Lawrow erklärt Russland zum Opfer der Welt

Russlands Außenminister Sergej Lawrow zeichnet in einem Interview ein Land, das friedlich und zufrieden gewesen sei, bis der Westen es mit der Ukraine, Terroranschlägen und politischen Provokationen überzogen habe. Aus dem russischen Angriffskrieg wird so ein Abwehrkampf – und aus Diplomatie eine Aufforderung zu „gesunder Wut“.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow sieht sein Land von nahezu der gesamten westlichen Welt angegriffen. In einem ausführlichen Interview mit der Nachrichtenagentur TASS erklärte er, die „Angelsachsen“ und ihre Verbündeten führten über die Ukraine Krieg gegen Russland. Im eigenen Land versuche der Westen zugleich, die Bevölkerung gegen die politische Führung aufzubringen.

Lawrow beschrieb die russische Gesellschaft vor Beginn der sogenannten militärischen Spezialoperation als „ruhig“, „komfortabel“ und im Großen und Ganzen mit ihrem Lebensstandard zufrieden. Gerade dieser Zustand habe den Westen gestört. Dieser habe das russische Volk aufwiegeln und durch gezielte Provokationen gegen die Regierung in Stellung bringen wollen.

Einen Beleg für diese weitreichende Behauptung nannte der Minister nicht. Sie fügt sich jedoch in ein inzwischen geschlossenes Erklärungsmodell des Kremls: Innere Unzufriedenheit, Opposition und gesellschaftliche Konflikte erscheinen darin nicht als mögliche Folgen russischer Verhältnisse, sondern als von außen erzeugte Angriffe.

Bemerkenswert ist dabei der Anlass des Interviews. Lawrow äußerte sich nicht allein in seiner Funktion als Außenminister, sondern zugleich als Spitzenkandidat der Regierungspartei „Einiges Russland“ für die bevorstehende Dumawahl. Seine außenpolitischen Ausführungen besitzen damit eine deutlich innenpolitische Funktion: Die Wahl wird in den größeren Zusammenhang eines angeblichen Existenzkampfes des Landes gestellt.

Aus dem Angreifer wird der Angegriffene

Nach Lawrows Darstellung habe Wladimir Putin zu Beginn seiner Präsidentschaft eine gleichberechtigte strategische Partnerschaft mit dem Westen angestrebt. Russland sei jedoch immer wieder getäuscht worden. Westliche Staaten versprächen das eine und täten anschließend das Gegenteil. Eine Rückkehr zu den Beziehungen, wie sie vor Februar 2022 bestanden, sei daher ausgeschlossen.

Die Chronologie der Ereignisse wird in dieser Erzählung auf den Kopf gestellt. Der russische Einmarsch in die Ukraine erscheint nicht als Ausgangspunkt der gegenwärtigen Konfrontation, sondern als Reaktion auf einen lange zuvor begonnenen westlichen Krieg gegen Russland. Die Ukraine kommt dabei kaum als selbstständiger Staat mit eigenen Interessen vor. Sie ist in Lawrows Darstellung hauptsächlich Werkzeug der „Angelsachsen“.

Auch die westlichen Bedingungen für eine Beendigung des Krieges bezeichnete der Außenminister als „Ultimatum“. Nach seinen Worten solle Russland die Kampfhandlungen an der gegenwärtigen Frontlinie einstellen, ohne dass die besetzten und von Moskau annektierten ukrainischen Gebiete international anerkannt würden. Gleichzeitig bliebe in Kiew ein von Lawrow erneut als „nazistisch“ bezeichneter Staat bestehen.

Russland habe sich diesem Ansinnen aus „Stolz“ nicht unterworfen. Damit verwandelt Lawrow die Ablehnung eines Waffenstillstands in eine Frage nationaler Würde. Dass Russland selbst mit territorialen Forderungen und der verlangten politischen Neuordnung der Ukraine Bedingungen stellt, die weit über die gegenwärtige Frontlinie hinausreichen, bleibt unerwähnt.

Der Westen als geschlossene Welt

Lawrow behauptete weiter, gegen Russland habe sich „die gesamte Welt erhoben, die sich selbst zivilisiert nennt“. Schon im nächsten Schritt wird sichtbar, dass er damit nicht tatsächlich die Welt meint, sondern den Westen. Russland unterhält weiterhin enge Beziehungen zu China, Indien, Iran, Nordkorea und zahlreichen Staaten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Die Rede von der gesamten Welt ist deshalb keine geografische Beschreibung, sondern ein emotionales Bild: Russland soll zugleich isoliert, bedrängt und aufgrund seines Widerstandes historisch bedeutend erscheinen.

Ukrainische Angriffe auf Ziele in Russland bezeichnete Lawrow als „Terrorismus“, den der Westen als vermeintlichen Wendepunkt des Krieges vermarkte. Auch hier bleibt die russische Kriegführung ausgeblendet. Russische Raketen- und Drohnenangriffe auf ukrainische Städte gehören in Lawrows Darstellung nicht zu derselben moralischen Gleichung.

Das Ziel des Westens sei letztlich der Zerfall Russlands. Gleichzeitig sagte der Minister voraus, Europa werde eines Tages „zur Besinnung kommen“ und wieder zu gleichberechtigten Beziehungen bereit sein. Gegenwärtig seien dazu allerdings weder die europäischen Staaten noch die USA in der Lage.

„Gesunde Wut“ als außenpolitisches Programm

Zum Schluss griff Lawrow den historischen Satz des zaristischen Außenministers Alexander Gortschakow auf: „Russland schmollt nicht, Russland sammelt sich.“ Lawrow wandelte ihn in eine zeitgemäßere und erheblich aggressivere Formel um. Russland solle nicht hysterisch werden oder seine Nerven verschwenden, benötige aber eine „gesunde Wut“ – für den technologischen Durchbruch ebenso wie „an der äußeren Front“.

Die Wortwahl ist aufschlussreich. Diplomatie soll nicht mehr in erster Linie Interessen ausgleichen oder Verständigung ermöglichen. Ihre Aufgabe besteht nach Lawrows Darstellung darin, dem grundsätzlich betrügerischen Gegner zu misstrauen, ihn zu überprüfen und unbeirrt die eigene Linie durchzusetzen.

So entsteht aus den einzelnen Aussagen ein vollständiges politisches Weltbild: Russland wollte Frieden, wurde aber getäuscht. Seine Gesellschaft war zufrieden, wurde jedoch von außen aufgewiegelt. Es begann keinen Krieg, sondern reagierte auf einen bereits laufenden Krieg. Der Westen fordert keinen Rückzug, sondern Unterwerfung. Und Verhandlungen verlangen nicht nach Kompromissbereitschaft, sondern nach „gesunder Wut“.

Das ist weniger eine Analyse der internationalen Lage als eine geschlossene Rechtfertigungserzählung. Sie hat den Vorteil, dass sie durch nahezu kein Ereignis widerlegt werden kann: Jeder Widerstand gegen Russland bestätigt darin nur, dass der Westen Russland bekämpft; jedes Verhandlungsangebot kann als Täuschungsmanöver und jede russische Eskalation als notwendige Selbstverteidigung ausgelegt werden. Das russische Außenministerium dokumentiert das TASS-Interview; die zentralen Aussagen wurden unter anderem von Interfax wiedergegeben.

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