Charkow: Bombenanschlag auf Euromaidan-Demonstration – drei Tote [mit Videos]

Drei Tote und 10-15 Verletzte - Urheber Antimaidaner oder Rechtsradikale?

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+++ überarbeitet: 17:30 Uhr MEZ wegen Video vom Bombenanschlag und neuer Infos +++

Im ostukrainischen Charkow, gelegen im Gebiet, das von der Kiewer Regierung beherrscht wird, kam es bei einem Bombenanschlag auf eine Euromaidan-Kundgebung mit einigen hundert Teilnehmern zu drei Toten und fünfzehn Verletzten.

Der Terroranschlag

Der Tag begann mit dem üblichen Autokorso-Hupkonzert, das Euromaidaner gerne veranstalten, um ihrem Sieg vor einem Jahr gegen Janukowitsch zu gedenken:

Im Anschluss, bei einer bis zu diesem Zeitpunkt  friedlichen Demonstration von einigen Hundert Euromaidanern geschah der Bombenanschlag, festgehalten von einem filmenden Passanten:

https://www.youtube.com/watch?v=2aAXoxfqV-0#t=13

Kurz nach der Explosion filmten Maidan-Unterstützer diese Amateurszenen in der Menge:

Die gespaltene Bevölkerung und der radikale Untergrund

Einhellig ist die Unterstützung der örtlichen Bevölkerung zum Euromaidan und diesen seinen Vertretern überall in der Süd- und Ostukraine nicht. Bereits in der Vergangenheit kam es in Charkow und Odessa mehrfach zu Bombenanschlägen auf örtliche Versorgungseinrichtungen der Armee, Nachschubwege oder Unterstützungsbüros. Gestern kam es auch in Odessa zu einer Bombenentschärfung, die hier im Video festgehalten wurde:

Da mit entsprechender Unterstützung der Staatsmacht der Euromaidan die Straße beherrscht, haben sich seine radikalen Gegner in den Untergrund zurückgezogen, während die Mehrheit der Bevölkerung oft distanziert zwischen beidem steht. russland.RU hatte hierüber mehrfach berichtet, während eine entspechende Berichterstattung in den großen deutschen Medien nicht stattfand – das Bild der einhellig hinter Kiew stehenden Ukrainer durfte nicht getrübt werden. Der Gegner stammt ja aus Russland und Ukrainer dürfen offenbar nur mit den richtigen Fahnen in der Hand und Begeisterung gefilmt werden.

Grausame Bombe beendet Ignorieren

Nach dem brutalen Terroranschlag lässt sich diese Spaltung der Bevölkerung jedoch nicht mehr länger verheimlichen. Um 13:20 Uhr detonierte mitten unter den jubelnden Maidananhängern ein Sprengsatz, der nach ersten Meldungen in einem Radio untergebracht gewesen sein soll. Andere Meldungen vor Ort sprechen vom Wurf der Bombe aus einem vorbeifahrenden Auto oder einem mit TNT und Nägeln gefüllten Plastikbeutel, der unter dem Schnee versteckt gewesen sein und ferngesteuert gezündet worden sei. Drei Tote und zehn bis fünfzehn Verletzte (je nach Quelle) sind die Bilanz, darunter auch Polizisten, die den Euromaidan-Umzug schützen sollten und zwei Mitglieder von Freiwilligeneinheiten, die auf der Seite der Regierung im Donbass kämpfen. Zwei der Opfer waren laut der Onlinezeitung Politnavigator sofort tot, ein weiteres starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Unter den Toten soll ein bekannter Euromaidan-Aktivist sein.

Die Suche nach den Urhebern

Bei den Urhebern der Bombe gibt es mittlerweile zwei Theorien. Zum einen kommt der in der Stadt vorhandene Antimaidanische Untergrund, der auch Partisaneneinheiten stellt, in Betracht. Hierfür spricht, dass sich im Demonstrationszug zahlreiche rechtsextreme Nationalisten befunden haben, zu erkennen an den Swoboda-Fahnen. Diese sind beim Bevölkerungsteil gegen den Euromaidan besonders verhasst. Zum anderen gibt es, vor allem unter Unterstützern des Antimaidan, auch  Spekulationen über eine Urheberschaft des Rechten Sektors, also Ukrainischer Nationalisten, die damit den endlich wieder in Gang kommenden Friedensprozess hintertreiben wollten. Offizielle Untersuchungsergebnisse stehen noch aus und es ist auch nicht sicher, ob es solche in einer unabhängigen Form später geben wird. Der Ukrainische Inlandsgeheimdienst vermeldete inzwischen die Inhaftierung von vier Verdächtigen.

Politische Reaktionen – die Stunde der Scharfmacher

Turtschinow vom ukrainischen Sicherheitsrat kündigt eine Einbeziehung der Region Charkow in die militärische „Anti Terror Operation“ an. Auch Poroschenko sprach in Kiew von der Notwendigkeit einer „harten Antwort“ . Unabhängig von den tatsächlichen Urhebern ist davon auszugehen, dass die Hardliner auf der ukrainischen Seite den Anschlag für ihr Ziel einer weiteren Eskalation nutzen werden.

Roland Bathon, russland.RU