Confed-Cup 2017: „Bild“ scheitert an Antrag für Arbeitsvisum

Foto: commons.wikimedia/Hendrike CC BY-SA 2.5
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[von Michael Barth] Offenbar ist die „Bildzeitung“ zu bequem, um sich eine Legitimation zu besorgen, die es ermöglicht, frei vom Rande des anstehenden Confederations-Cup zu berichten. Mit dem Vorwurf der Pressezensur will sich das Blatt weigern, die Veranstaltung überhaupt zu besuchen und bezichtigt den Weltverband der „Putinhörigkeit“.

Man fragt sich: Ist das größte deutsche Boulevardblatt zu dumm, zu faul oder einfach nur zu trotzig, um sich mit geltenden Arbeitsvoraussetzungen für Journalisten eines anderen Landes auseinander zu setzen? Eigentlich ist das auch vollkommen egal, denn Putin ist ohnehin an allem Schuld. „FIFA kuscht vor Putin!“ und „Bild boykottiert Putins Turnier“, alleine die Titelzeilen verraten uns, dass wir mit der Option trotzig schon ganz nah dran sind. Irgendwie drängt sich der Eindruck auf, die Zeitung habe so lange nach einem monierbaren Haar in der Suppe gesucht, bis sie es endlich in den Akkreditierungsrichtlinien des Fußball-Weltverbandes FIFA gefunden hat.

Nein, Freunde werden der russische Präsident Wladimir Putin und die „Bild“ nicht mehr werden. Schon bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 verweigerte sich das Blatt beharrlich dem korrekten Begriff der Veranstaltung, sondern sprach nur despektierlich von „Putins Spielen“. Bei den Sommerspielen 2016, da hingen die Vorwürfe eines möglichen Dopingskandals Russlands noch unbestätigt in der Luft, warf die „Bild“ Russland kurzerhand aus dem täglichen Medaillenspiegel. Und nun steht „Putins Turnier“ vor der Tür.

Gleich vier Redakteure waren scheinbar von Nöten, um Russland eine Beschneidung der Medienrechte für den Confed-Cup zu bescheinigen. Für die „Bild“ ein perfekter Skandal, der mit den Statuten zur Zulassung von Berichterstattern begründet wird. Dort heißt es unter anderem: „Medienvertreter mit einer Akkreditierung für den FIFA Konföderationen-Pokal dürfen nur auf dem Gebiet der Spielorte und nahe gelegener Sehenswürdigkeiten tätig sein.“ Das Blatt interpretiert: „Reporter dürfen mit der Akkreditierung kaum über die Außenlinie des Platzes hinaus berichten. Über Missstände, über mögliche Proteste.“

Dazu muss man wissen, dass die Medienrechte für das Geschehen auf dem Fußballplatz ausschließlich bei der FIFA liegen. Außerhalb der Stadien jedoch gelten die Rechte des jeweiligen Ausrichters. Und die besagen in Russland, dass man sich gegebenenfalls eine Genehmigung besorgen muss. In der Regel betrifft das hauptsächlich in Russland arbeitende Kamerateams, die eine derartige Erlaubnis normalerweise auch ohne große Schwierigkeiten bekommen. In Russland nennt sich das etwas umständlich „Arbeitsvisum“.

Missstände schaffen wo es noch keine gibt

So wie es aussieht, können offenbar sämtliche Medienvertreter mit dieser Klausel leben – nur eben „Bild“ nicht. Deshalb macht man lieber ein großes Fass auf und wiederholt mantraartig sein Putin-Bashing. Und schon steht der Deutsche Fußball-Bund auf der Matte und moniert kräftig mit. Reinhard Grindel, der Präsident des DFB verspricht, er werde sich bei der Fifa-Ratssitzung am 9. Mai dafür einsetzen, dass die beim Confed Cup akkreditierten Journalisten frei berichten könnten. „Es wäre ein wichtiges Signal für ‎die WM 2018, wenn schon beim Vorbereitungsturnier das russische Organisationskomitee deutlich macht, dass es keine Einschränkungen der Pressefreiheit gibt“, wird er zitiert.

Auch der Liga-Präsident Reinhard Rauball findet: „Die uneingeschränkte Meinungs- und Pressefreiheit gehört zu den Menschenrechten. Die Wahrung der Menschenrechte muss auch bei einem sportlichen Großereignis sichergestellt werden – egal, wo es stattfindet.“ Eine Steilvorlage für den SPD-Vize Ralf Stegner, der genauso wenig Verständnis dafür hat, „wenn Putin oder die FIFA die Pressefreiheit einschränken“, als für die Vorwürfe der „Lügenpresse“ des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump. Sein Kollege Michael Grosse-Brömer, der Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag, bescheinigt indes Russland „große Angst vor einer freien Berichterstattung über die Zustände im Land“.

Einen Schritt weiter geht Frank Überall, der Bundesvorstand des Deutschen Journalistenverbandes: „Die Fifa lässt sich hier vor den Karren einer menschenrechtsfeindlichen Regierungspolitik spannen, indem sie Journalisten massiv in ihrer Arbeit behindert.“ Deshalb müsse man überlegen, ob solche Turniere künftig überhaupt noch in Ländern ausgetragen werden sollten, „die die Pressefreiheit mit Füßen treten“.

Auch bei ARD und ZDF versuchte die „Bild“ Feuer unterm Dach zu schüren. Dort gibt man sich jedoch betont gelassen und wolle erst einmal prüfen, inwieweit sie das überhaupt betreffe, sagte der ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky. Auch die FIFA selbst räumt ein, dass sie die Pressefreiheit unterstütze und deshalb immer bemüht sei, „Medienvertretern die bestmöglichen Bedingungen zu verschaffen“. Außerdem verwies sie die „Bild“ darauf, dass sie sich jederzeit das allgemeine Medienvisum des russischen Außenministeriums besorgen könnte.

Schade eigentlich, dass sich das Blatt so sperrt. Wir hätten gerne über Missstände und Proteste, über Skandale und organisatorische Patzer aus der Feder des Sprachrohrs der manipulierten Meinung gelesen.

[Michael Barth/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.