Berlin hat den russischen Botschafter wegen mutmaßlicher Cyberangriffe auf Deutschland, andere EU-Staaten und die Ukraine einbestellt. Wenige Stunden später musste auch der deutsche Botschafter in Moskau im russischen Außenministerium erscheinen. Der diplomatische Schlagabtausch begleitet neue EU-Sanktionen gegen russische Geheimdienstmitarbeiter, Hacker und Unternehmen.
Deutschland und Russland haben am Montag nahezu zeitgleich die Botschafter des jeweils anderen Landes in ihre Außenministerien einbestellt. Ausgangspunkt war eine neue Erklärung der Europäischen Union, in der Russland für zahlreiche Cyberangriffe auf staatliche Einrichtungen und kritische Infrastruktur in Europa verantwortlich gemacht wird.
Zunächst wurde der russische Botschafter Sergej Netschajew ins Auswärtige Amt in Berlin bestellt. Das deutsche Außenministerium erklärte, Deutschland reagiere entschieden auf russische Cyberangriffe, unter anderem mit zusätzlichen Sanktionen. Dem Botschafter sei die deutsche Position erneut erläutert worden.
Wenig später teilte das russische Außenministerium mit, der deutsche Botschafter Alexander Graf Lambsdorff sei nach Moskau einbestellt worden. Einen offiziellen Grund nannte das Ministerium zunächst nicht. Der enge zeitliche Zusammenhang lässt jedoch erkennen, dass es sich um eine unmittelbare diplomatische Reaktion auf den Berliner Schritt handelte.
EU spricht von russischem „Cyberökosystem“
Den Anlass für den Schlagabtausch lieferte eine am 13. Juli veröffentlichte Erklärung der EU. Darin wirft Brüssel Russland vor, ein System aus staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren für Angriffe im Cyberraum einzusetzen. Zu diesem Netzwerk zählt die EU russische Geheimdienste ebenso wie kriminelle Hackergruppen, sogenannte Hacktivisten und private Unternehmen.
Konkret beschuldigt die EU das 16. Zentrum des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, verschiedene Hackergruppen zu kontrollieren, darunter die seit Jahren aktive Gruppe Turla. Dem FSB werden Angriffe auf Regierungsnetze, Cyberspionage und Sabotage an kritischer Infrastruktur zugerechnet. Betroffen seien unter anderem Deutschland, Frankreich, Polen, die Niederlande, Österreich, Finnland, Rumänien, die Slowakei und Zypern.
Für Deutschland nennt die EU Angriffe auf staatliche Einrichtungen, ohne in ihrer Erklärung nähere Einzelheiten zu veröffentlichen. In Polen sollen russische Akteure zuletzt versucht haben, Heizkraftwerke und andere Teile der kritischen Infrastruktur zu stören. Frankreich wirft dem 16. FSB-Zentrum langjährige Spionage gegen strategische Behörden sowie einen Angriff auf die Rüstungsindustrie im Jahr 2025 vor.
Russland hat vergleichbare Vorwürfe in der Vergangenheit regelmäßig als unbelegt zurückgewiesen. Eine ausführliche russische Stellungnahme zu den neuen Anschuldigungen lag zunächst nicht vor.
Neue Sanktionen gegen 13 Akteure
Parallel zu der Erklärung verhängte die EU Sanktionen gegen neun Personen und vier Organisationen. Betroffen sind nach Angaben des Rates unter anderem Offiziere des russischen Militärgeheimdienstes GRU, mutmaßliche Cyberkriminelle, Hackeraktivisten und private Firmen.
Die EU wirft ihnen vor, an Angriffen und anderen Maßnahmen zur Destabilisierung europäischer Staaten und internationaler Partner beteiligt zu sein. Die Sanktionen umfassen in der Regel das Einfrieren möglicher Vermögenswerte in der EU, Einreiseverbote für Personen und das Verbot, den Betroffenen finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen.
Die russischen Medien berichteten zudem über Sanktionen gegen den Internetkonzern VK und eine Tochtergesellschaft, die an der Entwicklung des staatlich geförderten russischen Messengerdienstes Max beteiligt ist. Brüssel begründet diesen Schritt mit mutmaßlichen Verbindungen zu russischen Sicherheitsbehörden sowie mit der Erfassung von Nutzerdaten.
Frankreich will ebenfalls Botschafter einbestellen
Deutschland blieb mit seinem diplomatischen Protest nicht allein. Auch Frankreich kündigte an, den russischen Botschafter Alexej Meschkow einzubestellen. Damit verbinden einzelne EU-Mitglieder die gemeinsam beschlossenen Sanktionen mit nationalen diplomatischen Demarchen.
Dass Moskau ausgerechnet den deutschen Botschafter unmittelbar nach dem Berliner Schritt einbestellte, verdeutlicht jedoch die besonders angespannte Lage zwischen Deutschland und Russland. Offizielle Gespräche finden nur noch eingeschränkt statt, während gegenseitige Vorwürfe wegen Spionage, Sabotage, Cyberangriffen, Waffenlieferungen an die Ukraine und der Behandlung von Diplomaten zunehmen.
Einbestellungen werden zum festen Ritual
Die jüngste gegenseitige Vorladung ist nicht der erste derartige Vorgang. Im Mai 2024 hatte das Auswärtige Amt den russischen Botschafter wegen eines Cyberangriffs auf die SPD aus dem Jahr 2023 einbestellt. Deutschland und seine Partner schrieben den Angriff damals der Gruppe APT28 zu, die nach westlicher Einschätzung dem russischen Militärgeheimdienst GRU nahesteht.
Moskau bestellte seinerseits im März 2024 den deutschen Botschafter ein, nachdem eine abgehörte Besprechung hochrangiger Bundeswehroffiziere veröffentlicht worden war. Darin hatten die Teilnehmer unter anderem über mögliche Einsatzszenarien deutscher Taurus-Marschflugkörper und die Krimbrücke gesprochen.
Neben solchen Vorladungen haben beide Staaten in den vergangenen Jahren Diplomaten ausgewiesen. Im April 2023 reagierte Russland auf die Ausweisung russischer Botschaftsmitarbeiter aus Deutschland mit einer spiegelbildlichen Maßnahme. Im Februar 2026 erklärte Moskau erneut einen deutschen Botschaftsmitarbeiter zur unerwünschten Person.
Die Einbestellung eines Botschafters gehört zwar zum normalen Instrumentarium der Diplomatie und bedeutet noch keinen Abbruch der Beziehungen. In den deutsch-russischen Beziehungen hat sie sich jedoch zunehmend zu einem Ritual entwickelt: Auf einen politischen oder sicherheitspolitischen Vorwurf folgt eine offizielle Vorladung, auf die Moskau meist mit einem vergleichbaren Schritt reagiert.
Der aktuelle Streit geht dabei über eine einzelne mutmaßliche Hackeroperation hinaus. Die EU beschreibt russische Cyberaktivitäten inzwischen als Teil einer umfassenden hybriden Strategie, bei der Geheimdienste, private Akteure und kriminelle Gruppen ineinandergreifen sollen. Russland wiederum sieht in solchen Anschuldigungen und den anschließenden Sanktionen eine politisch motivierte Konfrontationspolitik des Westens.
So blieben auch diesmal nach den beiden Botschafterterminen keine Anzeichen für eine Annäherung. Statt eines Gesprächskanals demonstrierten Berlin und Moskau vor allem, dass keine Seite die Vorwürfe der anderen unbeantwortet lassen will.

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