15 Jahre später: Lehren und Folgen des Anti-Gorbatschow-Putsches

[von Andrej Kolesnikow]Dem Verlauf der Geschichte ist nicht zu entrinnen, und wenn einzelne Menschen die ganze Machtvollkommenheit haben. Der Zerfall der UdSSR war unvermeidlich, aber auch ein Versagen der Putschisten.

Seit dem Versuch der höchsten Beamten der Sowjetführung, Michail Gorbatschow vom Posten des Präsidenten der UdSSR abzusetzen, sind lediglich 15 Jahre vergangen, eine mit historischen Maßen gemessen verschwindend geringe Zeit. Doch schon scheinen jene Ereignisse vom 19.- 21. August 1991 zu einer ganz anderen Epoche zu gehören. Immerhin liegen sie im vergangenen Jahrhundert. Inzwischen ist eine ganze Generation aufgewachsen und ins Leben getreten, die sich an die Umstände des Putsches nicht erinnern kann. Auch für die meisten Bürger Russlands sind seitdem diese drei spannungsvollen Tage, die die Sowjetunion erschütterten und ihren Zerfall besiegelten, kalte Geschichte aus Lehrbüchern, ebenso weit entrückt wie die Jahre der Herrschaft von Stalin, Chruschtschow und Breschnew.

Wenn man jedoch der bekannten Maxime von Deng Xiaoping folgt, der sagte, es sei noch verfrüht, das Fazit der Großen Französischen Revolution zu ziehen, können wir vorläufig nur die Zwischenergebnisse des Putsches beurteilen. Jawohl, die Sowjetunion zerfiel tatsächlich in den Tagen des Putsches, das heißt früher als an dem Kalenderdatum, als welches der Dezember 1991 gilt. Jawohl, unvermeidlich wurde, was unvermeidlich war: die Bewegung zum Markt über die „Schocktherapien“ verschiedenen Schweregrades, eine grundsätzlich neue geopolitische Konstellation, die die Vorstellungen von der Weltordnung umkippte, die postrevolutionären Wirren und das Chaos, die darauf folgende Periode der Stabilisierung. Aber die „Post-Putsch“-Bewegung Russlands dauert in Wirklichkeit immer noch fort, das Land verändert sich weiter, so dass es zu früh ist, das endgültige Fazit – wohin und zu was es gekommen ist – zu ziehen.

Seinen formellen Anzeichen nach, erinnerte der Putschversuch von 1991 stark an den gelungenen „samtenen“ Umsturz von Oktober 1964, als die sowjetischen Spitzen auf einem Plenum des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) Nikita Chruschtschow absetzten. Das Staatliche Komitee für Ausnahmezustand (GKTschP) versuchte, das Szenarium zu wiederholen. Auf jeden Fall beteiligten sich an der Verschwörung alle höchsten, auf den Schlüsselpositionen stehenden Staatsbeamten: der Vizepräsident, der Ministerpräsident, der Verteidigungs-, der Innenminister, der KGB-Vorsitzende, der Vorsitzende des Parlaments, der Leiter des Komplexes Rüstungsindustrie sowie die Nr. 2 in der Partei, der Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte, ferner ein Assistent des Präsidenten, der Chef der Bewachung des Präsidenten und noch andere. Doch das Szenarium a la Chruschtschow scheiterte, weil am wichtigsten nicht die äußere Ähnlichkeit ist, vielmehr sind es tiefliegende Unterschiede.

Erstens. 1964 ging die Sowjetunion nicht aus den Fugen, der Zustand ihrer Wirtschaft war bei weitem nicht glänzend, aber nicht so katastrophal wie im Sommer 1991. Zweitens. Die Leute, die Chruschtschow absetzten, konnten sich wenigstens auf eine Ähnlichkeit der Legitimität ihrer Handlungen berufen: Immerhin war es das Plenum des Zentralkomitees, das den Ersten Sekretär der Partei in die Wüste schickte. 1991 dagegen war überhaupt keine Rede von Legitimität. Was übrigens der Vorsitzende des Obersten Sowjets Anatoli Lukjanow, ein gewiefter Jurist, zugab; er unterstützte die Putschisten, aber „bedingt“. Am 26. August hätte das sowjetische Parlament zusammentreten und die Gesetzlichkeit der Handlungen des GKTschP bestätigen oder auch widerlegen sollen. Das Komitee aber war kein verfassungsmäßiges Organ. Der Putsch wurde im KGB und nach seinen Methoden vorbereitet, eine gewisse Rücksichtslosigkeit und – notwendigenfalls – Härte der Handlungen in Kauf genommen. Auf jeden Fall war der KGB-Vorsitzende Wladimir Krjutschkow, der die Verschwörer bereits am 5. August auf dem so genannten ABC-Objekt versammelte, anscheinend die Hauptfigur in der großen Gruppe. Doch die Situation entwickelte sich auf eine Weise, bei der sich die Putschisten auch selber nicht zu äußersten Handlungen entschlossen. In die Geschichte eingegangen sind die Worte von Verteidigungsminister Dmitri Jasow: „Dass mir keiner auf die Menschen schießt!“

Natürlich rechneten die Putschisten mit der Unterstützung nicht nur der konservativ gesinnten Anti-Gorbatschow-Elite, sondern auch mit einem positiven Echo im Volk. In dem „Aufruf an das Sowjetvolk“ wurde vieles davon ausgesprochen, das hätte Balsam für die Seele jener sein sollen, die von der Perestroika und von Michail Gorbatschow müde waren: „An die Stelle des ursprünglichen Enthusiasmus und der Hoffnungen sind Unglaube, Apathie und Verzweiflung getreten. Die Macht aller Ebenen hat das Vertrauen der Bevölkerung verloren… Das Land ist im Grunde unlenkbar geworden… Die Inflation der Macht zerstört, schlimmer als jede andere, unseren Staat, unsere Gesellschaft… Starkes Absinken des Lebensstandards… Das Wuchern des Schieberunwesens und der Schattenwirtschaft… Wenn zwecks Stabilisierung der Wirtschaft nicht dringend und entschlossen durchgegriffen wird, sind in nächster Zeit Hunger und eine erneute Verelendungsspirale unvermeidlich… Nur verantwortungslose Menschen können auf irgendeine Hilfe aus dem Ausland hoffen.“

All das Gesagte stimmte. Über all das schrieben die höchsten Beamten einander in den letzten drei Jahren Berichte, seit der Zeit, da die Wirtschaft und das Finanzsystem auseinanderzufallen begannen, das Land immer tiefer in Schulden versank, die unterdrückte Inflation offene Formen annahm und das Haushaltsdefizit allmählich ins Unermessliche stieg. Doch gerade diese Menschen entschlossen sich nicht zu Reformen, weil sie um ihre hohen Posten Angst hatten. Und gerade von ihnen wollte das Volk keine Reden und Aufrufe mehr hören, nichts, weder Wahrheit noch Unwahrheit. Die Worte waren inzwischen belanglos, weil die Mehrheit der Bevölkerung eine viel zu starke Abneigung gegen jene hatte, die den Aufruf unterzeichneten und die denkwürdige Pressekonferenz einberiefen. Die Verschwörer vertraten die Sowjetmacht in ihren schlimmsten Äußerungsformen, das Volk aber wollte diese Macht nicht mehr.

In Wirklichkeit erschraken sie – die Putschisten – selber vor der Verantwortung. Sie hatten die Macht an sich gerissen. Aber was konnten sie mit dieser Macht anfangen? Bei dem leeren Fiskus, der zunehmenden Unzufriedenheit des Volkes, dem Schwinden der Hoffnungen auf den Erfolg beliebiger Reformen? Dmitri Jasow entschloss sich nicht zu dem Befehl, auf das Volk zu schießen. Ministerpräsident Valentin Pawlow hatte Alkohol getrunken, bis er sich schließlich eine hypertonische Krise antrank… Michail Gorbatschows nächster Assistent Valeri Boldin, der sich den Putschisten anschloss, wurde von einer „diplomatischen“ Krankheit überwältigt und rettete sich in ein Krankenhaus… Praktisch jeder von ihnen suchte sich ein Alibi.

Michail Gorbatschow war der Ansicht, dass die Putschisten die für den 20. August angesetzte Unterzeichnung des Vertrages „Über die Union souveräner Staaten“ vereitelten und so den Zerfall der UdSSR provozierten. Das ist wahr und unwahr zugleich. Wahr deshalb, weil die Sowjetunion in dem Moment verschwand, als die Verschwörer ihre Absicht bekannt gaben und das Volk durch die Straßen zog. Unwahr deshalb, weil kein neuer Unionsvertrag mehr die UdSSR vor dem Zerfall und Russlands Wirtschaft vor der Katastrophe gerettet hätte. Das Dokument „Über die Union souveräner Staaten“ war nur eine Form für eine relativ zivilisierte Scheidung unter Wahrung guter Miene zu bösem Spiel.

Die Geschichte wird von Menschen gemacht. Doch ist ihrem unerbittlichen Verlauf nicht zu entrinnen. Selbst wenn man der Präsident einer Großmacht oder der allmächtige Chef der Spezialdienste ist. Das ist die Hauptlehre des Putsches, die bis jetzt nicht beherzigt worden ist. 2003 fragte die Stiftung „Gesellschaftliche Meinung“ ihre Probanden, ob es sich unter den Putschisten besser oder schlechter hätte leben lassen. Siebzehn Prozent antworteten mit „Besser“, 26 Prozent mit „Schlechter“. Vor allem aber! 56 Prozent der Befragten waren bei der Beantwortung unschlüssig.

Die Lehren der Geschichte lehren nichts – und das ist eine weitere traurige Lehre des gescheiterten Umsturzes, der berufen war, die Sowjetunion zu retten, aber ihren Zerfall nur noch beschleunigte.