Zenit holt den Pokal, „russisches Leicester“ Rostow träumt vom Meistertitel

Susanne Brammerloh/russland.RU (c)Susanne Brammerloh/russland.RU (c)
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Das ging am Montag in Kasan eindeutiger aus als erwartet: Den Fußball-Landespokal nimmt Zenit mit nach Hause, das sich gegen ZSKA Moskau eindeutig mit 4:1 durchgesetzt hat. Im Rennen um die Meisterschaft bleibt es dagegen weiter spannend – ZSKA, Rostow, Krasnodar, Zenit und Loko haben vier Tage vor Saisonende noch Chancen auf den Titel. Unter den Anwärtern auf den Pott tut sich ganz besonders Rostow hervor – die Südrussen haben längst den Beinamen „russisches Leicester“ verpasst bekommen.

In diesem Jahr war die tatarische Hauptstadt Kasan Austragungsort des Endspiels um den russischen Landespokal, und diese Wahl erwies sich als goldrichtig. In der sportbegeisterten Stadt fanden über 36.000 Menschen den Weg in die moderne Kasan-Arena – für das „pokalfaule“ russische Publikum an sich schon eine Meisterleistung.

Ein Elfer bringt das Spiel auf Touren

Die Zuschauer wurden nicht enttäuscht, auch wenn das Spiel zunächst nur langsam in die Gänge kam. Und hätte (hätte, hätte, Fahrradkette, der Konjunktiv im Fußball…) – ja, wäre da nicht das Foul von Mario Fernandez an Oleg Schatow gewesen, dem ein sicher verwandelter Elfmeter, getreten von Hulk, folgte, dann wären die Mannschaften zur Pause wohl ohne Tore in die Kabinen gegangen.

Aber so war ZSKA gezwungen, etwas zu tun – und die Antwort folgte sozusagen im Handumdrehen: Aaron Olanare versenkte nur zwei Minuten später den Ball im Netz der Petersburger. Der Reigen war also eröffnet, in Aussicht stand ein ausgeglichener Kampf auch in Durchgang zwei. Aber dazu hatte Zenit offensichtlich eine ganz andere Meinung.

An die Wand gespielt

Das Ende vom Lied für die Armeekicker begann zehn Minuten nach Wiederanpfiff, als Axel Witsel, Hulk und Alexander Kokorin die ZSKA-Abwehr und ihren Versuch, ein künstliches Abseits zu organisieren, sauber austricksten: Witsel passte auf Hulk, der stand im Abseits, legte den Ball jedoch quer zu Kokorin, und der hatte keine Mühe, die Kugel in den Kasten zu befördern – 2:1!

Weiter, finsterer für die Moskauer: Wassili Beresuzki zieht im Strafraum die Notbremse gegen Kokorin, der Altmeister fliegt mit Glatt-Rot vom Platz, Hulk lässt sich ein weiteres Mal nicht lumpen und erhöht per Strafstoß auf 3:1. Den endgültigen Sargnagel für ZSKA hämmert in der 70. Minute Artur Jussupow in die Maschen.

Premierliga spannend bis zum Schluss

Pokal ist Pokal, da kann alles passieren – diese bekannte Fußballweisheit hat sich in Kasan wieder einmal bewahrheitet. Ein ganz anderes Ding ist die laufende Meisterschaft. Da ist – anders als in der Bundesliga – noch alles offen. Gleich fünf Mannschaften haben die Chance auf den Pott – ZSKA steht zurzeit mit 53 Punkten ganz oben, gefolgt von Rostow (51), Krasnodar und Zenit (je 49) und Lokomotive Moskau (46).

ZSKA und Zenit konnten in der letzten Wochen ihre Ligaspiele souverän für sich entscheiden (3:0 gegen Ural bzw. 4:1 gegen Kuban). Auch Krasnodar setzte sich locker gegen Anschi, den Abstiegskandidaten Nr. 1, durch. Federn ließen dagegen Loko (0:2 gegen Spartak) und Rostow, das sich dem Außenseiter Mordowija überraschend mit 1:2 geschlagen geben musste.

Mit Allahs Hilfe – Rostow will ganz nach oben

Zu Rostow noch ein paar Worte extra: Letztes Jahr schrammte der südrussische Traditionsverein (für die älteren Fußballinteressierten – sagt Ihnen der Name Rostselmasch noch etwas?) haarscharf am Abstieg vorbei. Und dieses Jahr kämpft Rostow um den Meistertitel. Und das trotz eklatanter Geldsorgen – zu Beginn der Saison gab es gar monatelange Lohnausstände für die Kicker.

Längst zum „russischen Leicester“ gekürt, liegt der Schlüssel zum Erfolg zu einem großen Teil an der Person des Cheftrainers – der tiefgläubige Muslim Kurban Berdyjew, der seine Gebetskette auch am Spielfeldrand nicht aus der Hand legt, hat aus einem eher mittelmäßigen Haufen Spieler ein eingeschworenes Kollektiv zusammengebaut.

Berdyjew, früher verschrien als einer, der sich nur aufs Mauern versteht und von Offensivfußball keine Ahnung hat, ist auf dem besten Weg, den bescheidenen Verein aus Rostow am Don zur Meisterschaft zu führen. Dies gelang ihm 2008 und 2009 bereits, auch damals völlig überraschend, mit Rubin Kasan. Mit den Kickern von der Wolga besiegte er sogar einmal Barcelona – in der Champions-League-Saison 2009/2010 gelang Rubin im Camp Nou ein sensationelles 2:1. Dem glatzköpfigen Turkmenen ist also einiges zuzutrauen.

[sb/russland.RU]