Zenit-Arena: Petersburg feuert Hauptauftragnehmer und riskiert Verlust der WM 2018

Foto: Eugen von Arb/SPZ ©Foto: Eugen von Arb/SPZ ©
image_pdfimage_print

Zu 85 Prozent fertig, im Oktober ist das Stadion zur Übergabe bereit, Zenit kann schon in der kommenden Saison in seiner neuen Arena spielen – in letzter Zeit häuften sich die frohen Botschaften und es sah tatsächlich so aus, als würde es doch noch gut aussehen für die ständig teurer werdende Langzeitbaustelle auf der Kreuzinsel. Aber nun kommt es zum Superskandal – die Stadt St. Petersburg hat den Vertrag mit dem Generalauftragnehmer aufgekündigt und sucht im Hau-Ruck-Verfahren einen neuen. Beide Seiten warfen sich gegenseitig vor, das Großprojekt zum Scheitern bringen zu wollen. Die FIFA spitzt sicher schon die Ohren.

Laut Angaben des Stadtportals Fontanka.ru war der große Krach seit Langem abzusehen gewesen – die Stadtregierung war ständig unzufrieden mit dem ihrer Meinung nach zu niedrigen Arbeitstempo, ausstehenden Zahlungen an Subunternehmer und der zu geringen Zahl an auf dem Bau eingesetzten Arbeitern. Der Generalauftragsgeber, das Unternehmen Inschtransstroi-SPb, warf der Stadt vor, absichtlich die Abnahme bereits abgeschlossener Arbeiten hinauszuzögern und alles dafür zu tun, um die Fristen platzen zu lassen. In einer offiziellen Erklärung der Firma war gar von „Erpressungstaktik“ die Rede.

Feindliche Übernahme“

Aber alles der Reihe nach: Am Mittwoch kam es zu einer kurzen Kundgebung, als sich am Abend etwa 100 Arbeiter zusammenfanden und die Ein- und Ausgänge zur Baustelle blockierten. Sie forderten ihren seit zwei Monaten ausstehenden Lohn. Die Verantwortung für diese Aktion schoben sich die Streithähne ebenfalls gegenseitig zu – die Stadt sah darin ein Druckmittel seitens des Generalauftraggebers, und der sprach von einem angeblich von der Stadt sanktionierten „Versuch der feindlichen Übernahme“.

Am Freitag zog der Bauherr die Reißleine und kündigte den Vertrag mit Inschtransstroi-SPb. auf. Die Arbeiten im Stadion laufen indessen weiter. Nun steht die Mammut-Aufgabe bevor, einen neuen Generalunternehmer ins Boot zu holen und das Stadion in der vorgesehenen Frist fertigzustellen. Die Übergabe war für Oktober 2016 angesetzt, im nächsten Sommer sollen auf der Kreuzinsel vier Spiele um den Konföderations-Cup ausgetragen werden, darunter das Eröffnungsmatch und das Finale.

Sportminister Mutko: „Sie sind dazu verdammt, sich zu einigen“

Aus dem Organisationskomitee für die WM 2018 verlautet inzwischen, man hoffe „auf einen Kompromiss“ und suche zum jetzigen Zeitpunkt nicht nach einem Ersatz-Austragungsort. Sportminister Vitali Mutko fand sehr deutliche Worte, sollte das Problem nicht gelöst werden: „Sie sind dazu verdammt, sich einig zu werden“, sagte er am Donnerstag gegenüber „R-Sport“. Und: „Wenn es da einigungsunfähige Leute gegen sollte, wird das ein Gespräch in einem ganz anderen Bereich.“ Womit er offensichtlich die höchste Ebene meinte – die russische Regierung und Wladimir Putin.

Wie sich zeigt, konnte keine Einigung erzielt werden. Nun hängt alles davon ab, wie schnell die Stadt einen neuen Generalunternehmer findet und die Arbeiten weitergehen. Das überlaute „Türenschlagen“ im Smolny wird der Sache aber kaum einen guten Gefallen getan haben.

Ein Denkmal für die Korruption“

Der skandalumwitterte Bau der neuen Arena für Zenit St. Petersburg hat also ein neues unrühmliches Kapitel aufgeschlagen. Zenit-Edelfan Michail Bojarski, ein bekannter und beliebter Schauspieler, kommentiert die Lage gegenüber „Sport-Express“: „Das bewegt nicht nur mich, sondern alle in unserer Stadt. Alle Radiosender senden Informationen über irgendwelche feindlichen Übergriffe, darüber, dass die Beamten Hindernisse in den Weg legen. Wie lange soll das noch so weitergehen? Die Situation ist ausweglos! Diese Geschichte ist schon lange zum Gespött geworden. Solange Wladimir Wladimirowitsch Putin sich das nicht zur Aufgabe macht, wird nichts gelöst. (…) Wie man bei uns sagt: Da wird ein Denkmal für die Korruption gebaut.“

Am Stadion wird bereits acht Jahre gebaut, obwohl Zenit ursprünglich bereits 2009 dort spielen sollte. Die Arbeiten wurden mit jedem Jahr teurer – aus den ursprünglich vorgesehenen 6,7 Milliarden Rubeln (nach heutigem Kurs knapp 100 Millionen Euro) wurden schließlich fast 40 Milliarden (570 Millionen Euro). Dabei wurden die Fristen mehrmals nach hinten verschoben. Die Zenit-Arena wird das erste Stadion in Russland mit Schiebedach und ausfahrbarem Rasen sein.

[sb/russland.NEWS]