fußball-WM freuen. Lediglich mehr Hinweisschilder auf Englisch hätte man anbringen können, meint der Betreuer vom Fanclub Nationalmannschaft, ansonsten geizt auch Florian Jordan nicht mit Lob an den Ausrichter.

„Drei Wochen durften wir in diesem schönen Land verbringen und möchten nun, zum Ende des FIFA Confederations Cup in Russland, herzlich Dankeschön sagen. Wir bedanken uns für eine tolle Organisation, für die vielen helfenden Hände überall und für ein immer vorhandenes Gefühl der Sicherheit. Bedanken möchten wir uns beim Russischen Organisationskomitee, bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Stadien, Hotels und an den Flughäfen, bei den Volunteers und direkt bei Ihnen, den russischen Fußballfans“, schreibt der DFB. Ja, sie hätten Spaß gehabt am Schwarzen Meer und offenbar erkannt, dass es noch vieles mehr zu sehen gäbe, in dem Land, 48 mal größer als Deutschland.

Und bevor nur wieder Korruptionsgerüchte aufkämen, habe man sich beim DFB spontan dazu entschlossen, dem russischen Fußball unter die Arme zu greifen. „DFB-Präsident Reinhard Grindel und DFB-Vielfaltsbotschafter Thomas Hitzlsperger haben in Moskau das Kinderheim Don Bosco besucht. Mit einer Spende von 17.000 Euro wird dort nun ein bestehender Fußballplatz renoviert.“ Seinen deutsch-russischen Beitrag jenseits der vier Eckfahnen habe man damit geleistet, soviel Eigenwerbung darf es dann schon sein.

[Michael Barth/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.