Clinton und die russischen Hacker: Eine durchsichtige Story

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[von Dr. Christian Wipperfürth] Der Einbruch in den Server der US-Demokraten ist kaum vom Kreml beauftragt. Hillary Clintons Demokraten versuchen diese Spur zu legen, um von eigenen Verfehlungen abzulenken. Und der Großteil der hiesigen Presse springt darauf an.

Hacker drangen angeblich im Auftrag der russischen Regierung in das Netzwerk der „Demokratischen Partei“ der USA ein. Das berichteten westliche Medien bereits Mitte Juni. Die Story war vermutlich unzutreffend, was bereits zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ziemlich offensichtlich war (s. http://www.cwipperfuerth.de/2016/06/18/wieder-einmal-die-russen/). Gleichwohl wurde in letzter Zeit noch einmal nachgelegt. Der Spiegel titelte: „Hillary Clintons E-Mail-GAU: Die Spur führt nach Moskau“ (http://www.spiegel.de/politik/ausland/hillary-clinton-der-e-mail-gau-und-die-spur-nach-moskau-a-1104699.html). Die „Neue Zürcher Zeitung“ äußert sich ähnlich (http://www.nzz.ch/international/praesidentschaftswahlen-usa/paukenschlag-vor-dem-demokratischen-wahlkonvent-wie-aus-einem-polit-thriller-ld.107379). Einige westliche Medien berichten ausgewogener, z.B. der britische „Guardian“ (https://www.theguardian.com/commentisfree/2016/jul/25/russia-blame-dnc-email-hack-premature). Aber das ist eher die Ausnahme.

Was sind die Fakten?

Der Hacker hat seine Ankündigung vom Juni wahr gemacht: Wikileaks haben 20.000 entsprechende Emails veröffentlicht. Hillary Clintons Wahlkampfmanager, Robby Mook, erklärte unmittelbar darauf im Fernsehen, verantwortlich für den Einbruch und die Veröffentlichung seien „die Russen, um Donald Trump zu helfen“. „Experten“ hätten ihm diese Informationen gegeben, die aber weder zu diesem Zeitpunkt, noch irgendwann später benannt wurden. Die Firma „Crowd Strike“ wollte ihr zweifelhaftes Images vermutlich nicht noch stärker belasten (s. http://www.cwipperfuerth.de/2016/06/18/wieder-einmal-die-russen/)

Die Nachrichtenagentur „Reuters“ berichtete, Vertreter der US-Regierung sowie der „Demokratischen Partei“ besäßen keinerlei Belege, dass die Veröffentlichung in irgendeiner Weise mit Russland in Verbindung stehe (http://www.reuters.com/article/us-usa-cyber-russia-policy-idUSKCN10C3BI). Es ist gleichwohl nicht ausgeschlossen, das tatsächlich russische Hacker am Werk waren, womöglich sogar im Auftrag der Führung.

Was spricht für diese Version?

  1. Hacker veröffentlichten wiederholt vertrauliche und delikate Emails oder etwa Telefonmitschnitte russischer Oppositioneller, um diese in ein schlechtes Licht zu rücken. Die Verantwortlichen standen den russischen Nachrichtendiensten offensichtlich zumindest sehr nahe.
  2. Eine Präsidentin Clinton würde gegenüber Russland eine härtere Linie fahren als Obama und vermutlich Trump. Sie tritt nachdrücklich für eine robuste Unterstützung demokratischer bzw. US-freundlicher Oppositioneller und Regierungen ein. Clinton hat den zögernden Obama 2011 erst davon überzeugt, in Libyen einzugreifen. Obama war zudem gegenüber Waffenlieferungen an die Ukraine immer skeptisch, da dies den Konflikt nur anheizen, aber nicht lösen könnte. Präsidentin Clinton würde vermutlich anders entscheiden. Der Kreml besitzt aus seiner Sicht gravierende Gründe, eine Amtsübernahme Clintons verhindern zu wollen.

Russische Hintergründe des „Leaks“ sind somit möglich, aber nicht wahrscheinlich. Es ist zumindest unverantwortlich, diese als sicher darzustellen, wie dies häufig in den Medien geschieht und zwar aus folgenden Gründen:

  1. Die Veröffentlichungen waren unangenehm für Clinton, aber kaum dazu geeignet einen wesentlichen Einfluss auf die Wahlen auszuüben. Eine Verantwortung des Kremls würde Clintons ohnedies angespannte Beziehung zu Russland aber weiter belasten. Die Hintergründe des Einbruchs in den Server der „Demokraten“ könnten nach Ansicht Edward Snowdens von US-Nachrichtendiensten aufgedeckt werden. Aber erst nach einer langwierigen Untersuchung, die es noch nicht gegeben hat, die in Anbetracht der Relevanz des Vorgangs jedoch zu erwarten ist. Insofern wäre es höchst unklug, – und somit noch unwahrscheinlicher – dass russische Dienste involviert waren.
  2. Die angeführten Belege für Russlands Verantwortung sind mehr als dünn: So hatten sich die Hacker selbst als „Extravaganter Bär“ („Fancy Bear“) bzw. „Kuschliger Bär“ („Cozy Bear“) bezeichnet. Zudem sollen – auch auf Anhieb – kyrillische Buchstaben gefunden worden sein. Russische Profis hätten wohl kaum diese Spuren hinterlassen. Die genannten, allzu offensichtlichen Indizien könnten auch von Hackern in San Francisco oder etwa Shanghai stammen. Selbst russische Oppositionelle betrachten die Beschuldigung des Kremls gewöhnlich als weit hergeholt bis abwegig.

Warum aber wurde diese wenig überzeugende Version in die Welt gesetzt, dass Russland verantwortlich sei?

Der Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders hat der Parteizentrale der US-Demokraten wiederholt vorgeworfen, seine Arbeit aktiv zu bekämpfen. Die veröffentlichten Emails geben ihm Recht. Die Führung der Demokraten und Clinton versuchen hiervon abzulenken, indem sie ein angebliches massives Eingreifen des Kremls in den Wahlkampf thematisieren.

Sanders stellte sich nach langem Zögern hinter Clinton, die zu den unpopulärsten Präsidentschaftskandidaten in der Geschichte der USA gehört. Er möchte eine Präsidentschaft Donald Trumps verhindern.

Die hiesigen Medien machen wieder einmal keine gute Figur.

Über den Autor

Dr. Christian Wipperfürth
Arbeitet als Freier Publizist, Er hat zuvor für das Europäische Parlament bzw. den Deutschen Bundestag gearbeitet und Internationale Beziehungen an der Universität in St. Petersburg gelehrt.