Zenit-Fans stürmen das Feld – Aus der Traum vom friedlichen Miteinander

[Von Susanne Brammerloh] Das Spiel am Sonntag hätte für Petersburgs Zenit der entscheidende Schritt zur diesjährigen Meisterschaft sein können. Stattdessen endete es mit dem Sturm von wütenden Fans aufs Feld, Spielabbruch, wahrscheinlich saftigen Disziplinarstrafen und… einer herben Enttäuschung für alle, die sich über den immer besser werdenden Dialog zwischen Ultras und Verein gefreut hatten. Hier eine kleine Rekapitulation der Ereignisse und ein paar Gedanken darüber, wie es jetzt wohl weitergeht in der Petersburger Fangemeinde.

Zwei Spieltage vor Ende der Saison stand Zenit ganz oben in der Tabelle und hatte es selbst in der Hand/in den Beinen, sich „den Pott“ zu holen. Zu Gast war Dynamo Moskau, einer der prinzipiellen und am schwersten „spielbaren“ Gegner der Blauweißblauen von der Newa. Aber statt eines Fußballfestes gab es erst ein sehr mäßiges Spiel der Heimmannschaft, die kurz vor Schluss mit 2:4 im Hintertreffen lag, und dann noch einen gewaltigen Skandal, der schlimme Folgen haben könnte.

Dutzende Leute aus der Fankurve waren kurz vor Spielschluss über den Zaun geklettert und bevölkerten den Raum zwischen den Tribünen und dem Tor, auf das in der zweiten Halbzeit Zenit spielte. Die Stewards griffen nicht ein, von Polizei war nichts zu sehen. Dass die Polizei aus dem Stadionrund verbannt wurde, gehört zu den guten Entwicklungen im Dialog zwischen Fans und Club.

In diesem Fall hätte sie aber vielleicht Schlimmeres verhindern können. So ergoss sich die wütende Menge schließlich aufs Spielfeld, wo sich inzwischen mehrere Fußballer in die Haare gekriegt hatten. Die Spieler machten, als sie die Massen anfluten sahen, dass sie davonkamen, rannten in Richtung Tunnel. Ein Akteur der Gegenmannschaft war allerdings nicht schnell genug und bekam von einem der „starken Jungs“ die Faust ins Gesicht, dass es krachte.

Das unterbrochene Spiel wurde schließlich nicht fortgesetzt, es blieb beim 2:4. Am 14. Mai tagt der Disziplinarausschuss der Premierliga. Wahrscheinlich wird Zenit eine technische Niederlage (0:3) und eine saftige Geldstrafe aufgebrummt. Möglich ist auch die Disqualifizierung des Petrowski-Stadions für ein oder mehr Heimspiele in der kommenden Saison.

Das sind sozusagen die „rein technischen“ Folgen. Schlimmer wiegt aber etwas anderes – ganz sicher wird die Polizei ins Stadion zurückbeordert, die Kontrollen werden verschärft und die Konfrontation zwischen den „aktiven Fans“ und dem Rest der Fußballgemeinde, die eh stets latent zugegen ist, gewinnt an Fahrt.

Die Leute, die da gestern ihren negativen Emotionen freien Lauf gelassen haben, sollten sich „nach der Schlacht“ fragen, warum sie dem Verein, der ihnen laut eigenem Bekenntnis fast das Leben bedeutet, solch groben und großen Schaden zufügen. Zenit hat schlecht gespielt? Ja, eindeutig. Aber ist das blinde Austoben der Wut ein Ausweg? Jetzt muss alles wieder neu aufgebaut werden – Vertrauen, Kooperation, Koexistenz. Vielen, die gestern Augenzeugen dieses groben Unfugs waren, ist jedenfalls erst einmal die Lust vergangen, mit solchen Leuten in einem Block zu stehen.

Die Meisterschaft ist dagegen immer noch möglich .Lokomotive Moskau patzte ebenfalls und liegt jetzt auf Rang drei, Zenit auf dem zweiten Platz und ganz oben steht jetzt ZSKA. Der letzte Spieltag wird entscheidend. Für viele Fans des FC Zenit ist die Saison aber verdorben, und die Meisterschaft, sollte sie denn kommen, wird einen bitteren Beigeschmack haben.

Foto: M. Barth

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.