Der Handel zwischen Russland und China wächst wieder kräftig. Doch die steigenden Umsätze können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Kräfteverhältnis zwischen beiden Ländern immer weiter zugunsten Pekings verschiebt. Besonders deutlich wird dies beim geplanten Bau der Gaspipeline „Kraft Sibiriens 2“: China verlangt offenbar Preise auf dem Niveau des subventionierten russischen Binnenmarktes. Gleichzeitig bereitet sich Peking bereits auf die Zeit nach Wladimir Putin vor.
Der russisch-chinesische Handel hat im ersten Halbjahr 2026 deutlich zugelegt. Nach Angaben der russischen Handelsvertretung in China stieg das bilaterale Handelsvolumen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 25,6 Prozent auf 134,2 Milliarden Dollar.
Russlands Ausfuhren nach China erhöhten sich um 23,3 Prozent auf 73,6 Milliarden Dollar. Die Einfuhren chinesischer Waren nach Russland wuchsen sogar um 28,4 Prozent auf 60,6 Milliarden Dollar. Moskau erzielte damit weiterhin einen Handelsüberschuss. Die Entwicklung markiert eine deutliche Erholung, nachdem der Handel 2025 erstmals seit fünf Jahren zurückgegangen war.
Auf den ersten Blick bestätigen die Zahlen die offiziellen Erklärungen über eine immer engere wirtschaftliche Zusammenarbeit. Russland liefert vor allem Öl, Gas, Kohle, Metalle und andere Rohstoffe. China versorgt den russischen Markt mit Autos, Maschinen, Elektronik, Industrieanlagen und zahlreichen Konsumgütern, die früher häufig aus Europa kamen.
Doch der wachsende Warenverkehr bedeutet nicht, dass beide Länder gleichermaßen profitieren oder politisch auf Augenhöhe miteinander verhandeln. Je stärker Russland infolge des Ukrainekrieges und der westlichen Sanktionen auf den chinesischen Markt angewiesen ist, desto größer wird Pekings Verhandlungsmacht.
Kein Durchbruch bei „Kraft Sibiriens 2“
Das sichtbarste Beispiel ist die seit Jahren geplante Pipeline „Kraft Sibiriens 2“. Sie soll russisches Erdgas aus den westsibirischen Feldern über die Mongolei nach China transportieren. Dieselben Lagerstätten hatten früher einen erheblichen Teil des europäischen Marktes versorgt.
Für Russland ist das Projekt von strategischer Bedeutung. Nach dem weitgehenden Verlust des europäischen Gasgeschäfts benötigt Gazprom neue Großabnehmer. China dagegen verfügt über mehrere mögliche Bezugsquellen und kann Erdgas unter anderem aus Zentralasien, über Flüssiggasterminals und aus der eigenen Produktion beziehen.
Wladimir Putins China-Besuch im Mai hatte deshalb vor allem das Ziel, endlich eine Vereinbarung über die Pipeline zu erreichen. Der erhoffte Durchbruch blieb jedoch aus. Nach Recherchen des „Wall Street Journal“ stellte die chinesische Seite Bedingungen, die für Gazprom kaum attraktiv sein dürften.
Chinesische Unterhändler sollen einer russischen Delegation mit Gazprom-Chef Alexej Miller erklärt haben, Peking werde dem Projekt nur zustimmen, wenn Russland das Gas zu Preisen verkauft, die den niedrigen russischen Inlandstarifen entsprechen. Im Ergebnis müsste der Kreml nicht nur einen erheblichen Teil der Pipelinekosten tragen, sondern auch die Gaslieferungen an China subventionieren.
Nach Darstellung der Zeitung machten die chinesischen Vertreter zudem deutlich, dass Russland das Thema unter unveränderten Bedingungen nicht erneut zur Sprache bringen müsse. Peking kann warten – Moskau dagegen benötigt einen Ersatz für die ausgefallenen europäischen Einnahmen.
China hat keinen Zeitdruck
Die unterschiedlichen Interessen erklären, warum die Verhandlungen trotz der demonstrativ engen Beziehungen zwischen Putin und Xi Jinping seit Jahren nicht vorankommen.
Russland möchte große, langfristig garantierte Liefermengen. China will sich dagegen weder auf hohe Mindestabnahmen noch auf Preise festlegen, die über anderen Bezugsquellen liegen. Für Peking ist russisches Gas vor allem dann interessant, wenn es besonders günstig angeboten wird und Chinas Versorgungssicherheit erhöht.
China kann die Entscheidung deshalb hinauszögern, bis Russland zu weiteren Zugeständnissen bereit ist. Branchenexperten gehen davon aus, dass Peking Moskau entweder zu erheblich günstigeren Bedingungen zwingen oder letztlich ganz auf die Pipeline verzichten könnte.
Damit wiederholt sich beim Gas, was bereits beim russischen Öl zu beobachten ist. China bietet Russland zwar einen riesigen Absatzmarkt. Weil Moskau jedoch nur noch über eine begrenzte Zahl großer Abnehmer verfügt, kann Peking Preisnachlässe und günstige Vertragsbedingungen verlangen.
Die wirtschaftliche Partnerschaft wirkt daher zunehmend wie ein Tauschgeschäft: China verschafft Russland Zugang zu Märkten, Technologie und Industriegütern, erhält dafür aber Rohstoffe zu vorteilhaften Preisen und einen wachsenden politischen Einfluss auf seinen nördlichen Nachbarn.
Chinesische Waren verdrängen russische Produkte
Auch auf dem russischen Binnenmarkt wird das Ungleichgewicht sichtbar. Chinesische Autos, Maschinen, Textilien, elektronische Geräte und inzwischen selbst Lebensmittel konkurrieren mit russischen Produkten. Viele chinesische Waren sind günstiger und technisch moderner als die Angebote einheimischer Hersteller.
Russische Unternehmen beklagen deshalb zunehmend, dass die wirtschaftliche Öffnung gegenüber China die eigene Industrie unter Druck setzt. Die Regierung hat unter anderem mit höheren Abgaben auf importierte Autos reagiert, um russische Hersteller zu schützen.
Doch auch die vermeintlich russischen Fahrzeuge beruhen häufig auf chinesischen Modellen, Bauteilen und Technologien. Das gilt beispielsweise für zahlreiche neue Automarken oder wiederbelebte sowjetische Namen. Russland ersetzt westliche Abhängigkeiten damit nicht unbedingt durch eine eigenständige Produktion, sondern vielfach durch neue Abhängigkeiten von China.
Kremlsprecher Dmitri Peskow bezeichnete die harte Konkurrenz chinesischer Hersteller als Motor des Fortschritts. Für russische Produzenten stellt sie jedoch ein wachsendes Problem dar: Sie sollen gleichzeitig importierte westliche Technik ersetzen und gegen chinesische Unternehmen antreten, die über größere Produktionsmengen, niedrigere Kosten und modernere Lieferketten verfügen.
Peking denkt über Putin hinaus
Chinas Strategie beschränkt sich offenbar nicht auf wirtschaftliche Vorteile während Putins Amtszeit. Nach Recherchen des „Wall Street Journal“ baut Peking systematisch Beziehungen zu russischen Beamten und Vertretern der politischen und wirtschaftlichen Eliten auf, die auch nach einem Machtwechsel im Kreml Einfluss besitzen könnten.
China rechnet dabei offenbar nicht mit einer baldigen politischen Westorientierung Russlands. Vielmehr geht Peking davon aus, dass große Teile der russischen Führungsschicht auch nach Putin antiwestlich eingestellt bleiben und China als wichtigsten strategischen Partner betrachten werden.
Für die chinesische Führung ist dies eine langfristige Absicherung. Die Partnerschaft soll nicht allein von der persönlichen Beziehung zwischen Xi Jinping und Wladimir Putin abhängen. Kontakte zu Beamten auf mittlerer und höherer Ebene ermöglichen es Peking, frühzeitig Netzwerke in einem künftigen russischen Machtgefüge aufzubauen.
China vermeidet es zugleich, Putin öffentlich wie einen untergeordneten Partner zu behandeln. Xi empfängt ihn weiterhin mit großem protokollarischem Aufwand und spricht demonstrativ von Freundschaft und strategischer Zusammenarbeit. Hinter verschlossenen Türen nutzt Peking jedoch seine wachsende Überlegenheit, um wirtschaftliche und politische Zugeständnisse durchzusetzen.
Misstrauen unter Partnern
Die engere Zusammenarbeit beseitigt das gegenseitige Misstrauen nicht. Russische Geheimdienste sollen in den vergangenen Jahren häufiger auf Versuche chinesischer Nachrichtendienste gestoßen sein, Beamte der mittleren Verwaltungsebene anzuwerben oder Informationen zu beschaffen.
Moskau vermeidet es dem Bericht zufolge jedoch, solche Fälle öffentlich zu machen oder gegenüber Peking grundsätzlich zu thematisieren. Die russische Führung befürchtet offenbar, die Beziehungen zu einem Partner zu belasten, auf den sie wirtschaftlich und politisch immer stärker angewiesen ist.
Das Schweigen verdeutlicht die Verschiebung des Kräfteverhältnisses. Russland würde auf mutmaßliche Spionage westlicher Staaten mit Strafverfahren, diplomatischen Ausweisungen und einer öffentlichen Kampagne reagieren. Im Verhältnis zu China muss es dagegen vorsichtiger agieren.
Auch in Zentralasien verfolgen beide Länder nicht immer dieselben Interessen. Russland betrachtet die Region traditionell als seine politische und sicherheitspolitische Einflusssphäre. China ist dort jedoch inzwischen der wirtschaftlich stärkere Akteur und baut Infrastruktur, Handelswege und Kreditbeziehungen aus.
Partnerschaft ohne Gleichgewicht
Die offiziellen Handelszahlen zeigen, dass die russisch-chinesischen Beziehungen wirtschaftlich keineswegs stagnieren. Der Austausch wächst, Russland erzielt einen Überschuss und findet in China weiterhin einen zentralen Absatzmarkt für seine Rohstoffe.
Doch die Höhe des Handelsvolumens sagt wenig über die Verteilung der Macht aus. Russland benötigt China deutlich dringender als China Russland. Moskau ist auf chinesische Absatzmärkte, Maschinen, Elektronik, Finanzwege und politische Rückendeckung angewiesen. Peking kann dagegen zwischen verschiedenen Lieferanten wählen und seine Beziehungen zu Russland nach den eigenen strategischen Bedürfnissen gestalten.
Der Streit um „Kraft Sibiriens 2“ bringt diese neue Realität auf den Punkt. Russland möchte eine Pipeline, um verlorene europäische Märkte zu ersetzen. China kann sich Zeit lassen und verlangt dafür Bedingungen, die Moskau früher vermutlich zurückgewiesen hätte.
Die von Putin und Xi beschworene Partnerschaft besteht weiter. Sie ist auch für China geopolitisch wertvoll, weil Russland den Westen bindet, Rohstoffe liefert und Pekings Position in internationalen Organisationen unterstützt. Doch aus der einst demonstrierten Gemeinschaft zweier Großmächte wird zunehmend eine Beziehung zwischen einem dominierenden Partner und einem abhängigen Rohstofflieferanten.
Dass China gleichzeitig Geschäfte mit Putin macht und Netzwerke für die Zeit nach ihm aufbaut, ist kein Widerspruch. Es entspricht einer langfristigen Strategie, die weniger auf persönliche Freundschaft als auf dauerhaften Einfluss zielt.

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