Brexit kann indirekt Erholung der russischen Wirtschaft beeinträchtigen

Störung der wirtschaftlichen Erholung zu erwarten

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[Von Ullrich Umann -Moskau (GTAI)] – Russlands Regierung und Unternehmer rechnen nicht mit direkten Auswirkungen des Austritts von Großbritannien aus der Europäischen Union (EU) auf die eigene Wirtschaft. Der bilaterale Handel war ohnehin in den zurückliegenden zweieinhalb Jahren auf ein Mindestmaß zusammengeschrumpft. Dagegen bereitet sich Russland auf die indirekten Auswirkungen vor: sinkende Preise auf Energieträger und Rohstoffe, fallende Aktienkurse, negative Folgen für die Konjunktur in der EU und erneuter Abwertungsdruck auf den Rubel.

Großbritannien hatte im Jahr 2015 nur noch einen Anteil von 2,1% am gesamten Außenhandelsvolumen der Russischen Föderation. Die britischen Exporte fielen im gleichen Jahr auf Grundlage der bereits niedrigen Vorjahreswerte um 53% und die Importe aus Russland um 35%. Der Flurschaden aus EU-Sanktionen und russischen Gegensanktionen ist groß.

Russisch-britischer Handel auf geringem Niveau

In den ersten vier Monaten des Jahres 2016 ist das bilaterale Handelsvolumen nach Angaben der russischen Zollbehörden erneut zurückgegangen – um 15%. Großbritannien führt aus Russland vor allem Energieträger ein, mit großem Abstand aber auch Produkte der anorganischen Chemie, Edelsteine, Metalle, Holz, Eisen, Stahl und Düngemittel. Nach Russland geliefert werden Pkw, Pharmazeutika, Ausrüstungen zur Stromerzeugung, alkoholische Getränke, Blut und Blutpräparate, Verbrennungsmotoren, Kfz-Teile, Reinigungs- und Waschmittel, medizinische Geräte und Instrumente, Strahltriebwerke.

Brexit führt zu russischen Exporteinbußen

Die Auswirkungen eines Brexit auf die russische Wirtschaft seien vorrangig indirekter und vorübergehender Natur, so die ersten Wortmeldungen von Regierungsstellen. Russische Experten gehen davon aus, dass durch die jetzt eintretende Periode der vorübergehenden Unsicherheit in Europa die Weltmarktmarktpreise auf Energieträger und Rohstoffe sinken. Da das die wichtigsten Devisenbringer Russlands sind, führt dies zu geringeren Export- und Steuereinnahmen.

Volatilität des Rubels steigt

Gleichzeitig erzeugt diese Entwicklung neuen Abwertungsdruck auf den Rubel. Der Außenwert gibt nicht nur nach. Die zunehmende Unsicherheit an den Märkten dürfte auch zu größeren Wechselkursschwankungen führen. Die erhöhte Volatilität wäre aber Gift für die gerade einsetzende vorsichtige wirtschaftliche Erholung in Russland.

Wie Vertreter von importabhängigen russischen Unternehmen betonen, können sie in ihren Planungen einen niedrigen Außenwert des Rubel einpreisen. Nicht vorhersehbare Kursausschläge würden aber mittel- bis langfristige Kalkulationen unmöglich machen und die ohnehin schwierige Kreditaufnahme zusätzlich erschweren.

Mit sinkendem Außenwert des Rubels würde auch wieder mehr Inflation importiert. Zwar hätte das keine wesentliche Änderung der monetären Politik der Zentralbank zur Folge. Doch würde der Zentralbankrat vorerst keiner weiteren Senkung des Leitzinses unter die aktuelle Marke von 10,5% zustimmen – zumindest solange die erhöhten Unsicherheiten anhalten. Schon bei der letzten Absenkung auf den aktuellen Satz, die am 14.6.2016 erfolgte, also nur wenige Tage vor der Brexit-Abstimmung in Großbritannien, teilte die Zentralbank mit, dass sie sich bei künftigen Entscheidungen zu keinem Senkungsautomatismus verleiten lasse.

Privatisierung in Russland gerät ins Stocken

In Folge des Brexit fallen die Kurse an den Börsen und damit auch der Wert russischer Aktiengesellschaften im Staatsbesitz. Da die Regierung für 2016 Verkäufe von Anteilen an Rosneft, Alrosa, der Reederei Sowkomflot und der Bank VTB zur Finanzierung bestehender Haushaltsdefizite geplant hatte, könnten die Erlöse geringer als angenommen ausfallen. Genau aus diesem Grund könnte die Regierung in diesem Jahr auf Teilprivatisierungen ganz verzichten und notgedrungen bessere Zeiten abwarten.

Spekulation um bessere Erdgasgeschäfte

Analysten der Sberbank prognostizieren ausgehend von der Brexit-Abstimmung eine gewisse Schwächung der zentralen EU-Energiepolitik zugunsten nationaler Befugnisse der Mitgliedsländer. Damit würden die Chancen für einen Ausbau russischer Erdgasexporte, einschließlich des Baus neuer Pipelines im Norden „Nord Stream-2“ oder im Süden „Southstream“, wieder steigen.

Der Spielraum für interessierte Mitgliedsländer würde laut Sberbank größer, um bei künftigen Erdgasbezügen zwischen den Diversifizierungsbestrebungen der EU-Kommission und neuen Lieferabkommen mit Gazprom (in der Perspektive auch mit der zweitgrößten russischen Gasgesellschaft Novatek) auszuwählen.