Zum Anschlag auf die Petersburger Metro – Gedanken unserer Leute vor Ort

[aktualisiert 3.4.2017] russland.NEWS und russland.TV sind mit drei Mitarbeitern in Sankt Petersburg vertreten. Als häufige Nutzer der Sankt Petersburger Metro fühlen sie sich in ihrer bis dahin friedlichen Metropole sehr betroffen.

Susanne Brammerloh:

Der Terror ist bei uns angekommen

Die Anschläge in der Petersburger Metro sind ein Schock. Erst gestern bin ich am Sennaja in der U-Bahn gewesen – es ist die nächstgelegene Station, die ich seit Jahrzehnten benutze. Wir in Petersburg waren es gewöhnt, dass Terror „immer woanders“ herrscht, nur nicht bei uns. Heute wurden wir auf grausame Weise eines Besseren belehrt.

Diese Anschläge haben etwas verändert. Das Gefühl, in dieser Stadt sicher zu sein, ist erst einmal dahin. Und es stellen sich Fragen: Wozu diese Metalldetektoren am Eingang in die U-Bahn, wozu die Milizionäre, wenn, wer mit böser Absicht kommt, auch ungeschoren hineingelangen und sein böses Werk tun kann?

Niemand von meinen Freunden und Bekannten ist verletzt, haben zahlreiche Telefonate ergeben. Wir haben alle Glück gehabt und sind nicht zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Sich vorzustellen, was die Menschen, die dieses Glück nicht hatten, erleben mussten, ist unerträglich, der blanke Horror.

Anna Smirnowa:

Ein ganz normaler Tag, alles wie immer, an einem solchen Tag kann sicher nichts Schlimmes passieren, denkt man. Ich habe heute Freunde getroffen, wir haben uns verabschiedet und nach einer knappen Stunde bekomme ich eine Nachricht: „Gut, dass wir heute mit dem Auto gekommen sind. Eine Explosion auf der Technologitscheskij“.

Meine Haare sträuben sich. Ein junges Paar mit einem kleinen Kind ist nur dank einem Zufall am Leben geblieben. Ich fange sofort an, meine Verwandten anzurufen – die Verbindung ist sehr schlecht, ich muss mehrmals wählen, bis ich durchkomme. Das Netz ist überlastet -wahrscheinlich rufen alle an. Mein Herz stoppt, als ich höre, dass das Handy von meiner Mutter ausgeschaltet ist. Gut, dass sie zwei hat – beim ersten ist einfach Akku leer.

Zur selben Zeit bekomme ich haufenweise Nachrichten von meinen Freunden und Verwandten aus Piter, Nowgorod, Murmansk, Nischnij Nowgorod: „Alles in Ordnung?“, „Seid ihr alle am Leben?“ usw. Niemand von meinen Bekannten wurde verletzt. Aber dasselbe war vor anderthalb Jahren, als das Flugzeug über dem Sinai explodierte. Erst später habe ich erfahren, dass es dort doch Bekannten von Bekannten von Bekannten gab… An solchen Tagen verstehe ich, dass meine Stadt mit über 5 Mio. Einwohner eigentlich sehr klein ist… Ich könnte auch in diesem Zug sein – in der letzten Wochen bin ich öfters mit meinem Sohn in der U-Bahn von Sankt Petersburg unterwegs gewesen. Und genau zu dieser Zeit – wenn es in der Metro nicht so viel Menschen gibt.

Jetzt weiß ich schon nicht mehr, wann wieder wage, wohin zu fahren. Man glaubt nie, dass so was hier und jetzt passieren kann. Doch, es kann. Jetzt sind es vier Stunden nach der Explosion und ich sehe aus dem Fenster einen riesigen Stau. Die ganze Stadt steht. Vor einigen Minuten ist mein Mann nach Hause gekommen – er ging zu Fuß eine Stunde lang nach Hause von seiner Arbeit. Meine Eltern sind noch nicht da und ehrlich gesagt kann ich mir einfach nicht vorstellen, wie lange sie brauchen, um nach Hause zu kommen, weil sie ziemlich weit weg arbeiten. Also das ist eine Tragödie, die mehr oder weniger jeden Stadtbewohner betroffen hat.

Lothar Deeg:

Als ich heute Mittag den Hund ausführte, wie üblich in dem kleinen Park bei der Moschee, machte ich mir aus irgendeinem Grund meine Gedanken, dass Petersburg doch mittlerweile eine erstaunlich sichere, ordentliche und berechenbare Stadt geworden ist – zumindest im Vergleich zu  anderen europäischen Metropolen. Vielleicht lag es daran, dass mir am Morgen, als ich meinen Sohn zur Schule fuhr, es aufgefallen war, dass heute alle Autofahrer irgendwie dezent und zurückhaltend unterwegs waren. Ausnahmsweise mal keine Raser, keine Drängler, keine Rotlichtfahrer …

Ich gebe zu, Terrorismus kam mir dabei als Problem überhaupt nicht in den Sinn – so weit weg war diese Bedrohung wohl bisher. Ich sinnierte eher darüber, dass ich schon lange keine aggressiven betrunkenen Proletarier gesehen und schon lange nichts mehr von brutalen Attacken irgendwelcher Neonazis gehört hatte. Dass es keine offene Drogenszene gibt. Und dass ich zu jeder Tages- und Nachtzeit durch diese Stadt laufe, ohne mich unsicher fühlen zu müssen.

Anderthalb Stunden später rief mein Sohn aus der Schule an: In zwei Metrostationen, er nannte die Namen, seien Bomben explodiert. Alle in der Schule sprächen darüber. Einen Moment lang wollte ich ihm nicht glauben. Zum einen hatte ich noch zehn Minuten zuvor russische Nachrichten-Webseiten angesehen – und da war nichts. Zum anderen – was erzählen sich die Kids in der Schule nicht alles, die können ja die Realität kaum noch von ihren Videospielen unterscheiden … Doch Igor klang ernsthaft beunruhigt. Was logisch ist: Normalerweise bringe ich ihn mit dem Auto zur Schule, lasse das Fahrzeug dann aber dort stehen und fahre mit der Metro wieder nach Hause zum Arbeiten – und dann wieder mit der Metro retour zur Schule, ihn abholen. Dabei steige ich am Sennaja Ploschtschad um – wo angeblich eine Bombe explodiert sei. Ich konnte ihn beruhigen: Heute hatte ich noch Einkäufe gemacht – und war mit dem Auto nach Hause gefahren.

Nachrichtenwebseiten wie RBK und newsru.com bestätigten  Igors verstörende Infos. Fontanka.ru, das lokale Internetmedium Nr. 1, war nicht aufzurufen – offenbar war die Seite kollabiert. Eine Redaktion aus Österreich rief an und bestellte bei mir einen Artikel zu dem Terrorakt.

Zur Schule fuhr ich ohne besondere Vorkommnisse. Nur diesmal mit eingeschaltetem Autoradio. „Radio Zenit“ brachte allerdings um halb nur die Sportnachrichten …

Als wir den Rückweg antraten, beschäftigte mich die von Schwiegermuttern inzwischen per Telefon verbreitete Info, es habe auch in einem Omnibus in unserem Stadtteil eine Explosion gegeben. Das habe ihr Neffe mitgeteilt – und der arbeitet schließlich bei den Verkehrsbetrieben. Ich hätte besser bei yandex die Staulage checken als im Internet nach einer Bestätigung für dieses Gerücht suchen sollen. Jedenfalls gerieten wir am Newa-Ufer in einen kolossalen Stau: Inzwischen war die Metro komplett evakuiert worden, in der Innenstadt gab es zahlreiche Straßensperren. Und der Verkehr war schlichtweg zusammengebrochen, nichts ging mehr.

Nachdem wir für 1,5 Kilometer  45 Minuten gebraucht hatten, stellten wir das Auto auf den ersten verfügbaren Parkplatz am Straßenrand.  Denn dummerweise war auch der Tank fast leer – und ein Ende des Megastaus nicht abzusehen. Die letzen drei Kilometer nach  Hause gingen wir zu Fuß.  Auf der Litejny-Brücke konnte das Trottoir die Fußgängerströme nicht mehr fassen, manche Leute wichen auf die Fahrbahn aus, denn da standen die Autos auch eher als dass sie fuhren.

Die meisten Leute hielten auf den Finnländischen Bahnhof zu – offenbar in der Hoffnung, ihren Wohnungen im Norden der Stadt mit einer „Elektritschka“ wenigstens nahezukommen.

Am späten Abend  habe ich das gestrandete Auto abgeholt, mit dem Fahrrad. Auch um halb elf war der Straßenverkehr noch sehr lebhaft, und noch immer viele Fußgänger unterwegs. Am Litejny Prospekt stand viel Verkehrspolizei – wie ich danach gelesen habe, war Putin gerade zu einer Besprechung in die FSB-Zentrale gefahren, nachdem er an der Metrostation Technologistscheski Institut Blumen niedergelegt hatte.

Beim abendlichen Ausführen des Hundes – nun schon auf gewohnt leeren Straßen – machte ich mir meine Gedanken darüber, dass sich St. Petersburg in Sachen Sicherheit offenbar doch nicht wesentlich unterscheidet von Paris, London, Moskau, Istanbul, Brüssel, Madrid und Berlin.

Man soll sich vom Terror nicht verängstigen lassen, sagte ich mir. Ich sollte morgen einfach wieder Metro fahren. Ganz stur, als sei nichts geschehen. Als demonstrativen Akt bürgerlichen Widerstands gegen den Wahnsinn der Terroristen.

Aber ich gebe zu: Ich fahre morgen von der Schule wohl lieber mit dem Fahrrad nach Hause  als mit der Metro. Das Bike liegt ja jetzt eh im Kofferraum. Und das Wetter soll angenehm werden. Und ich glaube, ich mache das auch so, auch wenn das Radfahren in St. Petersburg rein statistisch betrachtet deutlich gefährlicher sein dürfte als die Benutzung einer am Vortag zum Terrorziel gewordenen Untergrundbahn. Aber da ist dieses klamme Gefühl der Unsicherheit …