Die BRICS-Staaten haben sich beim Gipfel in Neu-Delhi auf eine gemeinsame Erklärung verständigt. Das war angesichts des Streits über den Iran bereits ein diplomatischer Erfolg. Der Kompromiss zeigt allerdings auch, wie unterschiedlich die politischen Interessen innerhalb der gewachsenen Gruppe sind.
Am Ende stand eine gemeinsame Erklärung. Was bei internationalen Gipfeln zum Pflichtprogramm gehört, war beim Treffen der BRICS-Staaten am 12. und 13. September in Neu-Delhi keineswegs selbstverständlich. Nach Angaben indischer Regierungskreise wurde bis vier Uhr morgens am Samstag verhandelt. Erst danach konnte Gastgeber Narendra Modi den Konsens verkünden.
Der wichtigste Streitpunkt war der Krieg im Nahen Osten. Iran verlangte eine eindeutige Verurteilung der amerikanischen und israelischen Maßnahmen gegen die Islamische Republik. Die Vereinigten Arabischen Emirate widersetzten sich dieser Forderung. Damit verlief die Konfliktlinie mitten durch die Staatengruppe, der beide Länder angehören. Noch am Samstag hatte der russische Präsidentenberater Juri Uschakow eingeräumt, die Lage um Iran verursache bei der Abstimmung der Erklärung „gewisse Spannungen“. Zugleich äußerte er die Erwartung, dass eine Verständigung gelingen werde.
Der gefundene Kompromiss bestand vor allem in einer vorsichtigen Wortwahl. Die Teilnehmer äußerten tiefe Besorgnis über die Eskalation im Nahen Osten, forderten größtmögliche Zurückhaltung und den Schutz der Zivilbevölkerung sowie ziviler Infrastruktur. Außerdem verurteilten sie einseitige Sanktionen und andere Zwangsmaßnahmen, die den internationalen Handel und dessen Regeln untergraben. Die Vereinigten Staaten wurden dabei nicht ausdrücklich genannt.
Gerade diese Unterscheidung ist für die politische Bilanz wichtig: Nach der von Kommersant wiedergegebenen Erklärung verständigten sich die Mitglieder auf Besorgnis über den Krieg und auf Kritik an Sanktionen. Eine gemeinsame ausdrückliche Verurteilung Washingtons und Israels, wie sie Teheran verlangte, kam damit nicht zustande. Die Einigung bewahrte die Handlungsfähigkeit der Gruppe, ließ aber den Streit über Verantwortlichkeiten bestehen.
Dasselbe diplomatische Verfahren kam Indien entgegen. Die Erklärung verurteilte Terrorismus in allen Formen und ausdrücklich den Anschlag vom 22. April 2025 in Jammu und Kaschmir, bei dem 26 Menschen getötet worden waren. Pakistan, dem Neu-Delhi die Verantwortung zuschreibt, blieb unerwähnt. Der Gastgeber erhielt somit Unterstützung in einem zentralen Anliegen, ohne dass sich sämtliche Partner dessen Schuldzuweisung öffentlich anschließen mussten.
Die inzwischen zehn Mitgliedstaaten können sich offenbar leichter auf allgemeine Prinzipien verständigen als auf eine gemeinsame Position gegenüber einzelnen Konfliktparteien. Darin liegt eine Grenze des politischen Gewichts von BRICS: Mit der Erweiterung wächst die internationale Bedeutung, zugleich müssen mehr miteinander konkurrierende Interessen berücksichtigt werden. Die Zahl der Mitglieder lässt sich erhöhen; außenpolitische Geschlossenheit folgt daraus nicht automatisch.
Für Moskau fällt die Bilanz entsprechend gemischt aus. Die gemeinsame Ablehnung einseitiger Sanktionen entspricht russischen Interessen. Der Streit um Iran macht jedoch deutlich, wie begrenzt die Bereitschaft der Partner ist, daraus eine gemeinsame Front gegen die USA abzuleiten. Aus dem Gipfelergebnis lässt sich Unterstützung für bestimmte russische Positionen ablesen, aber keine umfassende Gefolgschaft.
Neben der Erklärung verdient deshalb die Begegnung zwischen Xi Jinping und Narendra Modi Aufmerksamkeit. Für den chinesischen Staatspräsidenten war es der erste Indienbesuch seit sieben Jahren. Vorausgegangen waren Schritte zur Entspannung nach den Grenzkonflikten im Himalaya: Im Oktober 2024 verständigten sich beide Seiten auf Regelungen zum Truppenabzug und zu Patrouillen in umstrittenen Grenzabschnitten. Anschließend trafen sich die Staats- und Regierungschefs beim BRICS-Gipfel in Kasan; im August 2025 reiste Modi nach China.
In Neu-Delhi warb Xi nun für eine engere Zusammenarbeit. China und Indien könnten voneinander lernen und die jeweiligen Stärken für ihre Entwicklung nutzen. Peking betrachte die Beziehungen als strategisch und langfristig. Konkrete neue Vereinbarungen nennt der vorliegende Bericht über das Treffen allerdings nicht.
Dennoch könnte diese Annäherung langfristig größere Bedeutung gewinnen als manche Formulierung der Gipfelerklärung. Wenn China und Indien ihre Gegensätze besser begrenzen, stärkt das auch BRICS. Das Format bietet ihnen einen regelmäßigen Gesprächsrahmen, in dem Zusammenarbeit trotz fortbestehender Rivalität möglich bleibt.
2027 übernimmt China den Vorsitz und richtet den nächsten Gipfel aus. Xi stellte BRICS bereits als gefestigte Plattform für die Zusammenarbeit des Globalen Südens dar. Neu-Delhi hat gezeigt, worin die praktische Aufgabe dieser Plattform besteht: Staaten mit unterschiedlichen Interessen überhaupt zu gemeinsamen Aussagen zu bewegen. Dass dies gelang, ist ein Erfolg. Wie vorsichtig diese Aussagen ausfallen mussten, gehört ebenso zur Bilanz.
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