Afghanistan – was Russland für die Zukunft erwartet

[von Dr. Christian Wipperfürth] Die Zeitung „Kommersant“ (verkaufte Auflage 115.000) gehört zu den Qualitätsblättern in Russland. Kommersant verfügt über gute Kontakte und bekam eine geheime Studie über die Zukunft Afghanistans nach dem Abzug der westlichen Truppen zugespielt, die für die Führung des Landes verfasst worden war. Zu den Autoren der Analyse gehörten u. a. führende Mitarbeiter des russischen Außen- und Verteidigungsministeriums.

Die Stellung der Taliban wird nach Ansicht der russischen Experten zunehmend stärker. Die Geheimverhandlungen der afghanischen Regierung und der USA mit dem bewaffneten Widerstand hätten bislang zu keinem nennenswerten Ergebnis geführt.

Es gebe drei Szenarien für die Zeit nach 2014: Die Islamisten könnten die Macht ergreifen, es gebe einen längeren Bürgerkrieg oder die afghanische Führung und die Taliban könnten sich auf eine Aufteilung von Einflusssphären einigen. Am wahrscheinlichsten sei die Realisierung des letztgenannten Szenariums.

Die Autoren sehen mit einer Zuspitzung der Situation in Afghanistan auf Russland erhebliche Risiken zukommen. Es bestehe die erhebliche Gefahr, dass bewaffnete Extremisten Zentralasien infiltrieren könnten.

Zudem werde der Drogenhandel zunehmen. Nach offiziellen Angaben fallen dem Missbrauch mit aus Afghanistan kommenden Drogen bereits derzeit jährlich bis zu 30.000 Bürger Russlands zum Opfer.

Der Kreml ist dabei, sein Engagement zu verstärken, und Staaten Zentralasiens wenden sich in Sicherheitsfragen wieder verstärkt Russland zu. Russland und Tadschikistan haben beispielsweise die Verlängerung der Präsenz russischer Truppen bis zum Jahre 2042 vereinbart. Die Autoren der Analyse warnen jedoch, dass die Anstrengungen nicht hinreichend sein könnten: „Einheiten der regulären Streitkräfte werden es mit irregulären Kämpfern zu tun bekommen, die ein direktes Gefecht vermeiden werden und subversiv-terroristische Methoden anwenden werden.“ „Weder die UdSSR (in Afghanistan), noch die Russische Föderation (im Nordkaukasus), noch die Vereinigten Staaten (im Irak und in Afghanistan) waren in der Lage, in diesen Kriegen entscheidende Erfolge zu erzielen.“ 

Russland solle sich darum um eine Zusammenarbeit mit anderen Ländern bemühen. Chinas wirtschaftliche Expansion in Zentralasien wecke zwar Unbehagen, Peking sei jedoch ebenso wenig wie Moskau an der Stärkung radikalislamischer Tendenzen interessiert. Beide arbeiten mit Staaten Zentralasiens in der „Shanghai-Organisation“ auch in Sicherheitsfragen zusammen.

Die USA hätten kein Interesse an einem instabilen Afghanistan, fahren die Autoren des Berichts fort, denn dies könne auch die Atommacht Pakistan destabilisieren. Allerdings kann von einer Kooperation Russlands und des Westens hinsichtlich Zentralasiens bislang kaum die Rede sein, abgesehen vom Transit nach bzw. von Afghanistan.

Aber vielleicht stehen Änderungen an? Vor Kurzem hat Qari Nasrullah, ein wichtiger Vertreter der Taliban, der englischen Zeitung „Mirror“ ein Interview gegeben. (http://www.mirror.co.uk/news/world-news/qari-nasrullah-taliban-interview-remarkable-2336834) Darin kündigte er nach dem Abzug der westlichen Truppen eine Rückkehr der Islamisten zur Macht an.

MohammedOmarMohammed Omar werde das Land wieder führen. Er war bereits von 1996 bis 2001 faktisch Staatschef Afghanistans. Seitdem hält er sich versteckt, vermutlich in Pakistan mit Unterstützung des dortigen Geheimdienstes.

 

 

Über den Autor

Dr. Christian Wipperfürth
Arbeitet als Freier Publizist, Er hat zuvor für das Europäische Parlament bzw. den Deutschen Bundestag gearbeitet und Internationale Beziehungen an der Universität in St. Petersburg gelehrt.