Der russische Historiker Andrej Zubow hält das politische System Wladimir Putins für erschöpft. Nicht eine Verschwörung im Kreml, sondern Befehlsverweigerungen in der Armee und der Widerstand gegen eine neue Mobilisierung könnten seiner Ansicht nach den Zusammenbruch des Regimes auslösen. Aktuelle Umfragen zeigen jedoch: Von einer vorrevolutionären Stimmung ist Russland noch weit entfernt. Zubows Überlegungen berühren dennoch einen neuralgischen Punkt der russischen Politik.
In einem Interview mit Republic beschreibt Zubow das Putin-System als eine Herrschaft, die ihr eigenes Überleben untrennbar mit dem Ausgang des Krieges gegen die Ukraine verbunden habe. Ein Sieg, der den Krieg nachträglich rechtfertigen könnte, sei nicht in Sicht. Ein Ende ohne Sieg wiederum würde nach seiner Auffassung die zentrale Legitimation des Regimes zerstören.
„Putin ist der Krieg“, fasst Zubow seine Diagnose zusammen. Solange Putin an der Macht bleibe, könne er den Krieg nicht wirklich beenden. Und solange der Krieg weitergehe, verschärften sich die wirtschaftlichen, sozialen und personellen Belastungen für Russland.
Nicht der Kreml, sondern die Kasernen
Einen Umsturz innerhalb der politischen Führung hält der Historiker für nahezu ausgeschlossen. Die russischen Geheimdienste und Sicherheitsapparate seien auf gegenseitige Kontrolle, Überwachung und die frühzeitige Entdeckung von Verschwörungen ausgerichtet. Die Wahrscheinlichkeit eines Palastputsches beziffert Zubow – ohne nähere Begründung – auf lediglich fünf Prozent.
Die eigentliche Gefahr für das Regime sieht er außerhalb des Kremls: bei Soldaten, Kriegsheimkehrern und den Familien, denen eine neue Mobilisierung drohen könnte.
Zubows Szenario folgt einer klaren Kettenreaktion. Der lange Krieg erschöpft Wirtschaft und Gesellschaft. Die bislang überwiegend mit hohen Prämien betriebene Anwerbung neuer Vertragssoldaten reicht irgendwann nicht mehr aus. Der Staat greift erneut zur Mobilisierung. Dagegen formiert sich lokaler Widerstand. Soldaten verweigern den Einsatz, Angehörige widersetzen sich den Einberufungsstellen – und die Sicherheitskräfte verlieren entweder die Kontrolle oder weigern sich, mit voller Härte gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen.
Als historische Vorbilder nennt Zubow die Revolutionen von 1905 und 1917. Beide seien während eines Krieges aus einer Verbindung von wirtschaftlicher Überlastung, gesellschaftlichem Protest und militärischer Auflösung entstanden. Entscheidend sei damals nicht eine Verschwörung am Zarenhof gewesen, sondern die zunehmende Weigerung von Soldaten, für das bestehende System zu kämpfen.
Russland befinde sich deshalb nur noch „einen oder zwei Schritte“ von massenhafter Unzufriedenheit entfernt, meint Zubow. Eine neue Mobilisierung könne den entscheidenden Schritt auslösen.
Das Protestpotenzial wächst – von niedrigem Niveau
Die aktuellen Umfragen stützen diese Gewissheit allerdings nicht.
Nach einer im April durchgeführten Erhebung des unabhängigen Levada-Zentrums hielten nur 14 Prozent der Befragten politische Massenproteste an ihrem Wohnort für möglich. Zwölf Prozent erklärten, sie würden sich selbst an solchen Protesten beteiligen.
Bei Demonstrationen gegen sinkenden Lebensstandard, Preissteigerungen oder soziale Verschlechterungen lagen die Werte etwas höher: 20 Prozent hielten solche Proteste für möglich, 16 Prozent wären nach eigenen Angaben zur Teilnahme bereit.
Das Levada-Zentrum spricht ausdrücklich von einem weiterhin niedrigen Protestpotenzial, das allerdings seit etwa eineinhalb Jahren langsam wächst. Überdurchschnittlich protestbereit sind Männer, Menschen mit geringem Einkommen sowie Bewohner von Dörfern und kleineren Städten. Damit steigt die Unzufriedenheit ausgerechnet in Bevölkerungsgruppen, aus denen die Armee einen erheblichen Teil ihrer Soldaten rekrutiert.
Zwölf Prozent sind nicht nichts. Bei einer erwachsenen Bevölkerung von weit über 100 Millionen Menschen steht hinter einem solchen Wert theoretisch ein beträchtliches gesellschaftliches Potenzial. Zwischen der in einer Umfrage geäußerten Bereitschaft und der tatsächlichen Teilnahme an einer verbotenen Demonstration liegt unter den Bedingungen des russischen Repressionsapparates jedoch eine sehr große Distanz.
Auch andere Daten sprechen gegen eine unmittelbar bevorstehende Revolution. Im August billigten nach Angaben Lewadas noch 76 Prozent der Befragten Putins Tätigkeit als Präsident. Mehr als die Hälfte sah Russland weiterhin auf dem richtigen Weg.
Solche Zahlen bilden in einem autoritären Staat die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht unverfälscht ab. Angst, Anpassung und die Formulierung der Fragen beeinflussen die Antworten. Vollständig ignorieren lassen sich die Ergebnisse dennoch nicht. Eine Bevölkerung, die nur aus Furcht Loyalität vortäuscht, kann ein Regime gefährden. Eine Gesellschaft, in der beträchtliche Teile die Politik tatsächlich unterstützen oder sich zumindest mit ihr arrangiert haben, ist etwas anderes.
Für Frieden – und zugleich für die Armee
Besonders deutlich wird die widersprüchliche Stimmung beim Krieg gegen die Ukraine.
In der am 1. September veröffentlichten August-Erhebung des Levada-Zentrums sprachen sich 59 Prozent für den Übergang zu Friedensverhandlungen aus. Nur 31 Prozent wollten die militärischen Auseinandersetzungen fortsetzen.
Gleichzeitig erklärten aber 68 Prozent, sie unterstützten das Vorgehen der russischen Streitkräfte in der Ukraine. Lediglich 21 Prozent äußerten sich ablehnend. Zudem ist der Anteil der Befürworter von Verhandlungen seit Februar um acht Prozentpunkte gesunken, während die Unterstützung für eine Fortsetzung des Krieges zuletzt wieder zunahm.
Friedenswunsch und Loyalität gegenüber der Armee schließen sich für viele Russen offenbar nicht aus. Man kann ein Ende der Kämpfe wünschen, ohne die Verantwortung dafür Putin zuzuschreiben oder sich gegen das politische System zu stellen. Der Wunsch nach Verhandlungen ist deshalb noch kein verkappter Aufruf zum Regimewechsel.
Allerdings gaben inzwischen 61 Prozent an, dass der Krieg ihr eigenes Leben oder das ihrer Familie berührt habe. Genannt wurden Preissteigerungen, materielle Schwierigkeiten, emotionale Belastungen und der Tod von Angehörigen oder Bekannten. Unter den besonders stark Betroffenen ist die Zustimmung zum Krieg deutlich geringer. Der Krieg verliert damit zunehmend seinen Charakter als fernes, ausschließlich über den Bildschirm vermitteltes Ereignis.
Verweigerung ist noch keine Meuterei
Auch Zubows Hinweis auf eine wachsende Verweigerung innerhalb der Armee besitzt einen realen Kern.
Nach Recherchen von Mediazona waren bis Ende Mai 2025 mehr als 20.000 Strafverfahren wegen unerlaubten Entfernens von der Truppe, Befehlsverweigerung oder Desertion vor russische Militärgerichte gelangt. In fast 18.000 Fällen waren bereits Urteile ergangen.
Diese Zahlen zeigen, dass die Flucht aus dem Militärdienst kein Randphänomen ist. Sie belegen aber noch keine organisierte Auflösung der Armee. Die meisten Betroffenen versuchen individuell, dem Krieg zu entkommen. Zwischen Tausenden voneinander unabhängigen Fluchten und einer kollektiven Befehlsverweigerung ganzer Einheiten besteht ein entscheidender Unterschied.
Bislang gelingt es dem Staat außerdem, seine Verluste durch immer höhere Zahlungen zumindest teilweise auszugleichen. Nach einer Analyse von Carnegie Politika warb Russland zuletzt monatlich schätzungsweise 30.000 bis 40.000 Vertragssoldaten an. Die Rekrutierung wird teurer, und die Qualität der Bewerber sinkt. Zusammengebrochen ist das System jedoch nicht.
Gerade deshalb wäre eine neue allgemeine Mobilisierung ein Wendepunkt. Die bisherige Methode konzentriert die Risiken des Krieges auf Menschen, die durch hohe Prämien, Schulden, Arbeitslosigkeit oder soziale Aussichtslosigkeit erreichbar sind. Eine Mobilisierung würde den Krieg erneut in Familien tragen, die sich ihm bisher entziehen konnten.
Zubows stärkstes Argument lautet daher nicht, dass die russische Gesellschaft bereits zum Aufstand bereit sei. Es lautet, dass eine erneute Mobilisierung die soziale Zusammensetzung des Krieges verändern und bislang passive Bevölkerungsschichten unmittelbar gegen den Staat aufbringen könnte.
Wie weit trägt der Vergleich mit 1917?
Die historische Analogie ist dennoch mit Vorsicht zu behandeln.
Russland erlebte 1905 nicht nur eine militärische Niederlage gegen Japan, sondern Arbeiterstreiks, Bauernunruhen, Meutereien und einen landesweiten Eisenbahnerstreik. Erst diese Verbindung zwang den Zaren zu politischen Zugeständnissen.
Auch im Februar 1917 kamen mehrere Entwicklungen zusammen: die Erschöpfung durch den Weltkrieg, Versorgungsstörungen, Inflation, Streiks, Brotproteste in Petrograd, die Entfremdung politischer und wirtschaftlicher Eliten vom Zaren – und schließlich die Meuterei der Hauptstadtgarnison. Die Soldaten verwandelten den Aufruhr in eine Revolution, aber sie erzeugten ihn nicht allein.
Zubow neigt dazu, die Brotknappheit als Auslöser herunterzuspielen und die militärische Verweigerung nahezu zur alleinigen Ursache des Zusammenbruchs zu erklären. Damit verengt er die historische Erfahrung auf genau jenen Mechanismus, den er für die Gegenwart erwartet.
Im heutigen Russland fehlen bislang mehrere Voraussetzungen von 1917. Es gibt keine landesweite Streikbewegung, keine offen handlungsfähige politische Opposition, keine sichtbare Spaltung der Führung und keine Anzeichen dafür, dass größere Teile der Sicherheitskräfte bereit wären, die Seiten zu wechseln. Digitale Überwachung und präventive Repression erschweren zudem die Bildung stabiler Proteststrukturen.
Auch die Rolle der Kriegsveteranen ist weniger eindeutig, als Zubow nahelegt. Enttäuschte und bewaffnete Heimkehrer können ein politisches System destabilisieren. Daraus folgt aber nicht automatisch eine demokratische Bewegung. Dieselben Gruppen könnten sich nationalistischen, revanchistischen oder gewaltbereiten Kräften anschließen. Ein Zusammenbruch des Putin-Systems wäre noch keine Garantie für ein freiheitlicheres Russland.
Stabilität bis zu dem Tag, an dem sie endet
Zubows Prognose ist daher mehr historische Warnung als belastbare Vorhersage. Seine zeitliche Erwartung bleibt bewusst unbestimmt: Der Umbruch könne jederzeit beginnen, vielleicht aber auch nicht morgen und nicht übermorgen.
Gerade darin liegt allerdings ein zutreffender Gedanke. Autoritäre Systeme können äußerlich stabil erscheinen, obwohl sich ihre inneren Belastungen vermehren. Umfragen messen Einstellungen unter normalen Bedingungen. Sie können kaum erfassen, wie Menschen reagieren, wenn ein konkretes Ereignis ihre bisherige Anpassung unmöglich macht.
Noch sind in Russland die Voraussetzungen für Massenproteste nicht vollständig gegeben. Das Protestpotenzial steigt nur langsam, die Armee funktioniert trotz hoher Verluste, und der Präsident verfügt weiterhin über beträchtliche Zustimmung. Der Staat kann Unzufriedenheit isolieren, Proteste verhindern und die Kosten des Krieges sozial ungleich verteilen.
Eine neue Mobilisierung könnte jedoch mehrere bislang getrennte Probleme miteinander verbinden: Kriegsmüdigkeit, wirtschaftliche Verschlechterung, Angst um Angehörige, Misstrauen gegenüber den Behörden und Verweigerung in der Armee. Ob daraus Protest, Flucht, stille Sabotage oder tatsächlich eine revolutionäre Bewegung entstünde, lässt sich nicht vorhersagen.
Zubow beschreibt also weniger ein bereits herangereiftes neues Jahr 1917 als dessen denkbaren Zündmechanismus. Zwölf Prozent sind noch keine Revolution. Aber auch die Februarrevolution begann nicht mit einer Umfrage, in der sich eine Mehrheit zum Sturz des Zaren bekannte.

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