Josef Stalin gehört zur Geschichte Russlands wie der Ukraine. Doch während er in der russischen Gesellschaft mehrheitlich mit Respekt, Sympathie oder sogar Bewunderung betrachtet wird, überwiegt in der Ukraine die Ablehnung. Neue, weitgehend vergleichbare Umfragen zeigen, wie weit sich die historischen Selbstbilder beider Länder voneinander entfernt haben.
In Russland äußerten sich im Juli 2026 insgesamt 59 Prozent der Befragten positiv über Stalin. Davon begegnen ihm 44 Prozent mit Respekt, sieben Prozent mit Sympathie und acht Prozent mit Bewunderung. Lediglich sieben Prozent äußerten eine eindeutig negative Haltung; knapp ein Viertel erklärte, Stalin sei ihm gleichgültig.
In der Ukraine ergibt sich fast das umgekehrte Bild. Dort äußerten sich im Juni nur drei Prozent positiv über Stalin, während 57 Prozent eine negative Haltung angaben. 27 Prozent reagierten gleichgültig. Besonders groß ist der Gegensatz bei der Frage, ob Stalin ein „großer Führer“ gewesen sei: In Russland stimmen dieser Aussage 56 Prozent ganz oder teilweise zu, in der Ukraine sieben Prozent. Widersprochen wird ihr in Russland von elf, in der Ukraine dagegen von 62 Prozent.
Der Unterschied lässt sich nicht allein mit verschiedenen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs oder mit nationalen Traditionen erklären. Beide Gesellschaften gingen nach dem Zerfall der Sowjetunion zunächst von ähnlich widersprüchlichen Stalin-Bildern aus. Erst in den folgenden Jahrzehnten bewegten sie sich zunehmend in entgegengesetzte Richtungen.
Fast gemeinsamer Ausgangspunkt
Anfang der 1990er-Jahre bezeichnete in beiden Ländern etwa ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung Stalin als „großen Führer“. Noch 2016 betrug der Abstand zwischen Russland und der Ukraine bei dieser Frage lediglich fünf Prozentpunkte.
Danach öffnete sich die Schere rasch. 2021 lag der Unterschied bereits bei 40 Prozentpunkten, 2023 bei 45 Punkten und 2026 bei 49 Punkten. In Russland blieb die Zustimmung in den vergangenen fünf Jahren weitgehend stabil: 56 Prozent im Jahr 2021, 54 Prozent 2023 und wieder 56 Prozent 2026. In der Ukraine fiel sie im selben Zeitraum von 16 auf sieben Prozent.
Auch die persönliche Haltung entwickelte sich gegensätzlich. 2012 waren die Ausgangswerte noch vergleichbar: In Russland äußerten sich 28 Prozent positiv über Stalin, in der Ukraine 23 Prozent. In Russland stieg der Anteil danach bis auf rund 60 Prozent. In der Ukraine sank er auf drei Prozent.
Deshalb wäre es ungenau, aus den neuesten Zahlen einen plötzlich ausgebrochenen Stalin-Boom in Russland abzuleiten. Der große Umschwung vollzog sich bereits während der 2010er-Jahre. Inzwischen hat sich das positive Stalin-Bild auf hohem Niveau verfestigt.
Respekt ist nicht dasselbe wie Bewunderung
Die Zahl von 59 Prozent positiver Einstellungen verlangt allerdings eine genauere Betrachtung. Sie bedeutet nicht, dass eine Mehrheit der Russen die stalinistischen Repressionen ausdrücklich gutheißt oder sich eine Rückkehr zum Stalinismus wünscht.
Den größten Anteil bildet mit 44 Prozent die Antwort „Respekt“. Nur acht Prozent sprechen von Bewunderung, sieben Prozent von Sympathie. In der Kategorie „positiv“ werden damit unterschiedlich starke und möglicherweise unterschiedlich begründete Haltungen zusammengefasst.
Respekt kann sich auf den Sieg über das nationalsozialistische Deutschland, die Industrialisierung der Sowjetunion oder den Aufstieg zur Weltmacht beziehen. Er kann zugleich Ausdruck eines Geschichtsbildes sein, in dem staatliche Stärke und geopolitischer Erfolg schwerer wiegen als Terror, Zwangskollektivierung, Deportationen und millionenfaches Leid.
Gerade darin liegt die gesellschaftliche Bedeutung der Zahlen. Stalin erscheint vielen Befragten offenbar weniger als konkrete historische Person denn als Chiffre: für Ordnung, Zentralisierung, Mobilisierung und einen Staat, der seine Ziele ohne Rücksicht auf individuelle Opfer durchsetzt.
Die Lewada-Daten zeigen auch, in welchen Gruppen dieses Bild besonders verbreitet ist. Von den über 55-Jährigen äußern 55 Prozent Respekt vor Stalin. Unter Dorfbewohnern sind es 49 Prozent, unter denjenigen, die ihre Nachrichten aus dem Fernsehen beziehen, ebenfalls 49 Prozent. Wer den politischen Kurs des Landes für richtig hält oder Präsident Wladimir Putin unterstützt, bewertet Stalin überdurchschnittlich häufig positiv.
Jüngere Befragte sind nicht unbedingt entschiedener gegen Stalin. Unter den unter 40-Jährigen fällt vielmehr die Gleichgültigkeit mit 33 Prozent besonders hoch aus. Das kann auf größere Distanz zur Sowjetgeschichte hindeuten, aber auch auf eine schwächere Auseinandersetzung mit ihr.
Der Krieg beschleunigt die ukrainische Abkehr
In der Ukraine hatte sich das Stalin-Bild bereits vor dem russischen Großangriff deutlich verschlechtert. Der Anteil derjenigen, die ihn für einen „großen Führer“ hielten, sank von 39 Prozent im Jahr 2002 auf 26 Prozent 2019 und 16 Prozent 2021.
Nach Februar 2022 beschleunigte sich diese Entwicklung. Der Anteil positiver Einstellungen fiel von 18 Prozent vor dem Großangriff auf fünf Prozent im Jahr 2022 und schließlich drei Prozent 2026. Stalin wird zunehmend nicht nur mit sowjetischer Herrschaft und Repressionen verbunden, sondern auch mit dem imperialen Geschichtsverständnis, auf das sich die heutige russische Politik beruft.
Das Kiewer Internationale Institut für Soziologie wertet die Haltung zu Stalin daher als Indikator für die gesellschaftliche Dekommunisierung. Dennoch zeigt auch die ukrainische Umfrage kein vollständig geschlossenes Bild. Zwar ging die ausdrückliche Zustimmung zur Bezeichnung „großer Führer“ seit 2023 von neun auf sieben Prozent zurück. Gleichzeitig sank aber auch der Anteil der entschiedenen und moderaten Gegenstimmen von 72 auf 62 Prozent. Der Anteil unklarer oder ambivalenter Antworten stieg von 19 auf 31 Prozent.
Die ukrainische Gesellschaft wird also nicht stalinfreundlicher. Ihre Ablehnung fällt jedoch weniger eindeutig aus als unmittelbar nach Beginn des russischen Großangriffs. Eine mögliche Erklärung ist, dass die historische Frage angesichts eines jahrelangen Krieges für mehr Menschen an Dringlichkeit verliert. Aus den Daten allein lässt sich der Grund jedoch nicht bestimmen.
Stalin als gesellschaftlicher Trennmesser
Der Vergleich zeigt mehr als unterschiedliche Urteile über einen längst verstorbenen Diktator. Stalin ist zu einem Trennmesser für zwei politische und historische Selbstverständnisse geworden.
In Russland steht sein Name zunehmend innerhalb eines staatlichen Kontinuums: Revolution, Industrialisierung, Sieg im Zweiten Weltkrieg, Supermacht und heutiger Großmachtanspruch werden zu einer Erzählung verbunden. Die Verbrechen des Stalinismus verschwinden dabei nicht vollständig aus dem Bewusstsein, werden aber gegenüber vermeintlichen staatlichen Leistungen relativiert.
In der Ukraine verlief die Entwicklung umgekehrt. Dort wird die sowjetische Vergangenheit immer stärker als Geschichte von Fremdherrschaft, Repression, Hungersnot und unterdrückter Eigenstaatlichkeit interpretiert. Der Krieg seit 2014 und insbesondere der russische Großangriff von 2022 haben diese Lesart verstärkt.
Aus den Umfragen folgt nicht automatisch, dass positive Einstellungen zu Stalin eine Unterstützung des heutigen Krieges oder künftiger staatlicher Gewalt verursachen. Sie zeigen aber ein kulturelles Umfeld, in dem autoritäre Herrschaft, Zwang und hohe menschliche Opfer leichter durch übergeordnete Staatsziele gerechtfertigt werden können.
Die beiden Gesellschaften streiten damit nicht mehr nur darüber, wie Stalin zu beurteilen ist. Sie leben zunehmend in verschiedenen historischen Welten. Aus einer vor drei Jahrzehnten noch ähnlich widersprüchlichen sowjetischen Erinnerung sind zwei nahezu entgegengesetzte Erzählungen entstanden.
In Russland wird Stalin mehrheitlich als großer Staatsführer erinnert. In der Ukraine ist er überwiegend zum Symbol jener Vergangenheit geworden, von der sich das Land lösen will.
Die Grenzen des Vergleichs
Die Fragestellungen beider Institute sind weitgehend gleich und erlauben einen belastbaren Langzeitvergleich. Die Erhebungsmethoden unterscheiden sich jedoch. Lewada befragte im Juli 1.612 Erwachsene in Russland persönlich zu Hause. Das ukrainische Institut KIIS führte im Juni telefonische Interviews mit 1.005 Erwachsenen.
Die ukrainische Stichprobe umfasst nur Menschen in den von der Regierung kontrollierten Gebieten. Bewohner der besetzten Gebiete und nach Februar 2022 ins Ausland Geflüchtete wurden nicht befragt. Hinzu kommen mögliche Antwortverzerrungen unter Kriegs- und Repressionsbedingungen – in beiden Ländern, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
Die Größenordnung des Gegensatzes ist jedoch so erheblich, dass sie sich mit methodischen Unterschieden allein nicht erklären lässt.

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