Zeugt Meteorit von einer vertuschten Katastrophe?

Foto: commons.wikimedia/Константин Кудинов CC BY-SA 3.0

Der Meteorit, der im Februar 2013 über der westsibirischen Stadt Tscheljabinsk explodierte, könnte möglicherweise Aufschlüsse über erhöhte radioaktive Strahlungswerte geben, die mit einer verheimlichten Katastrophe zusammenhängen. Wissenschaftler aus Hannover befürchten ein hausgemachtes Desaster.

Augenzeugen muss es vorgekommen sein, als wären es die ersten Boten des bevorstehenden Jüngsten Gerichts. An einem strahlend blauen Winterhimmel zeigte sich ein riesiger Feuerball über der Millionenstadt am Südrand des Urals, zahlreich von Dash-Cams vorbeifahrender Autos festgehalten. In rund 30 Kilometer Höhe explodierte am frühen Morgen des 15. Februar 2013 ein Meteorit und schoss im Verglühen auf die Erde zu. Wie Wissenschaftler kurz danach klären konnten, war der Himmelskörper ein Produkt einer gewaltigen Asteroiden-Kollision im All, bei der der Mutterasteroid mit 1400 bis 5400 Kilometer pro Stunde mit einem anderen Objekt zusammenstieß.

In den Wochen und Monaten danach wurden mehr als 100 Bruchstücke des Meteoriten gefunden, zum Teil bis zu Hunderte Kilogramm schwer. Ursprünglich habe der Stein aus dem All ein Gewicht von 10.000 Tonnen gehabt. Mindestens 76 Prozent des Meteoriten seien bei der Explosion verdampft, schätzen die Forscher. Beim, von einem lauten Knall begleiteten, Auseinanderbrechen des Meteors wurde eine gewaltige Druckwelle frei, die etwa der Energie von 30 Atombomben von Hiroschima entsprach. Fensterscheiben im weiten Umkreis zerbarsten, über 1.500 Menschen wurden durch Glassplitter verletzt und mussten medizinisch behandelt werden.

Die Schäden erfassten sechs Städte im Umkreis der Explosion, in denen laut den Behörden 3.700 Gebäude beschädigt wurden. Der Rest des Meteoriten durchschlug die Eisdecke eines Sees und hinterließ einen Krater von sechs Metern Durchmesser. Sofort waren Sammler vor Ort und Bruchstücke, die verstreut in der Landschaft lagen, tauchten nicht recht viel später im Internet wieder auf. Auch Horden von Wissenschaftlern aus aller Welt stürzten sich auf die steinernen Hinterlassenschaften, um sie eingehend zu untersuchen. Im darauffolgenden Oktober konnte schließlich das größte Fragment des Meteoriten aus dem Schlamm des Seegrunds geborgen werden. Es wog mehr als 570 Kilogramm.

Strontium in den Fundstücken

An den Bruchstücken des Meteoriten fanden nun Wissenschaftler Partikel von Cäsium-137, dass durch Kernspaltungsprozesse entsteht. Jedoch sei der Strahlungsanteil nicht natürlicher Art, verwies der österreichische „Kurier“ auf den Physiker Georg Steinhauser vom Institut für Radioökologie und Strahlenschutz der Universität Hannover. Anhand forensischer Methoden habe man, laut Steinhauser, beweisen können, dass die Strahlung des Meteoriten mit der folgenschweren Katastrophe 1957, als die Lagertanks der Nuklearanlage „Majak“ unweit der russischen Stadt Kyschtym explodierten, zusammenhinge.

Nach dem Unglück schoss eine kochende Säure-Fontäne aus dem Reaktor und legte sich als hochradioaktiver Nebel über die Wälder, Seen und Dörfer der Umgebung. „Insgesamt wurde sogar mehr Radioaktivität freigesetzt als in Fukuschima“, wird der Strahlen-Experte Steinhauser von „Krone.at“ zitiert. Bewiesen habe der Zusammenhang mit der 60 Jahre alten Katastrophe können werden, weil das Forscherteam aus Hannover in den Gesteinsproben nicht unerhebliche Mengen von Strontium-90 gefunden hätte. Ein Wert, der für Menschen jedoch noch nicht gefährlich sei. Dies sei für den Physiker Steinhauser ein klassischer Indikator für den Unfall in der Nuklearanlage „Majak“.

In der Anlage erzeugten die Sowjets damals Plutonium für das sowjetische Atomwaffenprogramm. Dabei seien Cäsium-137 und Strontium-90 als Rückstand übrig geblieben, wie dem „Kurier“ zu entnehmen ist. Während man Cäsium für medizinische Präparate und technische Zwecke brauche, fände sich für Strontium keine Verwendung. Laut Steinhauser sei Strontium „ein besonders langlebiger, radioaktiver Stoff und wie sich zeigte, noch immer im Boden, auch nach Jahrzehnten“. Auch die Beschaffenheit der Erde um die Einschlagstelle sei ungewöhnlich gewesen.

Das Blatt zitiert Steinhauser folgendermaßen: „Sie (die Erde) war komplett ferromagnetisch. Ich habe mit einem Spatel darin herumgestochert und es wirkte so, als würde er die Teilchen bewegen.“ Die Wissenschaftler seien demnach zu dem Entschluss gelangt, dass der Meteorit auf einer radioaktiv kontaminierten Müllhalde eingeschlagen sein müsse. Außerdem sei das Mineral Troilit in der Erde des Fundortes nachgewiesen worden. „Das kann wiederum nur vom Meteoriten stammen“, wisse der Physiker. Dem „Kurier“ zufolge würden diese Forschungsergebnisse demnächst im Fachjournal „Meteoritics & Planetary Science“ veröffentlicht werden.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.