Trotz der Zugangsbeschränkungen verbringen russische YouTube-Nutzer wieder deutlich mehr Zeit auf der Plattform. Eine Untersuchung zeigt, wie schwer sich gewachsene Sehgewohnheiten durch heimische Angebote ersetzen lassen. Allerdings erfasst sie nur einen Teil des Videomarktes.
YouTube lässt sich ausbremsen. Die Bindung seines Publikums an die Plattform lässt sich offenbar schwerer lösen. Im ersten Halbjahr 2026 stieg die durchschnittliche tägliche Sehdauer je YouTube-Nutzer in Russland um 24 Prozent auf 99 Minuten. Im entsprechenden Vorjahreszeitraum war sie noch um 28,6 Prozent zurückgegangen. Das berichtet Kommersant unter Berufung auf eine Untersuchung von Future Lab, einem Unternehmen der Starlink-Gruppe.
In der untersuchten Auswahl großer Videoplattformen nahm die durchschnittliche Sehdauer pro Nutzer um sechs Prozent auf 87,7 Minuten täglich zu. Ohne YouTube ergab sich dagegen ein Rückgang um fünf Prozent. Der ausgebremste ausländische Dienst trägt damit den Zuwachs im erfassten Markt.
Für die von Kommersant befragten Branchenkenner zeichnet sich darin das Ende einer besonderen Wachstumsphase ab. In den Jahren 2024 und 2025 hatten Nutzer angesichts der erschwerten YouTube-Nutzung andere Angebote ausprobiert. Ein solcher Wechsel auf Probe schafft jedoch noch keine dauerhafte Bindung. Nun gewinnen offenbar wieder jene Eigenschaften an Gewicht, mit denen YouTube sein Publikum schon zuvor gehalten hatte: ein großes Angebot attraktiver Inhalte und Empfehlungen, die den jeweiligen Interessen entsprechen.
Alexander Tunik vom Branchenportal Rating Runet sieht gerade bei den Empfehlungsalgorithmen einen Rückstand russischer Plattformen. Sie erfüllten die Erwartungen der Nutzer weniger gut als der ausländische Konkurrent. Hinzu kommt ein Vorteil, der sich nicht kurzfristig nachbauen lässt: Über Jahre angesammelte Videos, ihre Urheber und deren Publikum bilden ein Geflecht, das sich nur schwer auf eine andere Plattform übertragen lässt.
Die Zahlen verlangen allerdings eine genaue Lesart. Future Lab stützt sich auf Mediascope Cross Web und erfasst die Nutzung auf Computern und Mobilgeräten. Smart-TV-Nutzung und auf fremden Webseiten eingebettete Videos bleiben im Hauptvergleich außen vor. Auch VK Video fehlt, weil die zugrunde liegenden Daten VK nicht ausreichend nach einzelnen Diensten aufschlüsseln. Eine Bilanz des gesamten russischen Videokonsums ist das deshalb nicht.
Wie entscheidend die Messweise ist, zeigt Rutube. Mit eingebetteten Videos sank dort laut Future Lab die tägliche Sehdauer pro Nutzer um 4,7 Prozent auf 41 Minuten. Ohne diese Einbettungen stieg sie dagegen um 9,5 Prozent auf 62,8 Minuten. Rutube widerspricht dem Bild eines Rückgangs und verweist auf einen anderen Maßstab: Bezogen auf die Bevölkerung habe die Sehdauer einschließlich eingebetteter Videos um 9,1 Prozent zugenommen. Diese Kennzahlen sind nicht unmittelbar miteinander vergleichbar.
Ebenso wenig bedeutet YouTubes Plus von 24 Prozent, dass die Plattform entsprechend mehr Nutzer gewonnen hätte. Gemessen wurde, wie lange ihre Nutzer zuschauen. Über deren politische Einstellungen oder bevorzugte Videoinhalte sagt die Untersuchung nichts aus.
Dennoch deutet der Befund auf eine Grenze des erzwungenen Plattformwechsels hin: Erschwerter Zugang kann Menschen dazu bringen, Alternativen auszuprobieren. Ob sie dort bleiben, entscheidet sich auch daran, was sie sehen wollen – und wie zuverlässig sie es finden.

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