Anschlag in Petersburg – Terror mit neuem Gesicht

Meinungen aus der russischen Medienlandschaft

Während die russischen Politiker wütend Europa für dessen falsche Einwanderungspolitik kritisierten, die zum Anwachsen des Terrorismus führte, ist in Russland, wie es scheint, eine neue Gefahr aufgetaucht und gewinnt an Kraft. Gazeta.ru ist der Ansicht, dass die Russen, genauso wie die Europäer, alle Vorteile und Risiken ihrer internationalen Politik unterschätzt haben.

Die Tragödie in der Metro in St. Petersburg hat gezeigt – der internationale Terrorismus ist in einer Evolution begriffen, genau wie die Arbeitsmethoden der Sicherheitsdienste für seine Beseitigung. Die Hauptsache ist – der Terrorismus wird immer internationaler.

Laut der Version des FSB haben aus den GUS-Staaten kommende und legal in Russland lebende Personen im Besitz der russischen Staatsbürgerschaft den Anschlag in der Petersburger Metro verübt. Dabei war es früher üblich, bei jedem Terrorakt Radikale aus dem russischen Nordkaukasus zu verdächtigen – und meist entsprach das auch der Wahrheit.

Seit dem Anschlag in der Petersburger U-Bahn am 3. April demonstriert der FSB eine ganz besondere Offenheit bei den Ermittlungen. Die Öffentlichkeit bekam sogar zwei Videoaufnahmen zu sehen — die eine aus dem Moskauer Umland und die zweite aus dem Gebiet Wladimir, wo Sondereinsätze zur Ergreifung der Verdächtigen liefen. Am 20. April erklärte FSB-Direktor Alexander Bortnikow persönlich, der Auftraggeber des Anschlags in Petersburg sei „praktisch festgestellt“.

Nach der Version der Ermittler wurde die Explosion von dem früheren Angestellten einer ortsansässigen Sushi-Bar, dem 22-jährigen, aus Kirgisien stammenden Akbarshon Dshalilow, verübt. Aber über irgendwelche Verbindungen Dshalilows mit islamistischen Gruppierungen in seinem Heimatland war vorher nichts bekannt gewesen. Verwandte und Freunde aus Kirgisien waren guter Meinung von ihm.

Bereits nach dem Anschlag erklärten die Ermittler, Dshalilow habe mit in Russland verbotenen terroristischen Organisation in Verbindung gestanden, teilte aber nichts Genaueres mit. In der vergangenen Woche wurden in Petersburg im Zusammenhang mit dem Terrorakt weitere acht Verdächtige festgenommen. Bezeichnend ist: Alle Inhaftierten waren keine „Illegalen“. Das waren Leute aus Zentralasien im Besitz der russischen Staatsbürgerschaft.

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Anschlag aus der Türkei finanziert wurde. Von welchen Gruppen genau, teilt die Behörde nicht mit. Wie es aussieht, wird Russland mit einem Terrorismus neuen Typs konfrontiert und kann bisher nicht verstehen, wie ihm entgegenzuwirken ist.

Früher wurden Anschläge hauptsächlich von Dschihadisten aus dem Nordkaukasus verübt. Manchmal hatten sie von außen eingeschleuste „Kuratoren“, wie zum Beispiel den zu trauriger Berühmtheit gelangten saudischen Emissär Hattaba, der in Tschetschenien kämpfte und im März 2002 liquidiert wurde.

Übrigens ist es den russischen Sicherheitsdiensten in 20 Jahren mehr oder minder gelungen, die Netze der Terroristen unter Kontrolle zu nehmen und die wichtigsten Anführer des Terror-Untergrunds zu eliminieren.

Jetzt stellt sich heraus: Während wir alle unsere Ressourcen (unter anderem die intellektuellen) konzentrieren, um die Terroristen und Verbrecher in einer Region zu vernichten, verbleiben andere Zonen, in denen terroristische Zellen geschaffen werden und wachsen, ohne die nötige Kontrolle.

In der „Risikogruppe“ sind jetzt Einwanderer oder bereits legalisierte Bürger Russlands aufgetaucht, die für Billigstlöhne arbeiten. Sie sind nicht ins öffentlichen Leben integriert. Sie sind unzufrieden mit ihrer Lage als Ausgegrenzte (obwohl das Leben in einer Gemeinde unwillkürlich zu solch einer Isolation führen kann). Und sie werden das ideale Ziel für die Anwerber internationaler Terrororganisationen.

Die Gesellschaft hat nur eine schwache Vorstellung davon, wie diese Menschen leben. Sie wissen nur, wie sie an ihnen verdienen können, indem sie sie für Hilfsarbeiten in einem Café oder für Renovierungsarbeiten anheuern. Gibt es bei unseren Sicherheitsdiensten viele Leute, die wenigstens Tadschikisch oder Usbekisch sprechen? Manchmal ist das wichtiger für die Sicherheit des Landes, als zu versuchen, die Migranten dazu zu zwingen, eine Russischprüfung abzulegen.

In den ehemaligen Sowjetrepubliken in Mittelasien selbst kommt es zu tektonischen Verschiebungen. Sie hören auf, vollständig weltlich oder „sowjetisch“ zu sein. Nach dem Zerfall der UdSSR hatte die Wirtschaftslage in diesen Staaten die Anstrengungen der Machthaber in Tadschikistan (nach dem blutigen Bürgerkrieg zu Beginn der 1990er Jahre), Kirgisien (nach einer Reihe von Umstürzen) und besonders Usbekistan, kein Anwachsen des islamischen Extremismus im Inneren zuzulassen, zu einem guten Teil zunichte gemacht.

Probleme in der Wirtschaft und bewaffnete ethnische Konflikte haben dazu geführt, dass ein bedeutender Teil der Bevölkerung von Tadschikistan, Usbekistan und Kirgisien zum Geldverdienen in andere Länder gegangen ist, vor allem nach Russland.

Tadschikistan stellte 2015 überhaupt einen nie dagewesenen Rekord auf: 51 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bestand aus Geldüberweisungen aus dem Ausland. Dabei ist ein Teil der Jugend (die mittelasiatischen Länder verfügen über eine sehr junge Bevölkerung, mehr als die Hälfte ihrer Bewohner sind jünger als 18 Jahre) vorhersagbar zur Zielscheibe für Anwerber von in Russland verbotenen radikalen islamischen Gruppierungen geworden – erst von al-Qaida, dann vom IS und der al-Nusra und vielen anderen, deren Namen dem russischen Leser nichts sagen.

In Russland leben die des Russischen nicht mächtigen Einwanderer aus Tadschikistan, Usbekistan und Kirgisien in der Regel kompakt und integrieren sich nicht in die russische Gesellschaft. Da sie sich im Grunde in ökonomischen und sozialen Ghettos befinden, sind die Menschen aus Zentralasien meist enger mit der Heimat und zuweilen auch mit den Herden des radikalen Islams im Nahen Osten oder in der Türkei verbunden, als mit dem Leben in Russland.

Die gleich nach dem Terroranschlag in Petersburg aufgetauchte Idee, Terroristen und ihren Helfershelfern die Staatsbürgerschaft zu entziehen, würde der Sache kaum helfen. Erstens: Wenn es um Selbstmordattentäter geht, ist es ihnen aus bekanntem Grund völlig egal, welche Staatsangehörigkeit sie haben. Zweitens wäre es für Leute aus Mittelasien nichts Neues, in der Illegalität zu leben. Umgekehrt hilft die Tatsache, dass sie einen russischen Pass besitzen, dem Staat dabei, wenigstens eine minimale Kontrolle über sie auszuüben.

Hier braucht es keine radikalen Maßnahmen wie das Verbot der Einwanderung nach Russland aus den mittelasiatischen Ländern oder Visa-Einschränkungen, sondern eine systematische Herangehensweise an die Arbeit mit Migranten und neuen Staatsbürgern – eben vollwertige Integration in die russische Gesellschaft.

Außerdem ist es notwendig, die Region Mittelasien und die dort vor sich gehenden Veränderungen aufmerksam zu verfolgen. Dabei geht es nicht nur um den Wettlauf mit den USA und China um Einflusssphären und Rohstoffe. Russland braucht in dieser Region eine „kulturelle Aufklärung“, eine professionelle Arbeit vor Ort.

Unser Land, das immer als multinationaler und multikonfessioneller Staat existierte, wird mit einer für es neuen Realität konfrontiert. Ein Teil seiner Bewohner findet sich – aufgrund der ökonomischen Lage und, wie man heute gern sagt, des kulturellen Codes – in einer Zone des erhöhten Risikos bezüglich des Einflusses der terroristischen Internationale wieder, die keine Grenzen kennt.

Apropos ist das ein weiteres Argument dafür, dass man gegen den Terrorismus nur mit den vereinten Anstrengungen aller Staaten kämpfen kann und muss – unabhängig von den politischen Meinungsverschiedenheiten. Es ist wichtig zu begreifen, dass Paris, Moskau, London, Petersburg und Brüssel für die Terroristen allgemeines Territorium der ihnen so verhassten Zivilisation sind. Für sie ist Russland genau so der „Westen“ wie Europa oder Amerika.